Fantasy-Stadt im Stil eines MMORPGs mit angekettetem Serverrack, Richterhammer und Klageschrift als Symbolbild für die Klage von Blizzard gegen den WoW-Privatserver Project Ascension.
Blizzard fordert die Abschaltung von Project Ascension und wirft den Verantwortlichen unter anderem Urheberrechtsverletzungen und DMCA-Verstöße vor.
Bildquelle: ChatGPT

Blizzard verklagt Project Ascension: Droht einem der größten WoW-Privatserver das Aus?

Blizzard verklagt Project Ascension wegen Urheberrechtsverletzungen, DMCA-Verstößen und RICO-Vorwürfen. Droht dem WoW-Privatserver das Aus?

Blizzard Entertainment, der Entwickler von World of Warcraft, verklagt Project Ascension und geht damit erneut mit voller juristischer Härte gegen die WoW-Privatserver-Szene vor. Diesmal trifft es einen der bekanntesten World-of-Warcraft-Fanserver weltweit. Die Vorwürfe reichen von Urheberrechtsverletzungen über die Umgehung technischer Schutzmaßnahmen bis hin zu RICO-Anschuldigungen. Der Publisher fordert die Abschaltung des Projekts sowie Schadensersatz.

Nach dem Ende von Turtle WoW nimmt Blizzard Entertainment nun das nächste große Community-Projekt ins Visier. Wie zuerst Aftermath berichtete, hat der Spielekonzern vor einem US-Bundesgericht Klage gegen die Betreiber von Project Ascension eingereicht. Das Unternehmen wirft ihnen vor, millionenfach urheberrechtlich geschützte Inhalte von World of Warcraft zu verbreiten, technische Schutzmechanismen zu umgehen und mit dem Angebot erhebliche Einnahmen erzielt zu haben.

Die vollständige Klageschrift ist über die Gerichtsplattform CourtListener öffentlich einsehbar. Sie umfasst zudem ungewöhnlich weitreichende Vorwürfe, darunter Verstöße gegen den Digital Millennium Copyright Act (DMCA) sowie Ansprüche nach dem US-amerikanischen RICO-Gesetz (Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act), das eigentlich zur Bekämpfung organisierter Kriminalität geschaffen wurde.

Das in den 1970er-Jahren eingeführte Gesetz richtet sich eigentlich gegen mafiöse und andere organisierte kriminelle Strukturen. RICO ermöglicht es Klägern, mehrere mutmaßlich zusammenhängende Handlungen und Beteiligte als Teil eines gemeinsamen Netzwerks oder Unternehmens vor Gericht geltend zu machen. Die Berufung auf RICO zählt zu den ungewöhnlichsten und schärfsten Elementen der Klageschrift.

Blizzard zieht gegen Project Ascension vor Gericht

In der am 12. Juni beim United States District Court for the Central District of California eingereichten Klage wirft Blizzard den Verantwortlichen hinter Project Ascension vor, ein Geschäftsmodell aufgebaut zu haben, das nach Auffassung des Unternehmens auf der unerlaubten Nutzung von Blizzards geistigem Eigentum basiert.

Demnach sollen die Betreiber modifizierte Versionen des WoW-Clients verbreiten und eigene Server betreiben, die Spielern den Zugang zu einer angepassten Version von World of Warcraft ohne Verbindung zu den offiziellen Blizzard-Servern und ohne aktives WoW-Abonnement ermöglichen. Bereits 2022 sorgte das Projekt Blizzless für Schlagzeilen, als es mehrere Blizzard-Spiele ohne Battle.net-Anbindung lauffähig machte.

In der Klageschrift heißt es, das Projekt habe nach eigenen Angaben mehr als eine Million Spieler erreicht. Blizzard wirft den Verantwortlichen vor, über Jahre hinweg „Millionen piratierter Kopien“ der Spielsoftware verteilt zu haben.

Darüber hinaus behauptet Blizzard, die Verantwortlichen hinter Project Ascension hätten wiederholt auf Aufforderungen des Unternehmens nicht reagiert. Nach Darstellung des Publishers seien frühere Kontaktaufnahmen und Hinweise auf die beanstandeten Aktivitäten weitgehend ignoriert worden. Statt den Betrieb einzustellen oder die beanstandeten Inhalte zu entfernen, sollen die Verantwortlichen das Projekt weitergeführt haben. Dies führt Blizzard als weiteren Beleg dafür an, dass die Betreiber die rechtlichen Risiken ihres Angebots gekannt haben sollen.

