Rezension: Der Irrtum des Großen Zauberers von Johanna & Günter Braun

Der Irrtum des Großen Zauberers erschien bereits im Jahre 1972 im Verlag Neues Leben. Da die beiden Autoren das Genre Science Fiction häufig zur Vermittlung gesellschaftskritischer Inhalte nutzten und die in der DDR-Literatur geforderte Linientreue vermissen ließen, konnte in den 1980er-Jahren eine Reihe von Büchern der Brauns nur noch in der Bundesrepublik erscheinen. So wurde auch dieser Roman 1982 erneut herausgegeben bei Suhrkamp.

Johanna Braun wurde 7. Mai 1929 in Magdeburg geboren. Sie wurde 79 Jahre alt. Nach dem Abitur absolvierte sie eine Bürolehre, wurde Stenotypistin, dann Redakteurin und schließlich Reporterin. 1953 erfolgten erste freiberufliche literarische Versuche. Sie verfasste hauptsächlich Kurzgeschichten und Erzählungen und war seit 1969 freischaffende Schriftstellerin.
Günter Braun wurde am 12. Mai 1928 in Wismar geboren und starb im Alter von 80 Jahren. Er besuchte das Stadtgymnasiums in Königsberg/Ostpreußen. Mit 16 Jahren wurde er Luftwaffenhelfer, Kanonier. Danach erlangte er das Abitur in Stendal. Im Anschluss daran arbeitete er als Feuilleton-Redakteur in Magdeburg und Berlin. Gleichzeitig veröffentlichte er erste literarische Arbeiten, vorwiegend Dramatik. Er war seit 1954 freischaffender Schriftsteller.
Im Jahr 1955 kam es zu einer Zusammenarbeit von beiden und sie veröffentlichten unter gemeinsamen Namen. Johanna Braun war zusammen mit ihrem Mann Günter Braun Verfasser eines umfangreichen erzählerischen Werkes. Während das Autorenteam anfangs vorwiegend Jugendbücher schrieb, historische Romane und Krimis verlegte es sich später auf Prosa für Erwachsene, in der aktuelle Probleme, wie die sich wandelnden Geschlechterbeziehungen, behandelt wurden. Seit Mitte der 1970er-Jahre steht die Science Fiction im Mittelpunkt von Johanna und Günter Brauns Schaffen. Daneben haben sie gemeinsam unter anderem 1976 für den Rundfunk der DDR ein Radio-Feature über Bismarck verfasst.

Der Roman führt einen in eine völlig surreal erscheinende Welt namens Plikato. Birnen sind das wichtigste Grundnahrungsmittel und Exportprodukt dieses Landes. Die Früchte enthalten den Wirkstoff „Vitamin-Gamma“, der die Menschen antriebs- und interessenlos werden lässt und bei übermäßigem Verzehr sogar einschläfert. Mittels dieser besonderen Birnen beherrscht Multi Multiplikato, der „Große Zauberer“, das Land und die Stadt Integral. Er hat hoch gesteckte Pläne mit seinem Land, die er an seinem 45. Geburtstag vor seinem Volk verkündet, natürlich vorgetragen von einer Maschine, zieht er eine Bilanz, auch über bisher Erreichtes:„…aus diesem Land ein Land zu machen, in dem es niemand nötig hätte, sein Gehirn zu benutzen, hier könne jeder sein Gehirn ganz friedlich und mit gutem Gewissen verkümmern lassen, und je schneller das ginge, desto besser für den einzelnen, denn erst mit einem Gehirn, das auf die geringstmögliche Leistung eingestellt sei, könne der Mensch im Lande Plikato sich den Genüssen hingeben, die Multi Multiplikato für ihn vorgesehen hätte, und diese bestünden in einem glücklichen Leben, das dem Spiel und dem Mostonic (Birnensaft) geweiht sei…auch die überfüssige Geburt von Kindern hat sich in dem Maße verringert, in dem der Birnenverbrauch gestiegen sei, denn bekanntlich vermindere die Birne nicht nur eine Disposition zur geistigen Konzeption sondern auch zur körperlichen. Überflüssige Kinder, die eine volle Ausnutzung der Mostonic-Zentren nur stören würden, seien also nicht zu befürchten, die Bevölkerungszahl des Landes gehe erfolgreich zurück, so dass das Ziel, das sich Multiplikato gestellt habe, nach und nach das ganze Land durch Maschinen zu bevölkern, in greifbare Nähe gerückt sei.“ Ein für Multiplikato nötiger Schritt, da er die Menschen für unvollkommenen und unzuverlässig hält.

