Studie: Abschaltung von Kino.to war sinnlos

Article by · 19. Mai 2015 ·
Bild von Daniel Lobo (CC BY 2.0) kino.to

Bild von Daniel Lobo (CC BY 2.0)

Kino.to: Laut einer aktuellen Studie der EU Kommission hatte die Abschaltung im Sommer 2011 so gut wie keinen Effekt auf die Nutzung legaler Anbieter. Wir lassen dazu auch den früheren Betreiber eines Streaming- und Sharehosters zu Wort kommen, der seinerzeit sehr eng mit Kino.to kooperiert hat.

Luis Aguiar, Jörg Claussen und Christian Peukert haben im Auftrag der EU Kommission den Online-Filmkonsum von 5.000 deutschen Nutzern untersucht. Damit soll die Fragestellung geklärt werden, ob die Abschaltung von Kino.to am 8.6.2011 für die Filmindustrie zum gewünschten Ergebnis geführt hat.

“Online Copyright Enforcement, Consumer Behavior, and Market Structure” kommt zu dem Ergebnis, dass die Abschaltung von Kino.to recht starke aber nur kurzfristige Auswirkungen hatte. Die Existenz von ausreichend vielen illegalen Alternativen gekoppelt mit dem Aufkommen nuer Kino.to-Klone führte dazu, dass sich der illegale Streaming-Konsum sehr schnell wieder auf dem alten Niveau bewegt hat. Die Studie kommt zu dem (wenig überraschenden) Resultat, dass sowohl der Graubereich als auch die Nutzer sehr schnell und flexibel auf jegliche Veränderungen reagieren. Dazu kommen die geringen bis nicht existenten Kosten, die die Nutzer von Kinox.to, Movie4k & Co. aufbringen müssen, um ihren nicht lizenzierten Filmgenuß fortsetzen zu können. Der “Markt” ist recht zersplittert, was ihn weniger anfällig für künftige Abschaltungen macht. Fällt ein Anbieter weg, folgen ihm nach kurzer Zeit mehrere neue.

kino.to R.I.P.

Erfolge der GVU infrage gestellt?

Die Aufdeckung der Hintermänner von Kino.to wurde damals von der GVU als ein großer Erfolg im Kampf gegen die Online-Piraterie gefeiert. Die Analyse der Datenströme der 5.000 Nutzer kommt aber zu einem ganz anderen Ergebnis. Nur weil Kino.to plötzlich offline war, sind nicht alle Teilnehmer der Studie automatisch zu einem legalen Anbieter gewechselt. Obwohl die Nutzung illegaler Seiten in den ersten 4 Wochen nach der Abschaltung um 30 Prozent zurückging, konnte dies bei den legalen Streaming-Plattformen nur für einen Anstieg von 2,5 Prozent sorgen. Das und nichts anderes war natürlich die nachvollziehbare Hoffnung der Filmindustrie.

Die 3 Wissenschaftler stellen infrage, ob sich der Aufwand am Ende gerechnet hat. Für die Abschaltung war einiges an Ermittlungsarbeit und die Bezahlung der beiden Informanten nötig, die sich mit dem „Gehalt“ der Kino.to-Betreiber nicht zufrieden geben wollten. Rund ein Monat nachdem die Stecker bei der Mutter aller Streaming-Plattformen gezogen wurden, erreichte die Film-Piraterie bei den Teilnehmern der Studie wieder ihr altes Niveau.

War die Studie ergebnisoffen?

Claussen und Peukert haben bereits vor mehreren Jahren eine Studie zum Thema Megaupload und die Folgen für die Kinos veröffentlicht. Darin wird ausgesagt, die Schließung von Kim Dotcoms Megaupload habe in allen untersuchten 49 Ländern negative Auswirkungen auf die Kino-Umsätze gehabt. Die beiden Autoren vermuten offenbar, dass sich durch den Rückgang illegaler Downloads auch die Werbung für Spartenfilme reduziert hätte. Diesen Zusammenhang konnten so manche Beobachter nicht nachvollziehen, zumal die Besucherzahlen in den deutschen Kinos stabil sind. Ob die Schließung von Megaupload überhaupt einen Effekt auf die Besucherströme hatte, ist auch fraglich. Von daher wird in Kreisen der Content-Industrie vermutet, dass beide Studien von Anfang an möglicherweise ein bestimmtes Ergebnis zutage bringen sollten.

An der neuen Ausarbeitung wird bemängelt, dass die Strafverfolgungsbehörden nicht profitorientiert arbeiten, aber in der Studie als regelrechte „Profit Center“ dargestellt werden.

filmprojector_kinoKino.to: Was sagt die Szene zur Schließung?

Wir haben den früheren Betreiber von Filebase.to und Rapidvideo.com zum Ergebnis der Erhebung befragt. Beide Hoster haben seinerzeit sehr eng mit Kino.to kooperiert. Der in Deutschland lebende Betreiber und sein niederländischer Hostprovider wurden bereits mehrere Monate vor dem Aus des Streaming-Portals juristisch belangt.

