Hinter den Kulissen des RapidShare-Prozesses

Am Dienstag, den 18. September 2018 wurde der Prozess gegen den Online-Speicherdienst RapidShare abgeschlossen. Die Urteilsverkündung findet schriftlich in geschätzt sechs Wochen statt. Verbindlich wurde dazu jedoch keine Aussage getroffen. In den Medien konnte man darüber zwar einiges lesen. Doch es gibt auch abseits des Mainstreams viel Berichtenswertes. Ein kleiner Blick hinter die Kulissen.

Beginnen wir unseren Blick jenseits des Vorhangs bei Rechtsanwalt Martin Steiger von der Zürcher Kanzlei “Steiger Legal AG”. Martin Steiger beruft sich in seinem Blogbeitrag auf den “Leser A.“. Dieser habe ihm via Facebook einen Hinweis gegeben, wofür sich der Anwalt am Ende seines Beitrages bedankt. Herr Steiger war es übrigens, der diesen Prozess schon mehrere Tage vor dessen Eröffnung im Internet angekündigt hat. Offenbar war er damit weit und breit der Einzige, weswegen Steiger von vielen Online-Portalen namentlich genannt und sein Blogeintrag verlinkt wurde. Der Fall dürfte nach den ganzen kostbaren Links der News-Magazine dafür sorgen, dass diese Kanzlei und er als Person mittelfristig besser bei den Suchmaschinen gefunden wird.

Die Frage ist nun, wie Herr Steiger zum rechten Moment auf die Idee kam, in den online verfügbaren aber anonymisierten Terminkalender des Strafgerichts Zug zu schauen. Und zwar zum exakt richtigen Zeitpunkt, um die Ankündigung des Gerichtsverfahrens ausfindig zu machen. Bei den Verhandlungsterminen ist nämlich lediglich von einem “File-Hosting-Dienst” die Rede. Weder RapidShare noch Herr Christian Schmid werden namentlich vom Strafgericht Zug erwähnt. Das Rätsel lässt sich aber schnell auflösen. Im Vorfeld fanden Gespräche zwischen der Kanzlei von Herrn Steiger und mindestens einem Angeklagten statt, im Rahmen dessen auch amtliche Unterlagen mit Aktenzeichen überreicht wurden. Steiger wurde letztendlich offensichtlich nicht mandatiert. Ob er jetzt wirklich aus heiterem Himmel von einem völlig unbekannten “A. aus Facebook” auf das Verfahren hingewiesen wurde, oder nicht doch einfach nur das Aktenzeichen abgelesen hat, darf der werte Leser gerne selbst entscheiden.

 

Schweizer Presse nur an Skandalen interessiert

RapidShareErfahrungen der besonderen Art machten die Angeklagten auch mit der lokalen Presse. Am ersten Verhandlungstag hatte die Richterin einige Verständnisfragen. Diese konnten innerhalb von zehn Minuten mit Unterstützung der Angeklagten geklärt werden. Danach durften die Kläger ihre Tatvorwürfe in einem Umfang von über 100 DIN A4-Seiten vortragen. Die Presse war am ersten Prozesstag anwesend und hat einige Argumente der Kläger mitgeschrieben, um sie in ihren Artikeln zu verwenden. Die Angeklagten und ihre Rechtsvertretung durften nur zuhören und sich Notizen machen. Die Vorträge der Kläger erstreckten sich aufgrund ihrer epischen Länge über den gesamten ersten Prozesstag. Die Sichtweise der Klägerseite wurde dann unreflektiert in den Berichten der Lokalpresse zitiert. Die Sichtweise der Angeklagten konnte an diesem Tag aufgrund der streng geregelten Prozessordnung nicht dargestellt werden. Die Journalisten hatten ihre Story, am zweiten Tag der Verhandlung waren genau null Redakteure anwesend, um sich die Argumente der Angeklagten anzuhören.

Liebe Kolleginnen und Kollegen: Soll diese Form der Recherche tatsächlich ergebnisoffen sein? Oder hatten Sie die Angeklagten schon im Vornherein verurteilt, um sich von den Klägern nur noch die Bestätigung zu holen? Der Lokalpresse war es die Sache nicht wert, nach Ende des ersten Prozesstages auch nur eine weitere Stunde auf der Bank des Gerichts zu sitzen.

Doch die Schuld ist nicht bei den angestellten Mitarbeitern oder Freiberuflern zu suchen. Die Verantwortung liegt bei der Geschäftsführung beziehungsweise bei der Redaktionsleitung der Medienhäuser. In Anbetracht des Bekanntheitsgrades von RapidShare und der zu erwartenden Strafe konnte man eine fette Schlagzeile erwarten. Letztlich ging es wohl nur darum, genug Futter für einen ordentlichen Skandal zusammen zu bekommen. Und was lässt sich besser verkaufen als Sex oder Crime? Es ist wirklich bedauerlich zu sehen, dass die Medienlandschaft in der Schweiz ganz ähnlich wie hier in Deutschland zu funktionieren scheint.