In diesem Land lebt Oliver Input. Er besucht eine der letzten verbliebenen Schulen des Landes. Bereits zur Pflicht und Tradition geworden ist der gemeinsame Konsum der ersten Birne schon vor Unterrichtsbeginn. Rhythmisch kauend beginnen die Schüler zusammen mit ihrem Lehrer den Schultag und sind dann den Rest des Tages wie betäubt und kaum noch zu besonderen Leistungen fähig. Also beschließt Oliver eines Tages, seine Birne nicht mehr zu essen, da er klar erkennt, dass der Verzehr ihm nicht gut tut, ihn müde und träge macht. So plötzlich aufgewacht und natürlich gelangweilt von einem solchen Leben, dass die anderen nur dumpf dahin brüten lässt, beschließt er zunächst, sich weiterzubilden, stielt zu diesem Zweck die drei letzten Bücher aus der Schulbibliothek und da er sich von den Worten seines Lehrers herausgefordert fühlt, es würde nie ein Affe über die Schwelle der Schule treten, führt er gleich eine ganze Horde von Affen in seine Schule. Dieses rebellische Handeln bleibt nicht unbemerkt und Multiplikato wird aufmerksam auf Oliver.

Multiplikato sieht in Olivers Handeln eine zwar unreife, aber überlegene technische Intelligenz. Er erkennt in ihm so ein Potential, das er für würdig hält zu fördern und sogar für geeignet, seine Nachfolge und sein Erbe anzutreten. Er denkt, Oliver wäre noch formbar und genau darin besteht auch sein Irrtum, denn Oliver Input ist neben zunehmender Technikbegeisterung in erster Linie ein Rebell, der aus einer kindlichen Neugier heraus seine Umgebung kritisch beobachtet, alles hinterfragt und sich sein Wertesystem nicht von anderen aufzwängen lässt. In dem Mädchen Naida erkennt er schnell eine Seelenverwandte und gemeinsam suchen sie nun nach Wegen, diese Diktatur zu beenden. Naida macht ihm klar, dass er seinen übermächtigen Ziehvater mit dessen eigenen Waffen schlagen muss.

Fazit:

Natürlich ist die in diesem Buch enthaltene Kritik in erster Linie auf die DDR gerichtet, auf die dort vorhanden gewesene Diktatur, den Personenkult, die Planwirtschaft, eine lückenlose Bespitzelung der Bürger – all das wird hier auf die Spitze getrieben. Aber auch heute ist der Roman noch aktuell, da er ebenso Anspielungen enthält auf eine zunehmende maschinelle Automatisierung und die gewollte Verdummung der Menschen durch Drogen, falsche Berichterstattung und Manipulation.

Die scheinbare Einfachheit dieses Werkes täuscht, es gelingt den Autoren gerade durch dieses Stilmittel, generelle Wahrheiten auszusprechen. Genauso wenig scheuen sie vor unbequemen Fragen zurück. Die Ausdrucksform ist dabei märchenhaft verfremdet, die Handlung voller surrealer Ereignisse und die Namensgebung ihrer Charaktere ist stets treffend. Oliver Input ist in dieser Story der Fehler im System, der durch sein Verhalten das ausgeklügelte, bis dahin reibungslos funktionierende Machtgefüge von innen heraus zum Zusammenbruch bringt. Letztlich hat sich die alte Ordnung dann in der weiteren Folge von selbst zerstört und der größere Teil der nun folgenden positiven Veränderungen geht auf das Volk zurück.

Obwohl dieses Szenario dystopisch ist, wird daraus keine düstere Endzeitstimmung, sondern eher eine witzige Parabel. Das Erzähltempo ist flott, man muss sich aber daran gewöhnen, dass nur sehr wenig Interpunktion verwendet wird – auf Anführungszeichen bei Dialogen wird gänzlich verzichtet.

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