„Die Content-Industrie geht ständig falsch vor, das Problem liegt in der Wurzel. Die Piraterie ist das Resultat eines Verfügbarkeits- und Preisproblems. Niemand kann beziehungsweise will die hohen Preise (der legalen Anbieter) bezahlen, weswegen sie bei Nichtverfügbarkeit lieber zur Piraterie ausweichen.

Für die Rechteinhaber ist es bequemer, die Webseiten zu schließen, die ihnen Probleme bereiten könnten. Das bedeutet auch, dass kreative Werke der Menschen mit zerstört werden, anstatt einen weiteren Vertriebsweg zu ermöglichen, der speziell den Verkauf und das Streaming des Werke im Internet betrifft.

Bis sich das (Geschäftsmodell) ändert, werden vermutlich noch mehrere Jahrzehnte ins Land gehen.“

Mehr zu diesem Thema:

Flattr this!

9 Comments

  • comment-avatar

    Esther

    Welchen Sinn hat denn Strafverfolgung? Nach der Logik dieses Berichts ist sie schon sinnlos, wenn die gleichen Taten auch von anderen begangen werden. Das leuchtet mir nicht ein.

    Dass Strafverfolgung auf die Schwarzmärkte nahezu keinen Einfluss hat oder allenfalls Marktanteile einzelner Anbieter verschieben kann dürfte doch längst jeder wissen. Das hat auch das Ende des Ebookspenders und diverser Börsen schon demonstriert. Das hat aber mit Strafverfolgung nur am Rande zu tun und dieses Problem muss wahrscheinlich nicht einmal der Staat lösen.

    • comment-avatar

      Strafverfolgung wird durchgeführt, weil die Täter eben NICHT legal gehandelt haben. Ob Dritte die gleichen Straftaten begehen oder die Verfolgung zu keinem positiven Ergebnis führt (hier: mehr Nutzer legaler Alternativen), spielt doch in dem Zusammenhang überhaupt keine Rolle.

      In der Folge müsste Polizei/Staatsanwaltschaft ja direkt alle Maßnahmen einstellen, die in der Vergangenheit zu keinem signifikanten positiven Ergebnis geführt haben. Wer soll das beurteilen? Wieso sollte diese Aussage über dem Gesetz stehen? An den begangenen Urheberrechtsverletzungen (zumindest beim Thema EBookspender) gibt es doch überhaupt keinen Zweifel, oder?

      • comment-avatar

        Esther

        Das denke ich auch Lars. Die Maßnahme war durchaus sinnvoll – auch wenn sie auf das Gesamtproblem Piraterie keinen Einfluss hatte.

  • comment-avatar

    Mysterion

    Der Herr Dreher lebt also noch. Ihm hat doch nur Rapidvideo gehört? Wurde doch auch als einziger auch nicht belangt wegen Kino.to.

    • comment-avatar

      Stefan Dreher

      Jeder kann mit empfindlichen Haftstrafen rechnen, die nicht zur Bewährung ausgesetzt werden können. Außerdem können weitere zivilrechtliche Ansprüche auf einen, wie z.B. von dieser Rechtsanwaltskanzlei zukommen. Selbst das Betreiben eines Filehosters ist nie straffrei, selbst wenn dieser im Ausland ist. Der Standort spielt keine Rolle und die Bearbeitung von EUCD/DMCA Meldungen schützt vor Strafe nicht.

  • comment-avatar

    Pressemitteilung der GVU von heute:

    Aktuelle Studie der EU-Kommission leidet an Schönheitsfehlern

    Stellungnahme des GVU-Geschäftsführers Dr. Matthias Leonardy zur Publikation „Online Copyright Enforcement, Consumer Behaviour, and Market Structure“

    Berlin, 19. Mai 2015. „Online Copyright Enforcement, Consumer Behaviour, and Market Structure“ heißt eine jetzt von der gemeinsamen Forschungsstelle der EU-Kommission veröffentlichte Studie. Darin kommen die Autoren zu dem Schluss, die Abschaltung von kino.to habe zwar einen signifikanten, aber nicht nachhaltigen Effekt auf die illegale Online-Nutzung. Das strafrechtliche Vorgehen gegen solche illegalen Angebote rechne sich zudem volkswirtschaftlich nicht.

    Dr. Matthias Leonardy, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen e. V. (GVU), hat die Studie genauer unter die Lupe genommen. Sein Fazit: „Die Studie leidet an einigen Schönheitsfehlern.“ Insbesondere bemängelt Leonardy unrealistische Erwartungen und einen verengten Blickwinkel.

