Y-Kollektiv veröffentlicht tendenziöse Reportage über pr0gramm

Das Y-Kollektiv veröffentlicht eine kurze Reportage über das Imageboard pr0gramm. Die Neutralität darf angezweifelt werden.

Schwarzer Kamerarekorder
Bildquelle: Donald Tong

Das von den öffentlich-rechtlichen Medien finanzierte Y-Kollektiv veröffentlicht eine Reportage über das Imageboard pr0gramm. Diese wird von der Community mit Verachtung und Spott kommentiert.

Bereits seit einigen Tagen herrscht Aufregung auf einem der bekanntesten deutschsprachigen Imageboards, pr0gramm.com. Die Ankündigung des Y-Kollektiv, eine Dokumentation über pr0gramm mit Bezug auf die Bereiche NSFW (not safe for work) und NSFL (not safe for life) zu drehen, verursachte einen Shitstorm innerhalb der Community. Bereits kurz nach der Ankündigung der Boardbetreiber wurde das Thema auf pr0gramm intensiv in Form von Memes, spöttischen Videos und Kommentaren diskutiert. Nun wurde die Kurzdoku auf YouTube veröffentlicht – und die Reaktion der User war wie erwartet negativ.

Y-Kollektiv führte Interviews mit Benutzern

Die Dokumentation fokussiert hauptsächlich auf die beiden Ü18-Bereiche NSFW, welcher erotische Darstellungen und leichte Gewalt beinhaltet und NSFL, welcher harte Gewalt und abstoßende Dinge wie Scat beinhaltet. Über diese Bereiche unterhielt sich die Journalistin Carolin von der Groeben mit zwei Benutzern von pr0gramm. Sie wollte vor allem wissen, was Videos von beispielsweise Exekutionen, Suiziden oder dergleichen in ihnen auslöst und aus welchen Gründen sie diese ansehen. Dabei geizt von der Groeben nicht mit der Darstellung ihres eigenen Ekels und dem Unverständnis darüber, solche Inhalte zu konsumieren.

Im Verlauf der Reportage spricht sie mit zwei Benutzern von pr0gramm. „Toni„, der erste Benutzer, spricht dabei offen mit der Journalistin, wird aber durchweg in die psychisch kranke Ecke gestellt. Auch auf eventuelle Gewaltfantasien wird er angesprochen. Des Weiteren spricht sie mit einem anonymen User, den sie „Ben“ nannte. Bei seinem Gespräch ging es hauptsächlich um den Suizid eines seiner Freunde. Dieser sprang vom Ulmer Münster und nahm sich so das Leben.

Das Video des Selbstmordes landete auch auf pr0gramm. Allerdings wurde schnell bekannt, dass auch dieser ein ehemaliger User war. Die Familie des Getöteten wandte sich damals mit der Bitte an pr0gramm, das Video zu löschen, welcher die Moderation schnell entsprach. Ebenso löschten sie Reposts des Videos immer zeitnah. Dies findet in der Reportage allerdings keine Erwähnung. Die Gründe hierfür sind unklar.

Freedom of Speech, pr0gramm

Lesen Sie auch

Tendenziöse und suggestive Berichterstattung

Eine nüchterne, einfühlsame und neutrale Darstellung, wie sie ursprünglich versprochen wurde, vermisst man leider im Bericht des Y-Kollektivs. So wurde keine Gelegenheit ausgelassen, den Fokus auf vorhandene psychische Erkrankungen zu setzen. Betrachter von NSFL-Inhalten begegnet der Bericht mit einer Mischung aus Unverständnis, Abscheu und Ekel. Ebenso werden Benutzer, die sich Gewaltvideos ansehen, unterschwellig als geisteskrank dargestellt.

Von der Groeben zeigt sich entsetzt und empört, dass derlei Content auch von Minderjährigen betrachtet werden könne. Immerhin erwähnt sie, dass die Anfrage des Y-Kollektivs an pr0gramm.com eine Altersverifikation bewirkt hat. Diese Änderung kommentiert sie mit einem „fand ich eigentlich ziemlich geil„.

Dass pr0gramm allerdings nur aus einem sehr kleinen Teil aus Gewaltvideos besteht, erwähnt sie nur kurz und findet später keine weitere Beachtung mehr. Die zahllosen Spendenaktionen an Hilfsorganisationen wie die Deutsche Depressionshilfe, DKMS und andere interessieren sie offenbar nicht. Viel mehr liegt der Fokus auf der moralischen Überlegenheit von Frau von der Groeben, die anfangs mit einem hämischen Gesichtsausdruck kommentiert „mit der Recherche kann ich echt was bewirken„. Bereits im Vorfeld zur Reportage bekam das Y-Kollektiv laut Aussage von Frau von der Groeben bereits erheblichen Gegenwind.

Die User von pr0gramm befürchteten eine einseitige und tendenziöse Reportage, die gezielt ihre Community schlechtmachen soll. Dass dies leider zutraf und von der Journalistin auch durchaus so gewollt ist, wird im Verlauf des etwa 22 Minuten langen Videos klar. So erwähnt Frau von der Groeben ihr „persönliches Anliegen“ mit pr0gramm, denn auch einige ihrer älteren Videos wurden abfällig kommentiert. Der Anspruch der Neutralität, der bereits beim Intro bezweifelt werden konnte, wurde durch ein „fuck you“ von Frau von der Groeben endgültig begraben. Das anschließende Einblenden des Hinterteils vom Hund eines der interviewten Benutzer ist wohl kaum ein Zufall im Schnitt.

Moralische Überlegenheit

Dass die Kommentarsektion auf pr0gramm relativ frei und der Humor von staubtrocken bis politisch unkorrekt reicht, stößt beim Y-Kollektiv auf Empörung und Unverständnis. Lediglich strafrechtlich relevante und hetzerische Kommentare werden gelöscht und mit Sperren geahndet. Die Antwortmail auf die Anfrage des Y-Kollektivs wird nur kurz erwähnt und die meisten Antworten der Boardleitung werden unter den Tisch gekehrt. Mit süffisantem Grinsen kommentiert Frau von der Groeben einige ausgewählte Antworten und lässt den Rest unbeachtet.

Im Ausklang der Reportage wird Religion als ein „Ausweg“ dargestellt. Seichte Musik und Darstellungen von ruhiger Szenerie eines Kreuzweges unterstreichen dies. Das wiederholte Einblenden und Fokussieren auf den „Slipknot„-Hoodie des zweiten interviewten Users sollen einen Kontrast zeigen und ihn als geläuterten Bösewicht darstellen.

Frau von der Groeben wird es nicht leid zu wiederholen, dass das Anschauen von Gewaltvideos niemandem gut tun könne. Es mache sie zudem nachdenklich, dass beide User, die sie traf, depressiv waren. Sie suggeriert ein weiteres Mal, dass Menschen, die sich Gewaltvideos ansehen, geisteskrank seien. Frau von der Groeben macht nur einen halbherzigen Versuch, sich davon zu distanzieren, alle über einen Kamm zu scheren. Glaubwürdig ist dies jedoch nicht.

y-kollektiv

Spendenraid als Teil der Antwort der Community

Ihren Unmut über die Y-Kollektiv-Reportage drücken die User jedoch nicht ausschließlich mit negativ konnotierten Memes und Kommentaren aus. Seit einigen Stunden läuft ein weiterer Spendenraid an verschiedene gemeinnützige Organisationen.

Update 19:19 Uhr: Die Boardleitung veröffentlichte eine Gegendarstellung zur Reportage.

Tarnkappe.info