Symbolbild zur Klage von Blizzard gegen Project Ascension mit Gerichtsakten, angeketteten Servern und einer Fantasy-Stadt im Hintergrund.
Blizzard verklagt Project Ascension: Die Klageschrift umfasst Vorwürfe wegen Urheberrechtsverletzungen, DMCA-Verstößen und Ansprüchen nach dem RICO-Gesetz.

Publisher nennt mutmaßliche Verantwortliche beim Namen

Anders als bei vielen Verfahren gegen Privatserver, die sich zunächst gegen unbekannte Betreiber oder bisher nicht identifizierte Verantwortliche richten, nennt der World-of-Warcraft-Entwickler hier mehrere Personen mit vollem Namen und teilweise auch Wohnsitzangaben.

Laut Klageschrift sollen unter anderem Derek Powell, Bryan Mannion, Lincoln Simpson, Brien Middaugh, Andrew Seward, Alexander Kozma und Ye Lwin verschiedene Schlüsselrollen innerhalb von Project Ascension übernommen haben. Die Vorwürfe richten sich dabei gegen Entwickler, Administratoren, Community-Verantwortliche sowie die mutmaßlichen Organisatoren hinter dem Projekt.

Darüber hinaus führt Blizzard mehrere Firmen auf, die nach Darstellung der Klägerseite als rechtliche und finanzielle Konstrukte rund um den Betrieb von Project Ascension fungiert haben sollen. Zudem versucht der Spieleentwickler, die Identität weiterer bislang unbekannter Beteiligter aufzuklären.

Project Ascension: Der Privatserver, der Blizzard herausfordert

Project Ascension gehört seit Jahren zu den bekanntesten alternativen WoW-Servern weltweit. Das Projekt unterscheidet sich von klassischen Privatservern vor allem durch sein sogenanntes klassenloses Spielsystem. Spieler können Fähigkeiten verschiedener Charakterklassen frei miteinander kombinieren und so individuelle Figuren erschaffen.

Auf seiner Website beschreibt sich das Team als unabhängiger Betreiber und Entwickler eines kostenlosen Fantasy-MMORPGs. Finanziert werde das Angebot über freiwillige „Donor Points“, die unter anderem für kosmetische Inhalte, Komfortfunktionen und Zugangspakete verwendet werden können. Diese Monetarisierung ist jedoch einer der zentralen Angriffspunkte der Klage. Blizzard argumentiert, dass die Betreiber mit der Nutzung geschützter Inhalte erhebliche Einnahmen erzielt hätten und das Projekt deshalb weit über ein reines Fanangebot hinausgehe.

Bemerkenswert ist bei der Klage die Breite der erhobenen Vorwürfe. Neben mutmaßlichen Urheberrechtsverletzungen wirft Blizzard den Verantwortlichen vor, technische Schutzmaßnahmen des originalen WoW-Clients entfernt oder umgangen zu haben. Nach Darstellung des Unternehmens seien Sicherheitsmechanismen deaktiviert worden, die normalerweise verhindern, dass der Spielclient mit nicht autorisierten Servern kommuniziert. Dadurch hätten Nutzer World of Warcraft außerhalb der offiziellen Infrastruktur verwenden können.

Darüber hinaus macht Blizzard weitere Ansprüche geltend. Dazu zählen laut Klageschrift unter anderem Vorwürfe wegen der vorsätzlichen Beeinträchtigung bestehender Vertragsverhältnisse, der unzulässigen Verwendung von World-of-Warcraft-Marken sowie der Irreführung von Spielern über die Herkunft oder Verbindung des Angebots zu Blizzard. Zudem wirft der Publisher den Beklagten vor, Teil eines koordiniert agierenden Netzwerks gewesen zu sein, das Entwicklung, Betrieb, Vermarktung und Monetarisierung von Project Ascension organisiert habe.

