Wikipedia wirft Larry Sanger raus
Wikipedia wirft Larry Sanger raus
Bildquelle: ChatGPT

Wikipedia sperrt Larry Sanger unbefristet

Wikipedia sperrt Mitgründer Larry Sanger unbefristet. Der Fall verschärft die Kritik an der Schieflage und den vorhandenen Machtstrukturen.

Die englischsprachige Wikipedia hat Larry Sanger unbefristet gesperrt. Damit trifft es nicht irgendeinen Kritiker, sondern den Mitgründer, der seit Jahren davor warnt, dass Wikipedia bei politisch aufgeladenen Themen nicht so offen arbeitet, wie es die Plattform nach außen darstellt.

Der frühere Streit um Jimmy Wales und die Gründerfrage war schon ein deutliches Warnsignal. Damals ging es darum, wer die Online-Enzyklopädie Wikipedia eigentlich gegründet hat und warum man Larry Sangers Anteil bis heute klein redet. Jetzt trifft es Sanger selbst. Aus der alten Gründerfrage wurde damit ein ganz aktueller Sperrfall.

Ein Mitgründer wurde zum Störer

Sanger kritisiert keine Randnotiz und auch keinen einzelnen Artikel. Er greift die Strukturen dahinter an. Quellenpolitik, Administratorenmacht, Konsensverfahren und eingespielte Netzwerke entscheiden darüber, welche Sichtweise als ausgewogen gilt und welche gar nicht erst durchkommt. Dort entsteht der politische Teil von Wikipedia. Nicht über ein offizielles Parteiprogramm, sondern über Auswahl, Begriffe und Quellen.

Die Community begründet die Sperre mit dem etwas irreführenden Begriff „Off-Wiki-Canvassing“. Sanger soll außerhalb von Wikipedia Unterstützer für interne Diskussionen mobilisiert haben. Hinzu kam der Vorwurf, er sei nicht dort, um etwas zur Enzyklopädie beizutragen. In der Sprache der Wikipedia stuft man Larry Sanger deswegen als einen Störenfried ein.

Auch wenn viele es sicherlich gerne hätten, lässt sich der Vorwurf diesmal nicht einfach unter den Teppich kehren. Wikipedia möchte keine internen Abstimmungen, die von außen aufgeheizt werden. Das erklärt aber nicht, warum der aktuelle Fall so heikel ist. Sanger wollte mit dem „WikiProject Intellectual Diversity“ genau die Strukturen verändern, die er seit Jahren öffentlich kritisiert. Für ihn ging es um eine Reform des Wiki-Universums. Für Teile der Community offenbar eher um den Schutz der eigenen Spielregeln.

Larry Sanger
Larry Sanger, Foto: privat (CC BY-SA 4.0).

Der politische Teil entsteht durch Auswahl

Bis heute präsentiert sich die Plattform Wikipedia der Öffentlichkeit als angeblich „neutrales“ Wissensprojekt. Bei politischen und gesellschaftlich umkämpften Themen ist dieser Anspruch jedoch nicht mehr haltbar.

Das bedeutet allerdings nicht, dass man Wikipedia komplett abschreiben oder in die Ecke der Meinungszensur stellen müsste. Der politische Teil ist jedoch problematisch. Dort entscheidet eine eingespielte Community darüber, welche Quellen verwendet werden, welche Begriffe gesetzt werden und wie die Einordnung im Artikel aussehen soll. Das ist keine neutrale Mechanik. Wer Quellen zulässt, andere abwertet und Begriffe festlegt, trifft Wertungen, die ein neutrales Wissensprojekt eigentlich vermeiden sollte.

Diese Texte bleiben nicht in der Wikipedia. Sie landen bei Google, KI-Systeme nehmen sie auf. Außerdem übernehmen viele Leserinnen und Leser die Aussagen als ungeprüfte Wahrheit. Damit tragen alle Beteiligten die politische Einordnung aus dem Artikel weiter. Wird Kritik an dieser Struktur über interne Regeln laut, ändert das nichts an der Vorgehensweise. Dann sammelt Wikipedia nicht nur Wissen, sondern lenkt und beeinflusst im politischen Teil des Projekts auch die öffentliche Wahrnehmung und Meinung.

Israel und Palästina als Beispiel

Das wird besonders beim Israel-Palästina-Konflikt sichtbar. Dort geht es nicht nur um einzelne Wörter in einem Artikel. Es geht auch darum, welche Quellen die Leitung überhaupt noch als gültig ansieht. Welche Begriffe darf man als Autor verwenden? Welche Darstellung soll am Ende bei der Wikipedia als richtig und sachlich erscheinen?

Die NGO Anti-Defamation League (ADL) hat die amerikanische Wikipedia beim Thema Israel vs. Palästina inhaltlich anders behandelt als in anderen Zusammenhängen. Dies hat später sogar offiziell die Wikimedia Foundation bestätigt. Außerhalb dieses schwierigen Themenfelds gilt die ADL bei der Wikipedia weiterhin als eine grundsätzlich verlässliche und brauchbare Quelle. Im Israel-Palästina-Bereich hingegen nicht im selben Umfang. Allein daran wird deutlich, dass die Quellenfrage selbst zu einem ausgedehnten Politikum geworden ist.

