Hassgrüße aus dem Netz

Wien. Hasskommentare zu aktuellen Themen findet man täglich im Netz. Vor allem in sozialen Netzwerken werden Andersdenkende, Randgruppen, Flüchtlinge, Gutmenschen, Rassisten, Homosexuelle und Frauen, Opfer von verbalen Angriffen. Das geht bis zur Androhung von Leib und Leben. Was ist eigentlich mit dem Internet los? Genau diese Frage versucht das Buch “Hass im Netz” von Ingrid Brodnig zu beantworten und bietet Lösungswege an, wie man dagegenhalten kann. Womit? Mit Humor!

Es ist einfach hart zu sein, wenn man sich nicht ansehen muss, was diese Härte bei unserem Gegenüber bewirkt. In der Fachsprache nennt man das die “Unsichtbarkeit im Internet“, erklärt Ingrid Brodnig, Autorin des neuen Buches “Hass im Netz“, das am 25. April erschienen ist. Rassismus und Hetze haben sich im letzten Jahr verdoppelt. “Rassismus erreicht neues Level!“, titelt Zara, der Verein für Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit in Wien. Im jährlichen Rassismusreport 2015 wird durch die Flüchtlingskrise eine deutliche Zunahme an Hasskommentaren dokumentiert. Viele der Meldungen wurden aus dem Zusammenhang gerissen. Nicht selten werden Bilder oder Inhalte verfälscht, zulasten von bestimmten Zielgruppen ins Gegenteil verkehrt. Die meisten Menschen sind in ihrem Medien-Konsum so geprägt, dass sie denken, was in der Zeitung steht oder im Internet, dass muss auch stimmen. Die Skeptiker und Zweifler, die die Berichterstattung der Mainstream-Medien nicht überzeugt, stempeln diese als Lügenpresse ab. Die Wahrheit liegt – wie üblich – irgendwo in der Mitte zwischen den beiden Extremen.

Wie kann man aber wissen, was man als bare Münze nehmen kann?


20. April 2016, Wien. Video-Mitschnitt der Buchpräsentation von Ingrid Brodnig “Hass im Netz – Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können”.

Die Autorin zeigt anhand von Fallbeispielen, wie verfälschte Postings rund um den Globus verschickt werden, und wer die wirklichen Urheber sind, beziehungsweise in welchem Kontext ein Bild oder eine Geschichte entstanden ist. Brodnig erläutert zudem, wie man Bilder auf ihre Echtheit überprüfen kann. Diese Art von Medienkompetenz soll uns wachrütteln und uns vor Fälschungen in der Nachrichtenwelt schützen. Die Plattform firstdraftnews listet in einer Checkliste auf, wie man vorgehen soll, um ein Bild auf seine Echtheit zu überprüfen.

Ingrid Brodnig Buchpräsentation Hass im Netz WienDenn bei all dem Weißen Rauschen das in den sozialen Netzwerken durch solche Postings entsteht, geht eine sachorientierte Diskussion verloren. Brodnig spricht von Filterblasen, in denen sich viele Gruppen bewegen. Sie sind deswegen nicht mehr zugänglich für andere Fakten oder Argumente.

Dann kommen noch als Aspekt die Algorithmen der sozialen Netzwerke hinzu. Ursprünglich gedacht, dass man als Nutzer/in nur die Beiträge bzw. Werbung angezeigt bekommt, die einen wirklich interessiert. Da diese Plattformen penibel alle Aktivitäten überwachen, bekommt man schon nach kurzer Zeit nur noch das zu sehen, wonach man vorher gesucht hat. Wer sich bei Facebook & Co. intensiv mit der Flüchtlingsproblematik beschäftigt, bekommt dort kaum noch etwas anderes angezeigt. Andere Themen oder Quellen einer anderen Gattung erreichen einen dann nicht mehr. Leider bekommt man es folglich nur noch selten mit, wenn sich herausstellen sollte, dass eine Meldung nichts weiter als ein Fake (Zeitungsente) war.

Da diese Algorithmen nicht transparent sind, weiß niemand, welche mathematischen Formeln uns tagtäglich beeinflussen. Niemand kann eigenhändig steuern, was uns das Netzwerk anzeigt und was nicht. Diese Art der Vorauswahl ist generell zu hinterfragen, findet Brodnig. Sie fordert offen, dass diese Algorithmen offengelegt werden sollen.

Als in der Silvesternacht in Köln sexuelle Übergriffe auf Frauen von vermeintlichen Asylwerbern stattgefunden haben, schlugen die Wogen in den sozialen Netzwerken hoch.