    Unrealistische Erwartungen an Kriminalitätsbekämpfung

    „Das Grunddilemma der Studie liegt darin, dass die Autoren, ohne das explizit auszuweisen, offenbar davon ausgehen, Antipiracy-Maßnahmen seien nur dann ‚effektiv‘, wenn sie endgültige Lösungen des Piracy-Problems bewirkten. Das ist aber eine unrealistische Erwartung zur Nachhaltigkeit von Maßnahmen zur Kriminalitätsbekämpfung, die nur enttäuscht werden kann. Das Nachrücken von kriminellen Nachahmern mit Klon-Seiten wie ‚kinox.to‘ ist dementsprechend gar nichts Überraschendes, sondern entspricht schlicht ökonomischer Logik von Wirtschaftskriminellen. Die Studie erhebt so zu einem Problem, was schlichtweg der Kriminalitätsbekämpfung immanent ist: Kein Strafverfolger und kein Geschädigter darf sich auf juristischen Erfolgen ausruhen, sondern muss immer wieder nachlegen. ‚Klappe zu, Affe tot‘ ist keine realistische Erwartung bei Content Protection, denn auch die illegale Konkurrenz schläft nicht.“

    Auch im Übrigen sei die Studie von Peukert et al. mit einigen methodischen Fehlern behaftet, so Leonardy weiter:

    Kleinrechnen der Effekte

    „Zunächst werden die Effekte der Schließung des Systems kino.to kleingerechnet. Der von den Autoren beobachtete Rückgang um 30% ‚in overall piracy consumption during the four weeks directly following the [kino.to] intervention‘ und die Steigerung der Nutzung von lizensierten Filmplattformen um 2,5% ist keineswegs so marginal, wie sie es glauben machen wollen. Vielmehr ist das angesichts der hohen Nutzungsrate von von kino.to & Co. ein ganz beachtlicher Effekt: Denn wie das Landgericht Leipzig in seinem Urteil gegen den Kino.to-Chef feststellte, gehörte dieser Piraterie-‚Marktführer‘ bis Juni 2011 zu den 50 meist benutzten Webseiten in Deutschland mit allein zeitweise über 4 Millionen Zugriffen täglich (Az. 11 KLs 390 Js 191/11); die ‚overall piracy consumption‘ liegt entsprechend noch höher.“

    Andere Formen der Sekundärverwertung ignoriert

    „Leider haben die Autoren des Weiteren ihre Betrachtung der monetären Effekte dabei zudem auch noch verengt und dabei den gesamten übrigen Home-Entertainment-Sektor außer Acht gelassen. So verzeichneten beispielsweise die stationären Videotheken in Deutschland im Monat der nach der kino.to-Schließung eine durchschnittliche Steigerung im DVD/Blu-Ray-Verleih um 17,9 Prozent gegenüber dem Vormonat.“

    Kriminalitätsbekämpfung keine Vergeudung von Steuermitteln

    Bedauerlich sei schließlich auch, führt Leonardy weiter aus: „dass die Autoren sich offenbar nicht die Mühe gemacht haben, bei den ‚costs of the intervention‘ die eigenen Aufwendungen der betroffenen Filmbranche für Content-Protection, die für die öffentliche Hand kostenreduzierend sind, zu erfassen. Stattdessen wird pauschal behauptet: ‚Anti-piracy interventions involve large amounts of public resources’. Das suggeriert, hier würden Steuermittel vergeudet. Dass aber im Übrigen Kriminalitätsbekämpfung – um nichts anders geht es hier – eine öffentliche Aufgabe ist, dürfte unbestritten sein. Das gilt auch im Urheberrecht.“

  • comment-avatar

    michel

    nein
    doch
    nein
    doch
    wow
    wer hätte das gedacht

    solange dieses faschisten gesocks sich nicht an die digitale welt inkl preisgestaltung anpasst, wird es ewig so weiter gehen.
    das begreifen diese von angst geprägten analogen primatengehirne nur leider nicht, da sie nicht wahr haben wollen, dass die goldenen zeiten der abzocke längst vorbei sind und auch nie wieder kommen werden, jedenfalls nicht für die eigentlichen absahner, also nicht des eigentlichen künstlers!

    einfach mal in das puppentheater in berlin und brüssel schauen, wo 3/4 dieser absolut unwissenden rechtverdreher am werkeln sind.

    aber, jedes volk bekommt die politiker die sie verdient!

  • comment-avatar

    der Beobachter wieder

    Die Studie war sinnlos.

    Vertanes Geld. War die Prämisse tatsächlich, dass die Abschaltung eines Portals die gesamte Szene trockenlegt?

    So behämmert kann doch nicht mal eine Wissenschaftler sein.

    Wer vorher nichts bezahlen wollte, der ist einfach zu einem Konkurrenten gewechselt. Was für eine Erkenntnis.

    Außerdem gibt es ja durchaus Beziehungen des alten Portals zum Nachfolger. Das wird hoffentlich bald im Prozess behandelt.

    Ich trauere dem Geld hinterher, dass für diese Studie ausgegeben wurde.

    Nach der Logik, dass sich Antipiraterie nicht lohnt (da nicht wirtschaftlich), dürfte es keinerlei Kriminalitätsbekämpfung geben.
    Verkehrskontrollen kosten auch Geld. Die bringen aber nichts, die Leute fahren danach wieder zu schnell usw.

    Kruder, wissenschaftlicher Schwachsinn.

    • comment-avatar

      Bernd Brinkm

      Gerade Verkehrskontrollen sind wirtschaftlich, sind hier nur noch Id**ten unterwegs ? …


Leave a comment