Gespräch mit Manuel Bonik über E-Book-Piraterie

Wir haben uns ausführlich mit Manuel Bonik von Lisheennageeha über Wasserzeichen und andere Maßnahmen zur Bekämpfung von E-Book-Piraterie unterhalten.

Manuel Bonik

Wir haben uns ausführlich mit Manuel Bonik von der Lisheennageeha Consulting Ltd. unterhalten. Offizieller Firmensitz ist zwar in Irland. Tatsächlich sind er und Dr. Andreas Schaale in Berlin Mitte beheimatet. Sie veröffentlichen seit 2011 den Gutenberg Report, der den Fortschritt der internationalen E-Book-Piraterie beschreibt. Wir sprechen mit ihm über digitale Wasserzeichen, Notice-and-Takedown Verfahren und andere (mehr oder weniger effektive) Maßnahmen zur Bekämpfung der E-Book-Piraterie.

Der Branchenverband des Buchhandels MVB will die E-Book-Piraterie ab Anfang 2015 in Kooperation mit dem US-Unternehmen Digimarc bekämpfen. Das Anti-Piraterie-System „Digimarc Guardian“ soll Verlagen durch Einsatz von digitalen Wasserzeichen dabei helfen, unrechtmäßig erstellte Kopien im Internet zu identifizieren und aufzuspüren. Von einer Identifizierung einzelner Käufer, die E-Books in Umlauf gebracht haben, hat man wieder Abstand genommen. Natürlich möchten wir von den beiden Berliner Piratenjägern Schaale und Manuel Bonik wissen, ob man tatsächlich durch den Einsatz von Wasserzeichen geschützte Werke in Tauschbörsen aufspüren kann.

Verschwindet die Piraterie auf Knopfdruck?

Tarnkappe: Was unternimmt Digimarc denn konkret zum Schutz der Verlage?

Manuel Bonik: Das Angebot von Digimarc besteht grundsätzlich aus drei Komponenten: Zum einen Wasserzeichen (Soft DRM) und zum anderen dem Digimarc Guardian, also eine Art automatisiertes Notice-and-Takedown-Verfahren. Schließlich Abmeldung von Google-Piraten-Links.

Was Wasserzeichen angeht – und das betrifft nicht nur die von Digimarc –, ist mir noch nie klar geworden, wozu die gut sein sollen bei E-Books. Bei der Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen bei Bildern, auf die man direkt im Netz zugreifen kann, mögen sie sinnvoll sein, aber bei E-Books? E-Book-Piraterie läuft fast ausschließlich als Filehoster-Piraterie (mal von der Library Genesis (LG) und wenigen Torrents abgesehen).

Foto: Johan Larsson (CC BY 2.0), Manuel Bonik

Foto: Johan Larsson (CC BY 2.0)

Den Tarnkappe-Lesern muss ich es vermutlich nicht erklären, mach es aber trotzdem mal: Man findet einen Link bei zum Beispiel boerse.to und landet dann, womöglich über verschiedene zwischengeschaltete Seiten, nach ein oder mehreren CAPTCHAS, bei einem Filehoster wie – das ist nicht nur bei Büchern zur Zeit der schlimmste – Uploaded.net, wo das File dann, womöglich mit Verschlüsselung, physisch zum Download angeboten wird.

Habe ich es endlich downgeloadet, kann ich – erst jetzt! – schauen, ob das File das/ein Wasserzeichen trägt. Da geht also überhaupt nichts automatisch. Sie können nicht das Wasserzeichen bei Google eingeben und dann alle Links zu gekennzeichneten E-Book-Files bei den Filehostern geliefert kriegen. Das ist technisch völlig unmöglich.