Zudem enthält die Klage Ansprüche nach dem Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act (RICO). Dieses Gesetz wird in den USA üblicherweise gegen organisierte kriminelle Strukturen eingesetzt. Blizzard versucht damit, die Verantwortlichen hinter Project Ascension nicht nur als einzelne Urheberrechtsverletzer, sondern als Teil eines koordiniert agierenden Unternehmens darzustellen, das systematisch von der Verwertung geschützter WoW-Inhalte profitiert haben soll.

Verbindungen zu sanktioniertem Hosting-Anbieter?

Laut der Klageschrift sollen zudem Teile der Infrastruktur des Serverprojekts bei der russischen Aeza Group gehostet worden sein. Das US-Finanzministerium hatte das Unternehmen im Juli 2025 auf die Sanktionsliste gesetzt. Nach Angaben der Behörden soll Aeza Group sogenannte „Bulletproof Hosting“-Dienste angeboten haben. Solche Anbieter gelten als besonders attraktiv für Cyberkriminelle, da sie Beschwerden, Abschaltungsanfragen und Ermittlungen häufig ignorieren oder erschweren.

Blizzard verweist in seiner Klage ausdrücklich auf diese Sanktionen und wertet die mutmaßliche Nutzung entsprechender Dienste als Indiz für vorsätzliches Handeln.

Nach Turtle WoW folgt der nächste Schlag

Erst vor wenigen Monaten endete die Auseinandersetzung zwischen Blizzard und den Betreibern von Turtle WoW. Das Verfahren führte letztlich zu einer dauerhaften Unterlassungsverfügung und zur Einstellung des Betriebs.

Im Oktober 2025 wandten sich die Entwickler von Turtle WoW mit einem offenen Brief an Blizzard Entertainment. Darin forderten sie den Publisher auf, ein offizielles Lizenzierungsmodell für Fan-Server zu schaffen. Nach Ansicht des Teams fehle Blizzard bislang ein rechtlicher Rahmen, der Community-Projekten einen konfliktfreien Betrieb ermögliche. Als Beispiele für eine engere Zusammenarbeit zwischen Rechteinhabern und Fanprojekten verwiesen die Entwickler unter anderem auf Daybreak Game Company, Rockstar Games, Valve und Bethesda. Die Initiative blieb jedoch ohne Erfolg. Statt eines Lizenzprogramms setzt Blizzard seinen juristischen Kurs gegen große WoW-Privatserver fort.

Seitdem beobachten viele Betreiber alternativer World-of-Warcraft-Server die Entwicklung mit Sorge. Mehrere Projekte haben ihre Aktivitäten bereits reduziert oder vollständig eingestellt. Auch Project Epoch verschwand weitgehend von der Bildfläche, nachdem die Entwickler die Unterstützung des Projekts eingestellt hatten.

Aftermath berichtet von personellen Überschneidungen und einer engeren Zusammenarbeit zwischen Project Epoch und Project Ascension.

Die nächste Bewährungsprobe für die Privatserver-Szene

Mit der Klage gegen Project Ascension setzt Blizzard seinen harten Kurs gegen die WoW-Privatserver-Szene fort. Während Fans das Projekt als kreative Weiterentwicklung des MMORPG-Klassikers sehen, betrachtet der Publisher den Serververbund als kommerzielle Ausbeutung seiner geistigen Eigentumsrechte. Der Ausgang des Verfahrens ist derzeit offen. Ob das Verfahren ähnlich endet wie bei Turtle WoW oder ob die Betreiber den Rechtsstreit bis vor Gericht austragen, bleibt damit abzuwarten. Dass Blizzard Project Ascension verklagt, stellt die bisher wohl weitreichendste juristische Auseinandersetzung mit einem WoW-Privatserver seit Turtle WoW dar.

In den sozialen Netzwerken wird die Klage bereits intensiv diskutiert. Viele Spieler sehen darin nicht nur eine Bedrohung für Project Ascension, sondern für die gesamte WoW-Privatserver-Szene.

Über

Antonia ist bereits seit Januar 2016 Autorin bei der Tarnkappe. Eingestiegen ist sie zunächst mit Buch-Rezensionen. Inzwischen schreibt sie bevorzugt über juristische Themen, wie P2P-Fälle, sie greift aber auch andere Netzthemen, wie Cybercrime, auf. Ihre Interessen beziehen sich hauptsächlich auf Literatur.