Screenshot der Fälschung: grüne.at / brodnig.org

Screenshot der Fälschung: grüne.at / brodnig.org

Dabei fälschte jemand ein Bild der Bundessprecherin der Grünen in Österreich (Siehe Screenshot links) und kombinierte dies mit der Aufforderung, Frauen müsse man vergewaltigen. Alles andere wäre gegenüber den Flüchtlingen rassistisch. Diese Fakemeldung blieb nicht ohne Folgen. Eva Glawischnig, die auf dem Bild abgebildet ist, wurde mit einem Shitstorm konfrontiert, bis hin zur Androhung von Gewalt. Viele, die sich damals in Rage geschrieben haben, haben aber nicht überprüft, ob sie einer Fälschung aufgesessen sind. Zeit für das Verfassen von Hasstiraden ist offenbar reichlich vorhanden. Zeit für eine Prüfung des vorangegangenen Berichts oder Fotos hingegen nicht. Die Sorgfaltspflicht gilt nicht nur für Journalisten, sondern für alle Personen, die sich öffentlich im Internet auslassen. Seit dem Jahreswechsel ist in Österreich eine strenge Gesetzesnovelle in Kraft getreten, die derartige Fehlleistungen sanktioniert.

Die Grünen in Österreich haben das neue Gesetz bereits in Anspruch genommen. Sie haben die Hass-Postings gerichtlich abgemahnt. Die Verklagten haben die Wahl zwischen einer Spende für einen gemeinnützigen Zweck, oder aber sie sollen die volle Härte der Justiz zu spüren bekommen.

Barbara Blaha vom Verlag Brandstätter erzählte auf der Buchpräsentation, dass es keine lange Überlegung bedurfte, ob sie dieses Buch verlegen. Es sei einfach wichtig, dass man mit so einem Buch für mehr Bewusstsein sorgt..

Die Autorin Ingrid Brodnig war jahrelang Medienjournalistin beim Falter und schreibt jetzt für das Nachrichtenmagazin Profil. Es ist ihr zweites Buch. Wir baten sie zum Radio Netwatcher Exklusiv-Interview mit Manfred Krejcik.

 

Video: Interviews zum Thema “Hass im Netz” mit Ingrid Brodnig, Eva Glawischnig und Eva Blaha.

Freier Journalist / Online, Radio, Video/TV, Print Chefredakteur von Radio Netwatcher www.netwatcher.at

2 Kommentare


  1. Brodnig sagt im Video-Interview, es wäre in den letzten Monaten aggressiver im Netz geworden. Ich weiß nicht. Ist es nicht vielmehr so, dass das Flüchtlingsthema einfach sehr zu hitzigen Diskussionen neigt und die Leute indirekt zu Flames anstachelt? Auf der Straße sagen viele Menschen ja auch Dinge bei denen klar ist, dass sie darüber nicht eine Sekunde nachgedacht haben. Anders läuft das im Netz leider auch nicht. Von daher ist eigentlich alles beim Alten geblieben, oder?


    • Wie Zara im Rassismusreport seit Jahren dokumentiert, hat hier zu Lande vor allem das Flüchtlingsthema die Frequenz an Postings steigen lassen. Aber es gibt andere Beispiele wie zum Beipspiel “#aufschrei”, wo ein FDP-Politiker einer Journalistin eine Bemerkung zu ihrer Kleidung machte und dies eine Feminismusdebatte inklusive Shitstorm ins Leben rief. In USA sind dies schon mal Diskussionen zum Waffengebrauch, wenn wieder eine Schule, ein Kino oder ein Einkaufszentrum von einem Attentäter viele Menschen zu schaden kam. Dann hat das amerikanische Höchstgericht die Gleichsetzung von Homosexuellen mit Heterosexuellen in punkto Ehe oder wie bei uns in Österreich das Recht auf Verpartnerung Recht gesprochen. Das hat vor allem in ultrakonservativen Kreisen zu hohen Wellen geschlagen, als eine Beamtin weigerte einem homosexuellen Paar die gesetzlich legitimen Forderungen nachzukommen. Aktuell ist es die Präsidentschaftswahlen in der USA wegen Hillary Clinton versus Trump, der wegen seiner Äußerungen sehr stark polarisiert. In Österreich sorgt der Wahlausgang der Bundspräsidentenwahl am letzten Sonntag für ein hohes Aufkommen an Emotionen in den Postings.

      Dann gibt es noch den arabisch-sprachigen Teil von sozialen Netzwerken, speziell im nahen Osten, wo derzeit in Syrien der Krieg tobt von mehreren Konfliktpareien. Da kommt es von der Tonalität her noch etwas extremer als wir das kennen. Da werden Menschen an den Pranger gestellt, die nach den Urheber dieser Postings Fahnenflucht begangen haben oder als Terroristen einer der Konfliktparteien denunziert werden. Die Wahrheit dahinter bleibt meist auf der Strecke.

      Fazit: Nein es ist ein Phänomen der Flüchtlingskrise, sondern es eine neue Qualiät unserer Zeit, dass Menschen ein Bedürfnis haben sich öffentlich mitzuteilen. Das ist nicht neu seit es soziale Netzwerke gibt, sondern gab es immer schon und nannte sich Stammtisch. Nur hatte der Stammtisch in einem Lokal nicht die Reichweite wie in einem sozialen Netzwerk.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.