CAPTCHAS lösen

Aus ähnlichen Gründen ist auch ein automatisiertes Notice-and-Takedown-Verfahren nur sehr begrenzt möglich. Bei Seiten wie avaxhome wird direkt verlinkt, und da können Sie die Links noch mit dem Crawler auslesen. Aber sobald CAPTCHAS, zwischengeschaltete Seiten wie linksave.in etc. hinzukommen, ist Schluss mit der Automatik. Da ist dann menschlicher Verstand gefragt, der die CAPTCHAS lösen muss etc.

Ein bisschen menschlichen Verstand setzt Digimarc inzwischen auch ein, weil sie gemerkt haben, dass rein automatisch, algorithmisch nur sehr bescheidene Erfolge bringt. Suggeriert wird aber immer noch, es gäbe den einen Anti-Piraterie-Algorithmus: Software installieren bzw. Digimarc beauftragen, Knopfdruck, und schwupps! ist die Piraterie weg. Da mögen Verleger und Anwälte von träumen, aber das ist, wie dargestellt, sehr schwierig realisierbar.

Wasserzeichen: Ist die totale Überwachung der Leser wünschenswert?

Tarnkappe: Wie hat sich Digimarc eine „Erfolgsquote von 90 Prozent“ errechnet?

Manuel Bonik: Wir überwachen seit vielen Jahren viele Verlage, gerade auch Digimarc-Kunden (Wettbewerbsbeobachtung). Dazu sammel ich ein paar hundert oder tausend von deren Links ein und prüfe von Zeit zu Zeit, wann und wie viele davon gelöscht wurden. Das ist dann so Pi mal Daumen die Erfolgsquote. Um hier nur ein paar Verlage (grob) zu beurteilen: Bei Thieme ist Digimarc relativ gut, da könnte das mit den 90% fast stimmen, 70 bis 80 % ist realistischer, bei einzelnen Titeln aber auch 0%. Im Fall Elsevier sind es zwischen 50 und 70 %. Bei Hanser maximal 50 %, bei Suhrkamp 0 %. Bei letzteren beiden handelt es sich laut Buchreport um eine „Testphase“. Mal sehen, wann die so richtig losgehen.

Bislang ist da empirisch wenig bis nichts zu sehen. Zum Beispiel stand Suhrkamp jetzt gerade mit Kruso von Lutz Seiler auf Platz 1 der Spiegel-Bestseller-Belletristik-Charts, und man möchte denken, dass sie da extrem hinterher sein müssten. Ich schaue Woche für Woche mal auf ein paar einschlägigen Seiten nach und stelle beweisbar fest: Da tut sich gar nichts! Da Digimarc nach Titeln vorgeht, muss man annehmen, dass die beauftragenden Verlage oft nicht wissen, welche ihrer Bücher illegal unterwegs sind. Anders kann man nicht erklären, dass ihre Bücher nicht auf einschlägigen Foren (z.B. Scribd.com, mal nach „For Dummies“ suchen) entfernt werden .

reading_chinese_manNoch ein wenig Grundsätzliches zu Wasserzeichen: Ist diese Art von totaler Überwachung der Leser tatsächlich wünschenswert? Muss ich mich künftig im Supermarkt persönlich registrieren lassen, wenn ich eine Dose Ananas kaufe – sie könnte ja jemandem auf den Kopf fallen?

Wie sinnvoll sind Wasserzeichen?

Wir (Andreas Schaale und ich) versuchen schon lange, auch nur ein einziges Beispiel zu finden, wo aufgrund eines Wasserzeichens ein gerichtliches Verfahren gegen einen E-Book-Uploader zustande kam. Kennen Sie eins? Bei unserem Erkenntnisstand neige ich zu der Ansicht, dass es sich da um einen reinen Verkaufsmythos der Anbieter von Wasserzeichen handelt. Eine lukrative Fata Morgana.

