Unter dem Radar: Der satirische Monatsrückblick (August/2016)

Der Sommer neigt sich dem Ende zu. Damit, so würde man normalerweise sagen, endet auch das Sommerloch. Dieses jedoch glänzte in diesem Jahr ohnehin größtenteils durch Abwesenheit. Auch in den vergangenen Wochen taten die Reichen, Schönen, Mächtigen und aus anderen Gründen (mehr oder weniger zu recht) Berühmten alles, um uns zu erstaunen, zu schockieren oder zu unterhalten. Wir würdigen ihren selbstlosen, unermüdlichen Einsatz in unserem Monatsrückblick.

Entschlüsselungs-Experten, die noch nicht einmal das Schloss finden

Immer wieder für schräge Ideen gut ist die deutsche Bundesregierung. Das bewahrheitete sich auch im vergangenen Monat wieder. Neuester genialer Einfall unserer Staatsoberhäupter: Eine „Zentralstelle zur Entschlüsselung“, auf typisch deutsch-bürokratisch-uncoole Art als „Zentralstelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich“ bezeichnet und „ZITIS“ abgekürzt.

Sinn und Zweck von „ZITIS“ ist, anders als der Name sagt, weniger die IT-Sicherheit als solche als vielmehr deren gezielte Aushebelung im Namen der Terror-Hysterie. Die neue Dienstelle soll nämlich verschlüsselte Kommunikation für die Behörden lesbar machen. Verschlüsselung benutzen schließlich nur Terroristen, böse Hacker, böse terroristische Hacker und extremistische Cybers. Muss man wissen. Deswegen ist der Beitrag von ZITIS zum Ausspähen unserer Internet-Kommunikation mindestens so bedeutsam wie seinerzeit die Entschlüsselung der deutschen Enigma, Möglichkeiten für ein Buch und einen lange nicht so guten, aber weitaus bekannteren Film inklusive.

Schloss

Schloss

Angesichts derjenigen, die so tapfer auf Alan Turings Spuren wandeln, bleibt aber zu vermuten, dass der Film statt eines Heldenepos eher eine Variante von „Police Academy“ würde. Immerhin reden wir von der selben Regierung, die seit Jahren vergeblich versucht, einen halbwegs nutzbaren Trojaner zu programmieren. Die es seit Jahren versäumt, Know-How, Unternehmertum und Infrastruktur im IT-Bereich angemessen zu fördern. Die immer wieder vom Chaos Computer Club mit der Nase auf gravierende Sicherheitslücken gestoßen werden muss. Deren Mitglieder mitunter fragen, was denn noch einmal ein Browser sei, oder in Zeiten WhatsApp-Nutzender Teenager, die wahrscheinlich Smartphones bedienen konnten, bevor sie aus den Windeln heraus waren, treudoof verkünden, das Internet sei schließlich für uns alle Neuland. Die Liste ließe sich fortsetzen. Und diese Helden wollen nun also unsere Verschlüsselung umgehen? Ich glaube, ich kann hören, wie sich die Mathematik im Hintergrund leise kaputt lacht.

Alles nur geklaut?

MS-DOS (Logo)

MS-DOS (Logo)

Wurde MS-DOS geklaut? Mit dieser Frage befasst sich der US-amerikanische Elektroingenieur und IT-Forensik-Guru Robert „Bob“ Zeidman. Er geht davon aus, dass der Quellcode des ehrwürdigen Microsoft-Betriebssystems größtenteils vom Konkurrenten CP/M abgeschrieben wurde.

Zugegeben: Lustig wäre es schon, nach all den Jahren den (trotz seiner jüngsten und zweifellos respektablen Charity-Bemühungen) eher semi-beliebten Bill Gates des Plagiats zu überführen. Wirklich etwas unternehmen dürfte man aber nach all der Zeit eher nicht mehr können. Zumal wir uns ja nicht einfach gegen jemanden wenden können, dem unsere Gesellschaft so bedeutsame Beiträge wie die allgemeine Schutzverletzung, das standardmäßige Surfen mit Administrator-Konten bis in die späten Nuller-Jahre und den Internet Explorer verdankt.

Alle Wege führen in den Speicher

Wir schreiben das Jahr 2016. Unser ganzes Kommunikationsverhalten wird von den Beamten des ebenso bürokratischen wie paranoiden Imperiums überwacht. Unser ganzes Kommunikationsverhalten? Nein… Anscheinend gelingt es immer wieder einigen tapferen kleinen Galliern in albernen Hosen, unbemerkt irgendwas in soziale Netzwerke zu schreiben. Wo es wahrscheinlich von extremistischen Cybers gelesen wird.

Das muss sich natürlich sofort ändern, weswegen die Unions-Römer (die spinnen…) jetzt eine sofortige Ausweitung der Vorratsdatenspeicherung auf soziale Medien fordern. Erst wenn das letzte Medium überwacht, die letzte Kommunikation gespeichert und die letzte Leitung angezapft ist, werdet ihr merken, dass Terroristen längst schlau genug sind, nach einem Telefonat ihre Prepaid-Handies wegzuschmeißen. Bis dahin lassen sich allerdings noch spielend einige Milliarden an Steuergeldern in Überwachungsprogramme versenken. Und über allem thront Herr de Maizière mit einem Lorbeerkranz.

Die Tarnkappe wünscht einen schönen September

Mit diesem – je nach Geschmack erhebenden oder verstörenden – Bild verabschiede ich mich in den Monat. Bleibt uns treu, macht es gut und hoffentlich könnt ihr selbst in den nächsten Wochen den einen oder anderen Lorbeer erringen. Von den Eskapaden aus der Netz- und Politik-Welt erfahrt ihr dann wieder im nächsten Monatsrückblick an gleicher Stelle.

Vielleicht gefällt dir auch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.