Tor Netzwerk-Studie: das Darknet – (k)ein Raum für Cyberkriminielle?

Laut einer aktuellen Studie ist die Verwendung des Tor Netzwerks in „freien Ländern“ wahrscheinlich schädlicher. Tor Projekt jedoch kontert.

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Tor Netzwerk
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Eric Jardine, Assistenzprofessor am Institut für Politikwissenschaft der Virginia Polytechnic Institute and State University (Virginia Tech) untersuchte gemeinsam mit zwei seiner Kollegen im Rahmen eines Studienprojektes die Benutzeraktivität innerhalb des Tor Netzwerks. Die Studie zeigt auf, dass lediglich 6,7 Prozent der Tor-Browser-User weltweit täglich im Durchschnitt das Tor Netzwerk für illegale Aktionen verwenden.

Der Einstieg zum anonymen Surfen in das Anonymisierungsnetzwerk Tor ist bereits mit wenigen Klicks gewährleistet. Es bewahrt seine Nutzer vor der Analyse des Datenverkehrs und basiert auf der Idee des Onion-Routings. Die Forscher weisen in der Studie auf den Vorteil hin, dass selbst in Ländern mit strengen Online-Zensurgesetzen, Bürger Firewalls umgehen und auf versteckte Informationen zugreifen können. Während man also der Zensur ausweicht, kann man zugleich seine persönlichen Daten abschirmen. Allerdings kann Tor auf der anderen Seite auch beim „Handel mit illegalen Drogen, über den Austausch von Malware bis hin zur Verbreitung von Inhalten zu Kindesmissbrauch, als illegale Aktivitäten, vor Entdeckung schützen“.

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Broken TorStudien-Gegenstand war eine Untersuchung der Benutzeraktivität innerhalb des Tor-Netzwerks. Die Schätzungen basieren auf einer Stichprobe von 1 Prozent der Tor-Eintrittsknoten, die die Forscher vom 31. Dezember 2018 bis zum 18. August 2019 mit einer Unterbrechung der Datenerfassung vom 4. bis 13. Mai überwachten.

Mit den Angaben wolle man versuchen, potenzielle Schäden und Vorteile von Tor messbar zu machen. Die Forscher meinen, dass die Ergebnisse für politische Entscheidungsträger nützlich sein können, die versuchen, den Nutzen von Tor im Verhältnis zu den von ihm verursachten Schäden zu messen.

Geringe Tor-Browser-Nutzung für illegale Zwecke – häufige Verwendung in Demokratien

Die Forscher fanden infolge heraus, dass eine potenziell schädliche Verwendung innerhalb des Tor-Systems global nicht gleichmäßig verteilt ist. Die Auswertung der Daten, die von Tor-Eintrittsknoten gesammelt wurden, ließen Rückschlüsse auf das Nutzungsverhalten zu. Dabei stellten die Forscher fest, dass nur 6,7 Prozent der User weltweit Tor täglich im Durchschnitt für kriminelle Aktivitäten verwenden. Diese Benutzer sind jedoch geografisch nicht gleichmäßig verteilt. In Ländern mit Regimen, die gemäß einer Bewertung der Organisation Freedom House als „nicht frei“ eingestuft sind, betrug der Zugang zu versteckten Diensten nur 4,8 Prozent. In „freien“ Ländern stieg der Anteil auf 7,8 Prozent. Eric Jardine resümiert

„Wir haben festgestellt, dass die meisten Tor-Benutzer zu regulären Webinhalten tendieren, die wahrscheinlich als harmlos angesehen werden könnten. Obwohl das Tor-Anonymitätsnetzwerk für einige äußerst böswillige Zwecke verwendet werden kann, scheinen die meisten Menschen es an einem durchschnittlichen Tag eher als hyperprivate Version von Chrome oder Firefox zu verwenden.“