Schließlich: Google-Links runternehmen lassen ist (meist) hochgradig kontraproduktiv. Wie wir in unserer jüngsten Gutenberg-Studie dargestellt haben: Auf große Piratenseiten wie z. B. avax gehen die Leute in der Regel direkt, ihren Traffic kriegen diese Seiten zu weniger als 10 Prozent über Google (siehe similarweb). Daraus folgt: Man muss die Links bei den Filehostern runternehmen (Notice-and-Takedown-Verfahren, dazu gleich). Wenn dann der Klappentext noch auf Piratenseiten oder als Teaser bei Google steht – soll er doch! Das ist kostenlose Werbung! Wenn Sie die Links bei Google runternehmen lassen, sorgen Sie nur dafür, dass valide, noch nicht abgemeldete Links im Google-Ranking nach oben rutschen, helfen also den Piraten bzw. deren interessierten Kunden. Wenn da hingegen oben die Links stehen, die auf Piratenseiten verweisen, die auf Filehoster verweisen, bei denen die Links aber schließlich abgemeldet sind, haben Sie als Verlag bzw. Autor eine schöne Schutzschicht von Spam bei Google.


DMCA-Löschvefahren grundsätzlich begrüßenswert

Tarnkappe: Begrüßen Sie denn grundsätzlich, dass sich durch die MVB der Verband, also der Börsenverein des  deutschen Buchhandels, erstmals für ein Notice-and-Takedown-Verfahren ausspricht?

Manuel Bonik: Ja, natürlich! Das propagiere ich seit Jahren. Das macht der britische Verlegerverband schon lange. Könnte man freilich noch deutlich besser, more thoroughly machen als die Briten. Bringt deutlich mehr als das Rumfuchteln mit „Wir brauchen ein schärferes Urheberrecht! Wir brauchen mehr Lobbyisten in Brüssel!“ etc. Da können Sie das deutsche oder das EU-Urheberrecht reformieren, wie Sie wollen: Das werden die Piraten kaum auch nur zur Kenntnis nehmen.

Aber es gibt ja das bestehende amerikanische DMCA (Digital Millenium Copyright Act) und seine praktische Anwendung, das Notice-and-Takedown-Verfahren. Das funktioniert (international) erstaunlich gut, vielleicht nicht im Iran, aber sonst schon (wir haben dazu große Statistiken). Muss man einfach nur nutzen.

VBuchhandlung Berliniele Autoren googeln sich im Netz und stellen fest: Huh! Da gibt es tausende von Piratenseiten, die mein Buch klauen. Dabei ist das meiste doch Spam! Ich habe unlängst sogar eine Seite gefunden, die das Buch von Oswald Wiener, Robert Hödicke und mir: „Eine elementare Einführung in die Theorie der Turing-Maschinen“ (Springer, Wien New York 1998) angeblich als Hörbuch anbietet – musste ich schon lachen. Ist doch totaler Blödsinn! Gibt es natürlich nicht! Praktisch haben die meisten Autoren nur ein paar wenige Links bei einigen wenigen Filehostern. Nimmt man die runter, ist das Piraterieproblem für sie, innerhalb von einer Stunde bis zwei Tagen, erstmal gelöst. Es kann schon auch mal ein Re-Post kommen, muss man natürlich kontrollieren, aber so viel Mühe machen sich die wenigsten Piraten, zumindest nicht bei Belletristik.

Aber nochmals: Sollten MVB/Digimarc eine allgemeine deutsche Notice-and-Takedown-Seite anbieten wollen, wäre es sehr zu begrüßen. Die konkrete Umsetzung kann man dann ja noch „optimieren“, wie das die Informatiker so schön falsch ausdrücken.

Die Lage ist ernst und wird nicht lustiger.

Tarnkappe: Wie bewerten Sie die aktuelle Lage? Welche Mittel sind Ihrer Ansicht nach sinnvoll und nötig, um der E-Book-Piraterie einen Riegel vorzuschieben? Könnten sich mehrere Maßnahmen ergänzen?

