WikiLeaks: Enthält der AKP-Leak nur unwichtige E-Mails?

WikiLeaks machte kürzlich mit der Veröffentlichung von E-Mails der türkischen Regierungspartei AKP Schlagzeilen. Nun äußern Journalisten jedoch Kritik an diesem Leak. Er enthalte wenig relevante Informationen über die AKP. Dafür habe WikiLeaks aber die persönlichen Daten zahlreicher unbeteiligter Personen, vor allem türkischer Frauen, im Umfeld des Leaks verbreitet, so der Vorwurf.

Grafik: Surian Soosay, thx! (CC BY 2.0)

Grafik: Surian Soosay, thx! (CC BY 2.0)

AKP-Leak machte Schlagzeilen

WikiLeaks hatte mit der Veröffentlichung hunderttausender E-Mails der AKP, kurz nach dem erfolglosen – und, wie Manche meinen, inszenierten – Putschversuch in der Türkei für massive Schlagzeilen gesorgt. Kurz nach dem Leak wurde die WikiLeaks-Website durch die türkische Regulierungsbehörde für Telekommunikation gesperrt. Diesen Zensurversuch – zu dessen Umgehung bald zahlreiche Tipps kursierten – sahen viele Menschen als Bestätigung für die Authentizität der geleakten E-Mails. Sogar NSA-Whistleblower Edward Snowden äußerte sich auf Twitter in diese Richtung.

Irrelevante Korrespondenz vom Spam bis zum Kochrezept

Mittlerweile wird jedoch Kritik an dem spektakulären Leak laut. Allen voran wird diese geäußert von der türkischen Journalistin Zeynep Tufekci. Tufekci hat die geleakten E-Mails analysiert – und dabei nach eigener Aussage Besorgnis Erregendes gefunden. In der Huffington Post schreibt die Journalistin, der Leak sei: „verantwortungslos, nicht im öffentlichen Interesse und potentiell gefährlich für Millionen normaler, unschuldiger Menschen, vor allem Millionen von Frauen in der Türkei“.

WikiLeaks: Der AKP-Leak (Cartoon)

WikiLeaks: Der AKP-Leak (Cartoon)

Tufekci schreibt, sie stehe in Kontakt mit einer ganzen Reihe von Journalisten und Anti-Zensur-Aktivisten, die die E-Mails des AKP-Leaks analysiert hätten. Keiner von ihnen habe bislang etwas wirklich berichtenswertes über die AKP entdeckt. Keine der E-Mails stamme von Erdogan oder seinen engen Vertrauten. Es seien bislang keine Beweise für die Verantwortlichkeit irgendeines Offiziellen für Rechtsverletzungen aufgetaucht. Es sei zwar möglich, dass noch etwas auftauche, aber angesichts der Tatsache, dass zahlreiche erfahrene Journalisten und Aktivisten danach bereits seit Tagen suchten, werde das zunehmend unwahrscheinlich. Zugegebenermaßen hatte WikiLeaks von Anfang an eingeräumt, dass die E-Mails nicht von der für interne Korrespondenz genutzten Adresse der AFP stammen. Dennoch muss die Frage gestellt werden, wo angesichts des sich abzeichnenden Fehlens jeglicher relevanter Informationen das öffentliche Interesse an dem Leak liegt.

Die Journalistin wirft WikiLeaks sogar vor, die Öffentlichkeit bewusst in die Irre geführt zu haben. Es sei suggeriert worden, die E-Mails stammten von der AKP. Dagegen handle es sich in Wirklichkeit bei der Mehrzahl um E-Mails an die türkische Regierungspartei. Dementsprechend seien darunter „Ketten-Mails, Kochrezepte, gute Wünsche zu Feiertagen, Spam-E-Mails, Anfragen nach Jobs, ernsthafte E-Mails, die darum bitten, dass ein Schlagloch repariert oder ein anderes Problem gelöst wird“.

Persönliche Daten im Netz

Zudem, so kritisiert Tufekci weiter, habe WikiLeaks über diverse Social-Media-Kanäle Links zu einem größeren, ebenfalls geleakten Datenpaket verbreitet. Diese aber enthielten „sensible und private Informationen über Millionen normaler Leute“. Darunter befinde sich auch eine Datenbank fast aller erwachsenen türkischen Frauen. Anscheinend handle es sich um eine Tabelle sämtlicher weiblicher Wählerinnen in 79 der 81 Regierungsbezirke der Türkei. In dem Spreadsheet sollen unter anderem die Adressen und teilweise sogar die Mobilfunk-Nummern der fraglichen Frauen hinterlegt sein. Im Falle von AKP-Mitgliedern enthält die Datei außerdem die „Bürger-Nummer“ der Betroffenen. Diese wird für zahlreiche behördliche Aufgaben genutzt. Ihre Veröffentlichung erhöht nach Einschätzung von Tufekci das Risiko eines Identitätsdiebstahls. Tufekci berichtet, sie habe stichprobenartig die Richtigkeit der veröffentlichten Adressen überprüft und diese seien augenscheinlich korrekt.

Der Stand der Dinge

WikiLeaks hat zu den Vorwürfen noch nicht Stellung genommen, außer, um darauf hinzuweisen, dass die kritisierte Datenbank nicht, wie von einigen Quellen berichtet, Teil des eigentlichen Leaks ist. Tufekci selbst hatte ja auch – korrekter Weise – berichtet, dass WikiLeaks den Link lediglich per Social Media verteilt hat. An den von WikiLeaks selbst veröffentlichten AKP-Mails kritisiert sie dagegen nur die anscheinend fehlende Relevanz.

Ansonsten verbreitet WikiLeaks auf Twitter vor allem Informationen und Links zu seinem – zu recht – gefeierten Leak brisanter E-Mails der US-Demokraten. So bleiben einige Fragen offen. Ist WikiLeaks bei seinem Engagement in Sachen AKP Opfer des eigenen Wunsches nach Publicity und politischer Relevanz geworden? Blieb im Eifer des Gefechts die journalistische Sorgfalt auf der Strecke? Oder gibt es eine harmlose Erklärung für die scheinbaren Versäumnisse der Aktivisten um Julian Assange?

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Ein Kommentar

  1. Thomas sagt:

    Tja, nur Whistleblower zu sein ersetzt eben nicht den politischen Verstand. Das unreflektierte Raushauen von Datensätzen (frei nach dem Motto viel hilft auch viel) ist eben weder Transparenz noch führt es zwangsläufig zu Verbesserungen. Im Gegenteil, es zeigt nur wie gefährlich die selbsternannten Retter der Menschheit für andere werden können. Wie war doch noch der Spruch? „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert…“

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