 

RapidShare: Was wird im Urteil stehen?

Cloud-actDer Artikel von heise online liest sich leider auch nicht viel ausgeglichener. Man könnte den Beitrag der Kollegen durchaus so interpretieren, dass die Geldstrafe für den Hauptangeklagten mit knapp 512.000 Euro schon feststehen soll. Angeblich soll die Geldstrafe zur Bewährung ausgesetzt werden. Dort steht: “Die von der Staatsanwaltschaft beantragte generelle Geldstrafe für den Hauptangeklagten soll laut Berichten von Lokalzeitungen 192 Tagessätze zu 3000 Franken betragen, insgesamt umgerechnet knapp 512.000 Euro. Die Zahlung soll aber auf Bewährung ausgesetzt werden. Zusätzlich sei eine Geldbuße in Höhe von 144.000 Franken beantragt worden.” Die verlinkte Quelle dieser Behauptung titulierte ihren Bericht mit “Internet-Mogul vor Gericht: So reagiert er auf die Vorwürfe“. Na, bravo! Zumindest klingt der Inhalt nicht durchgängig wie nach Boulevardpresse, da kann man ja schon mal froh drüber sein.

Fakt ist, dass den Angeklagten das Urteil wahrscheinlich innerhalb der nächsten sechs Wochen schriftlich zugestellt wird. Zum jetzigen Zeitpunkt steht noch gar nichts fest. Alle Angaben bezüglich der Höhe des Strafmaßes sind bis zur Urteilsverkündung nur spekulative Schüsse ins Blaue und reflektieren nur die ultimativen Forderungen der Klägerseite. Der ehemalige Geschäftsführer Christian Schmid gab gegenüber Tarnkappe.info bekannt, dass sein Unternehmen “wirklich alles Zumutbare und selbst Unzumutbare getan hat, um keine attraktive Plattform für Urheberrechtsverletzungen zu sein“.

 

Hintergrund: Obwohl der Sharehoster RapidShare seinen Dienst im Frühjahr 2015 eingestellt hat, mussten sich kürzlich der Firmengründer, seine Frau und sein Jurist vor Gericht verantworten. Der Vorwurf lautete gewerbsmässige Gehilfenschaft zu mehrfachen Vergehen gegen das Urheberrecht. Im Vorfeld hatten mehrere wissenschaftliche Verlage Strafanzeige gestellt.

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Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem bringt Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.

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21 Kommentare

  1. Rechtsanwalt Martin Steiger sagt:

    Ich schaute nicht zum richtigen Zeitpunkt in den Terminkalender des Strafgerichts Zugs, sondern wurde – wie Sie richtig schreiben – von einem Leser darauf hingewiesen. Die Prozessnummer(n) kannte ich nicht. Ohne den Hinweis hätte ich voraussichtlich erst aus den Medien vom Prozess erfahren.

    Ihre Spekulationen über meinen Beitrag wären unnötig gewesen, wenn Sie mich für Ihren Beitrag um eine Stellungnahme gebeten hätten. Insofern wirkt Ihre Kritik an anderen Medien ironisch.

    Das Urteil erwarte ich mit Spannung. Wie schon anderswo gesagt: «Je nach Urteil würde die Provider-Haftung in der Schweiz zu Gunsten der Provider oder aber der Rechteinhaber gestärkt.» Das Urteil wird auch direkte Auswirkungen auf die laufende Revision des schweizerischen Urheberrechts haben.

  2. niso1998 sagt:

    guter artikel danke

  3. SIO sagt:

    Irgendwie macht man durch Straftaten immer +.

    • Frawul sagt:

      Sehr interessanter Link
      Danke einiges wusste ich auch noch nicht!

      Am Anfang machten, sogar noch Computermagazine wie
      Chip, PC-Go etc. Werbung für Rapidshare. Ab und dann,
      gabs sogar ein “Coupon” für paar Tage umsonst
      downloaden… (Waren das Zeiten!)

      JA, das war eine “Geldmaschinerie”…

  4. Frawul sagt:

    Stimmt Lars, könnte 2009 gewesen sein, und war der Bobby Chung nicht ein “Strohmann”…, also einer der im Zweifelsfall die “Person” ist, die hätte für alle anderen büßen müssen? (Konnte der überhaupt ein Wort Deutsch)

    “Ja, Penny” – ich prüfe gleich ob das Objekt für unser neues Headquarter geeignet wäre und in unserem “Budget” liegt…

  5. kt sagt:

    Danke für den Artikel.
    Will nur anmerken das es Zürcher und nicht Züricher heisst.