Manuel Bonik: Die Lage ist ernst und wird nicht lustiger. Zu ihrer Aktualität äußern sich Schaale und ich halbjährlich mit unserer Gutenberg-Studie und auch sonst ständig, wie etwa die Leser von Tarnkappe.info wissen. Aber ganz verkürzt: E-Book-Piraterie steigt weiterhin kräftig, E-Book-Verkäufe geraten hingegen zusehends in Stagnation. International wie deutsch sieht das unterschiedlich aus, man muss Belletristik von Sach- und Fachbüchern unterscheiden, und in den einzelnen Subgenres auch noch genauer hinschauen.

Was man dagegen machen kann, muss man differenziert, je nach Format der Piraterie sehen.

Wie gesagt: Die größten Teile von Piraterie, Filehoster-Piraterie, könnte man mittels Notice-and-Takedown-Verfahren erledigen. – Das gilt übrigens auch für Seiten wie das immer noch als legal geltende scribd.com, eine der reichweitenstärksten (aus unserer Sicht: Piraterie-) E-Book-Seiten.

Demnächst will Scribd sogar noch einen deutschen Ableger starten. Notice and Takedown machen die, alles andere interessiert sie nicht. Oder? Wettbewerbsrechtlich scheint es mir sehr bedenklich, dass deren Geschäftsmodell nicht unwesentlich auf Piraterie beruht – da haben deutsche Anbieter wie z. B. PaperC schwerlich eine Chance gegen solch unlautere Konkurrenz. Gut wäre auch, wenn z. B. Tolino oder Weltbild mal aufhören würden, bei Scribd Werbung zu schalten.

Manuel Bonik: Payment abstellen hilft!

Bücherregal, Manuel BonikTarnkappe: Welche weiteren Maßnahmen stünden an?

Manuel Bonik: Die paar wenigen E-Book-Torrents kann man den Abmahnanwälten überlassen. Machen die gerne. Haben die schließlich genug Konkurrenz untereinander, da sich mit der Zeit doch herumspricht, dass man von Torrents besser die Finger lässt.

Bei Seiten wie LUL (die nicht über Filehoster gehen, sondern selber hosten) muss man wohl auf „James-Bond-Einschleich-Methoden“ wie die von der GVU setzen. Aber hier ist ein Erfolg natürlich alles andere als garantiert. Bin mal gespannt, wie das mit kinox etc. ausgeht, aber solange die Seiten, von denen zur Zeit geredet wird, online sind, glaube ich kein Wort.

Oft kriegt man solche Seiten aber auch weg, wenn man ihnen einfach das Payment abstellt: Visa, Mastercard, Paypal etc. Haben wir schon gemacht, kleiner Brief vom Justitiar an die Paymentfirmen genügt meistens.

Größtes Problem ist und bleibt die Library Genesis. Nimmt man bei denen eine sehr konservative Ersatzrate von auch nur einem Prozent an, kommt man dennoch auf einen Schaden für allein den deutschen Buchhandel von geschätzt einem fünfstelligen Euro-Betrag am Tag (bei aktuell etwa 50.000 Werken Deutscher Belletristik auf L.G., zzgl. Fachbücher). – Wir wüssten zur Zeit, vermutlich, noch, was sich da machen ließe. Mal sehen, wie hoch der Leidensdruck noch werden muss, bis das mal irgendjemanden interessiert.

Berufsbild Piratenjäger?

Zuletzt: Es wäre äußerst wünschenswert, wenn die Verlage mal endlich ein wenig in Personal investieren würden, das bei Piraterie durchblickt. – Warum hat nicht jeder Verlag eine/n Piraterie-Beauftragte/n? Warum gibt es das nicht als Berufsbild? Das Problem ist groß genug und wird für einige existenzentscheidend werden. Ich habe bislang ein einziges Mal eine Verlagsvertreterin gefunden, bei der ich dachte: Hei, die blickt richtig durch! Die weiß, wovon ich rede!

Tarnkappe: Was ist mit den rechtsradikalen Werken, die Scribd umsonst verteilt?