Zudem kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass User das Tor Netzwerk in autoritären Ländern weniger oft für kriminelle Aktionen missbrauchen als in demokratischen Staaten. In Ländern, die als politisch „frei“ eingestuft wurden, waren allerdings die Verbindungen zu illegalen Diensten signifikant höher als in Ländern, die „teilweise frei“ oder „nicht frei“ sind. In Diktaturen nutze man Tor hauptsächlich zu politischen Zwecken. Hinsichtlich der Darknet-Strafverfolgung stellen die Forscher fest

Tor-Projekt-Tarnkappe-Teile

„Wenn das Tor-Netzwerk frei von Strafverfolgungsmaßnahmen wäre, kann dies infolge zu direkten und indirekten Schäden führen. Diese ergeben sich aus der Verwendung des Systems durch Personen, die sich mit Ausbeutung von Kindern, Drogenaustausch und dem Verkauf von Schusswaffen befassen.

Würde man allerdings andererseits aber daran arbeiten, Tor abzuschalten, würde man Dissidenten und Menschenrechtsaktivisten Schaden zufügen. Insbesondere deuten unsere Ergebnisse auf repressivere, weniger politisch freie Regime hin, in deren technologischer Schutz häufig am dringendsten benötigen.“

Stimme der Kritik kommt von den Machern des Tor-Projekts

Isabela Bagueros, Geschäftsführerin des Tor-Projekts, kontert und stellt die Studienergebnisse in Frage, berichtet ArsTechnica.

„Die Autoren dieses Forschungspapiers haben beschlossen, alle .onion-Websites und den gesamten Datenverkehr zu diesen Websites als „illegal“ und den gesamten Datenverkehr im „Clear Web“ als „legal“ zu kategorisieren. Diese Annahme ist fehlerhaft. Viele beliebten Websites, Tools und Dienste verwenden Tor, um ihren Benutzern infolge Vorteile in Bezug auf Datenschutz und Zensurumgehung zu bieten. Zum Beispiel bietet Facebook einen Tor-Service an. Globale Nachrichtenorganisationen, wie die New York Times, BBC, die Deutsche Welle, Mada Masr und Buzzfeed bieten Tor-Service an. […]

Das Einstufen des Datenverkehrs zu diesen weit verbreiteten Websites und Diensten als „illegal“ ist eine Verallgemeinerung. Diese dämonisiert Menschen und Organisationen, die sich für Technologien entscheiden, mit denen sie ihre Privatsphäre schützen und die Zensur umgehen können. In einer Welt des zunehmenden Überwachungskapitalismus und der Internet-Zensur ist für viele von uns dann Online-Datenschutz erforderlich.

Damit können sie ihre Menschenrechte ausüben, frei auf Informationen zugreifen, Ideen austauschen und miteinander kommunizieren. Die falsche Identifizierung des gesamten Tor-Dienstverkehrs als „illegal“ schadet dem Kampf um den Schutz der Verschlüsselung. Sie kommt damit den Mächten zugute, die versuchen, starke Datenschutztechnologien zu schwächen oder gänzlich zu verbieten.

Zudem freuen wir uns darauf, dass die Forscher ihre Methodik detaillierter beschreiben. Erst damit kann die wissenschaftliche Gemeinschaft beurteilen, ob ihr Ansatz korrekt und sicher ist. Die Kopie des bereitgestellten Papiers beschreibt nicht ihre Methodik. Das Tor-Projekt oder andere Forscher haben infolge keine Möglichkeit, die Genauigkeit dieser Ergebnisse zu bewerten.“

Tarnkappe.info

Antonia ist bereits seit Januar 2016 Autorin bei der Tarnkappe. Eingestiegen ist sie zunächst mit Buch-Rezensionen. Inzwischen schreibt sie bevorzugt über juristische Themen, wie P2P-Fälle, sie greift aber auch andere Netzthemen, wie Cybercrime, auf. Ihre Interessen beziehen sich hauptsächlich auf Literatur.