  6. Frawul sagt:

    Schaut euch mal das “Gebäude” von Rapidshare an ! Das ist kein “Kleinbau”, das ist schon ein größeres “Objekt”.
    Baukosten, wollen wir das wirklich wissen… Also Rapidshare war schon “ertragsreich”. bis 2011.

    Wusstet ihr, dass “Mola Adebesi” da gearbeitet hat? Von 2009 bis 2011 wurde Adebisi Executive Consultant beim Internetdienstleister Rapidshare.

    Frage mich und euch, was bitteschön ist bei einem Filehoster ein “Executive Consulant” ? – ist es ein Pressesprecher?

    Habe noch einen tollen Artikel gefunden zu dessen Tagesablauf, als alles noch halbwegs lief…

    http://www.spiegel.de/netzwelt/web/wie-rapdishare-raubkopierer-vergraulen-will-a-827324.html

    • Ja, ich habe Mola Adebisi und Bobby Chang gemeinsam in Berlin gesehen, sie waren 2009 (?) auf dem Event “Music Meets Media”, wo sie Kontakt zur Musik-Industrie herstellen wollten. Das ging aber leider schief. Niemand wollte mit den Vertretern dieses Online-Speicherdienstes sprechen, das waren wohl für viele Plattenbosse die bösen Jungs. Ursprünglich war so etwas wie RapidGames auch für Musikstücke geplant, die Vertreter der deutschen Kreativwirtschaft haben dabei aber nicht mitgespielt. Ich habe damals bei gulli.com darüber ausführlich berichtet, leider sind die alten Beiträge dort weiterhin nicht erreichbar.

  7. Frawul sagt:

    Zitat:
    Der ehemalige Geschäftsführer Christian Schmid gab gegenüber Tarnkappe.info bekannt, dass sein Unternehmen „wirklich alles Zumutbare und selbst Unzumutbare getan hat, um keine attraktive Plattform für Urheberrechtsverletzungen zu sein„.
    Zitatende

    Das stimmt! – Nach dem Bust gegen “Megaupload” hatten viele Filehoster “Magenschmerzen”, wenn ihr versteht was ich meine…

    Einige Filehoster sind über Nacht in die ewige Finsternis abgedriftet, andere haben Ihre Dienste insoweit bearbeitet, dass nur der etwas runterladen konnte, der was upgeloaded hatte. – Also nichts mehr mit Downloads für die Allgemeinheit.

    Rapidshare hatte da auch angefangen “aufzuräumen”. Die haben millionenfach gelöscht bzw. löschen lassen, ist schon richtig. Daher war es für die “Power-User” auch nicht mehr interessant. Da gab es inzwischen andere “Alternativen”. Wer denkt, ich schreibe in Rätseln, das lasst euch gesagt sein, es ist einfaches…

    • Marek Meier sagt:

      Rapidshare hatte so viele Fehler alleine schon vom Aufbau und der Unternehmesstruktur.
      Fehler Nr. 1: Kein Offshore
      Fehler Nr. 2: Kein DMCA-Takedown und Blacklisting des Filehashes
      Fehler Nr. 3: Keinen DMCA-Agent
      Fehler Nr. 4: Keinen Strohmann, der in dem Business Pflicht ist.
      Fehler Nr. 5: Eigene Server. Gang und gebe ist das es extern gehostet wird, so das man seine Daten gegebenfalls bei drohendem “Bust” rechtzeitig verschieben kann.

      Egal ob Anwalt Jurist oder sonst etwas Rapidshare wurde meines erachtes sehr laienhaft geführt ohne Backupplan und rechtliche Sicherheit

      • Xelona sagt:

        DMCA-Agent war vorhanden, Hashfilter war ebenfalls vorhanden, und RapidShare war bekannt dafür, schnell und korrekt auf DMCA Takedown Notices zu reagieren.

        Um als Unternehmer keine rechtlichen Probleme zu bekommen, gibt es theoretisch zwei Methoden:
        A. Sich ans geltende Recht halten.
        B. Recht ignorieren, sich hinter Briefkästen und Strohmännern verstecken und hoffen, dass es möglichst lang gut geht.

        Die Verantwortlichen bei RapidShare haben angenommen, dass Methode A tatsächlich funktioniert. Das war vermutlich etwas naiv.

        • Marek Meier sagt:

          Naja gut bei den Takedowns kann man diskutieren ob die schnell waren bei teilweise 20 Stunden aber ok. Und genau das ist halt der Punkt kein Offshore. Wenn es am Firmensitz keine Copyrightlaws gibt, kann auch niemand angeschissen werden, deshalb wird ja meistens Offshore genutzt weil die Rechtslage der Länder eine andere ist.

          • Anonymous sagt:

            Marei, du hast offensichtlich überhaupt keine Ahnung wovon du redest, glaubst aber ein Menge davon zu haben. 20 Stunden DMCA takedown sind lang? Bitte geh weiter spielen…

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