Manuel Bonik: Da gibt es reichlich Mein Kampf und noch blöderes Zeug, das in Deutschland eindeutig verboten ist. Da reden wir nicht mehr vom Urheber-, sondern vom Strafrecht. Und das Problem betrifft ja nicht nur Scribd, sondern auch Piratenseiten wie 3dl.tv oder boerse. Und allerdings auch ganz legale Seiten wie Amazon, iTunes etc.

Verlagstaktik bei Piraterie: „ignorieren, aussitzen, abwarten

Tarnkappe: Wie kommt es eigentlich, dass von Scribd nicht häufiger bekannt wird, dass sie juristische Probleme haben?

Bald geschlossen? Berliner Buchhandlung am Savignyplatz

Bald geschlossen? Berliner Buchhandlung am Savignyplatz

Manuel Bonik: Sie haben ja keine Probleme! Wo kein Kläger, da kein Richter. Die meisten Verlage bzw. Autoren verhalten sich da wie stets bei E-Book-Piraterie: Ignorieren, aussitzen, abwarten. Alles, nur nicht beschäftigen mit diesem „schmutzigen“ Thema! Auch verweist Scribd zurecht auf das DMCA, und das Notice-and-Takedown-Verfahren ist mit Mühen verbunden, die sich außer uns offensichtlich fast niemand machen will.

Tarnkappe: Was macht Ihre Firma denn so viel anders, als MVB bzw. Digimarc?

Manuel Bonik: Wir gehen anders vor und wir beschränken uns nicht auf einzelne Titel eines Verlages.  Wir haben natürlich auch unsere Algorithmen und  Suchmaschinen für das Bulk-Geschäft, aber investieren zusätzlich viel Zeit und Mühe in Handarbeit und Mitdenken. Was jeder bemerken sollte, der auf Seiten wie z.B. Scribd.com nach Büchern unserer Kunden sucht – und dann vielleicht mal den Vergleich mit den Büchern von Digimarc-Kunden macht.

Tarnkappe: Warum verfolgt Ihre Firma keine Belletristik?

Manuel Bonik: Haben wir auch schon gemacht, aber haben wir zur Zeit keinen Auftrag. Da gibt es zum einen Verlage, die wider alle Vernunft weiterhin auf hartes DRM setzen. Andere beauftragen lieber Digimarc oder sonstige Billiganbieter. Das bringt zwar so gut wie nichts, aber formal ist damit das unbeliebte Thema bei den Verlagen erstmal vom Tisch. Können sie für kleines Geld ihren wütenden Autoren sagen: Da, schaut, wir tun doch was! – Na, mal sehen, wie lange sich die Autoren das noch gefallen lassen. Gleichzeitig blicken ja die Autoren oft auch nicht durch und lassen sich stattdessen lieber für irgendwelche Urheberrechts-Kampagnen einspannen. – Ich hatte unlängst einige Korrespondenz mit einer Bestseller-Autorin, die viel Tamtam wegen Piraterie gemacht hatte.

Andere beauftragen lieber sonstige Billiganbieter.

Habe ich ihr geschrieben: Lass doch mal die sieben (um mehr geht es nicht) Links herunternehmen, und dann hast Du im Wesentlichen Ruhe (so, wie ich das oben schon beschrieben hatte). Es ist aber nichts geschehen (auch das kann ich empirisch leicht belegen). Was soll ich daraus folgern? Dass ihr Verlag zu doof dafür ist? Oder dass sie sich wohler fühlt als prominentes Opfer, dem Piraten angeblich auf tausenden Seiten nachstellen? – Da kümmere ich mich doch lieber um Gebiete, wo die Leute echte Probleme haben, und das ist natürlich eindeutig eher der Fach- und Sachbuchbereich. Aber falls ein Autor da nicht auf seinen Verlag warten und stattdessen individuell was unternehmen will – Self-Publisher können durchaus auch betroffen sein –, schaue ich mir gerne seine/ihre Situation an und mache ihm/ihr ein Angebot.