Wikipedia inside
Hier unser Interview mit dem Autor.

Wer hat bei der Wikipedia die Deutungshoheit?

Später legte die ADL einen eigenen Bericht vor. Darin wirft sie einer Gruppe von Wikipedia-Editoren vor, Israel-Themen gezielt in eine anti-israelische und antisemitische Richtung gelenkt zu haben. Die ADL ist in diesem Streit allerdings selbst keine neutrale Partei. Der Bericht ist deshalb kein Abschluss der Debatte, untermauert den Vorwurf aber anhand konkreter Beispiele.

Es geht nicht nur um ein paar strittige Wörter, sondern um ganze Editiermuster, schwierige Quellenentscheidungen und den Aufbau kompletter Artikel. Was groß erzählt wird, was man klein hält, mit bestimmten Begriffen versieht oder ganz weglässt, verändert am Ende die klare Aussage eines Artikels. So wird die politische Richtung in einen vermeintlich sachlichen, laut eigener Aussage neutralen Text eingebaut.

Genau hier sitzt auch Sangers verständliche Kernkritik. Wikipedia beschreibt nicht nur politische Konflikte, sondern klassifiziert und sortiert sie auch ein. Und wer das erledigt, besitzt sehr viel Macht – wie wir bei Suchmaschinen mehr als oft genug am eigenen Leib erfahren.

Die Sperre bestätigt die vorhandene Problematik

Sangers Sperre ist deshalb kein normaler Community-Ban. Wikipedia hat Regeln und kann Nutzer sperren, wenn diese ihre Abläufe stören. Hier trifft es jedoch den Mitgründer, der seit Jahren genau diese Abläufe öffentlich kritisiert.

In seinen „Nine Theses on Wikipedia” fordert Sanger unter anderem das Ende unbefristeter Sperren. Kurz darauf erhält er selbst eine unbefristete Sperre. Damit bestätigt Wikipedia genau das Argument seiner Kritiker: Wer die politische Schieflage und die internen Machtstrukturen angreift, den widerlegt man nicht mit Argumenten. Man wirft ihn als „persona non grata“ (unerwünschte Person) aus dem eigenen System.

Sanger hat bei vielen Punkten recht. Doch einige seiner Vorschläge sind gewagt. So können konkurrierende Artikel schnell zu politischen Parallelversionen werden und eine zu offene Quellenpolitik kann schlechte Quellen in die Enzyklopädie einfließen lassen. Die Forderung nach mehr Offenlegung einflussreicher Autoren ist heikel, da Wikipedia-Autoren je nach Thema und Land durch die Angabe ihrer Identität realen Druck und Repressalien riskieren könnten.

Wikipedia widerlegt seine Kritik jedoch nicht, indem es ihn sperrt. Dieser Vorgang liefert eher das Bild, das mehrere Kritiker seit Jahren beschreiben. Wer die politische Schieflage anspricht, landet nicht in einer offenen Reformdebatte, sondern in einem Regelwerk, das die bestehende Struktur schützt. Dann fragt niemand mehr danach, ob die Kritik berechtigt ist. Es geht nur noch um Verfahren, Zuständigkeiten und Regelverstöße. Aus einer Machtfrage kreiert man immer wieder eine Verwaltungsfrage.

Aus der Gründerfrage wird um Larry Sanger die nächste Machtfrage

Die Sperre passt somit zu dem früheren Streit zwischen Wales und Sanger. Bei der Gründerfrage ging es um die Kontrolle über die eigene Geschichte. Bei der Sperre geht es um die Kontrolle über das Wissen der Gegenwart. In beiden Fällen wirkt die Wikipedia nicht wie ein Projekt, das souverän mit Kritik umgeht. Es wirkt wie ein weiteres System, das seine eigene Erzählung schützt. Doch in diesem Fall geht es um den Wissensspeicher der Welt und nicht um irgendeinen Staat, bei dem man ein solches Vorgehen schon oft genug erlebt hat.

Natürlich sollte man die Wikipedia deswegen nicht komplett abschreiben. Das Problem liegt vor allem im politischen Teil, bei sensiblen gesellschaftlichen Themen sowie bei Artikeln, bei denen Begriffe, Quellen und die Auswahl die Richtung vorgeben. Dort ist die Plattform ideologisch geprägt. Sie müsste nachweislich legitime Kritik aushalten. Das tut sie aber nicht.

Ein Mitgründer kritisiert diese Schieflage, fordert Reformen und wird daraufhin unbefristet gesperrt. Formal kann Wikipedia das begründen. Politisch sieht es trotzdem schlecht aus und liefert Kritikern noch mehr Munition. Wikipedia hat damit das Problem mit Larry Sanger nicht gelöst, sondern das eigene Glaubwürdigkeitsproblem vergrößert.