„Ohne Russisch kann man den Job vergessen.“

Eschbach-Buch-E-BookTarnkappe: Bei Anbietern wie Library Genesis oder Avax dürfte der Einsatz von James-Bond-Methoden schon wegen der Sprachbarriere deutlich komplizierter ausfallen. Wie flüssig ist das Russisch von Ihnen bzw. von Andreas Schaale?

Manuel Bonik: Bы говорите на русском? („Sprechen Sie Russisch?“) Nein, mein Russisch ist noch schlechter als mein Finnisch. Während Schaale in Ost-Berlin aufgewachsen ist und dann in der Sowjetunion Physik studiert hat. Der spricht das fließend. Ohne Russisch kann man den Job vergessen.

Tarnkappe: Trinkfest sind Schaale und Bonik auch, wie wir im Sommer 2014 am eigenen Leib erfahren mussten. Btw.: Womit wird sich Ihre neu gegründete Firma beschäftigen?

Manuel Bonik: Wir haben vor über zehn Jahren als Spezialisten für Suchmaschinen angefangen. Dann kam irgendwann das Piraterie-Thema hinzu. Und jetzt sind wir an weiteren Weiterungen dran. Zum einen das nach wie vor grassierende Thema Plagiate: Da haben wir Algorithmen und Methoden  entwickelt, um Plagiate zu identifizieren. Zum anderen interessiert uns zur Zeit sehr das Thema Bullshit. Hier muss man auch nochmals unterscheiden: Da gibt es menschgemachten akademisch verbrämten Dummsprech, wie er von Harry G. Frankfurt und noch genauer von Oswald Wiener beschrieben wird, – für den haben wir noch keine Lösung. Aber dann gibt es noch maschinengemachten Bullshit, wie ihn etwa scigen oder mathgen produzieren. Da haben Wissenschaftsverlage, die ohnehin täglich mit Bergen von Manuskripten bombardiert werden, ein zunehmendes Problem, die Spreu vom Weizen zu trennen. Manchmal schaffen es solche Texte sogar durch die Peer Review … – Da hätten wir eine Lösung.

Wo bleibt die Glaskugel?

Tarnkappe: Mal ein Blick in die Glaskugel, die dabei gerne jeder vermeidet. Wie sieht das Internet in 5 bzw. 10 Jahren aus? Wird es der gleiche Wildwachs wie heute sein? Oder auf überregionaler Ebene straff reguliert?

Manuel Bonik: Um den alten Spruch zu bemühen: Prognosen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen.

Tarnkappe: Ach – wie langweilig!

Manuel Bonik: Nein, solche Fragen beantworte ich nicht, weil man sie nicht seriös beantworten kann. Empfehle ich stattdessen einstweilen, sich mal die Simpsons, Staffel 25, Folge 7 anzuschauen.

Tarnkappe: Ich erinnere mich. Krusty der Clown verkauft die Rechte an seiner Show in die ganze Welt. Doch das rächt sich, irgendwann sind seine Kopien erfolgreicher als er selbst. Herr Bonik, vielen Dank für das Gespräch!

Wo lebt eigentlich SB?

Schade übrigens, dass es nie zu einem Treffen mit Spiegelbest (SB) gekommen ist. Der Wohn- und Schaffensort des ehemaligen Sprechers von Torboox wird im Raum Berlin vermutet. Schaale und Bonik haben ihn bereits vor Monaten auf einen Kaffee eingeladen. Man vermutet, dass Spiegelbest selbstständiger Buchhändler ist oder in dem Bereich angestellt wurde. SB zog es vor, die Einladung aus Sicherheitsgründen auszuschlagen. Auch das Team von Tarnkappe.info hatte nie persönlichen Kontakt zu ihm.

Beitagsbild: Taylor Leopold – pexels.com – (CC0 Lizenz)

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Evolution of Readers von John Blyberg (CC BY 2.0).

Tarnkappe.info

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem bringt Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.