Gamer-Community wehrt sich gegen Generalverdacht bei Halle-Angriff

Am Samstagabend gab Horst Seehofer (CSU), Bundesminister des Innern, für Bau und Heimat, in der ARD-Sendung «Bericht aus Berlin» Videospielen eine Teilschuld an den Attentaten in Halle. Konkret will man „die Gamer-Szene stärker in den Blick nehmen“, hieß es. Mit der Aussage, viele potenzielle Täter würden aus der Gamer-Szene kommen, löste er kontroverse Diskussionen aus.

Bieten Gamer-Plattformen potenzielles Missbrauchsrisiko?

Gemäß einer Einschätzung von Sicherheitsbehörden würden Extremisten Gaming-Plattformen ohne Moderation oftmals dazu missbrauchen, ihre Anschläge zu veröffentlichen. Auf diese Weise blieben sie unter dem Radar von Behörden. Auch der 27-jährige rechtsextremistische Attentäter von Halle nutzte zur Verbreitung seines Tat-Videos eine solche Plattform. Er streamte den Tathergang über Twitch, ein Live-Streaming-Videoportal, das vorrangig zur Übertragung von Videospielen genutzt wird. Diese Tatsache reichte aus, um die Gamer künftig genauer ins Blickfeld rücken zu wollen. So gelangte Seehofer zu folgender Schlussfolgerung in seiner Rede.:

„Das Problem ist sehr hoch. Viele von den Tätern oder potenziellen Tätern kommen aus der Gamer-Szene. Manche nehmen sich Simulationen geradezu zum Vorbild. Man muss genau hinschauen, ob es noch ein Computerspiel ist, eine Simulation – oder eine verdeckte Planung für einen Anschlag. Und deshalb müssen wir die Gamer-Szene stärker in den Blick nehmen.“ 


Generalverdacht löst Empörung bei Gamer-Community aus

Die Gamer-Branche zeigt sich entsprechend empört. Felix Falk, Geschäftsführer des game Verbandes wehrt sich in einem Statement gegen die Vorbehalte:

„Die Games-Community unter einen Generalverdacht zu stellen, zeugt vor allem von Unkenntnis und Hilflosigkeit und lenkt von den wirklichen gesellschaftlichen und politischen Ursachen für solche Taten ab. Games sind längst zu einem festen Bestandteil des Alltags Millionen Deutscher geworden, fast jeder zweite hierzulande spielt. Eigentlich müsste jedem längst klar sein: So wenig wie man Filme oder Bücher für Hass und Gewalt verantwortlich machen kann, so wenig sind Games und ihre Community hierfür die Ursache. Stattdessen haben wir in Deutschland ein beängstigendes Problem mit Rechtsextremismus. Der Bundesinnenminister sollte nicht hilflos einem Medium und dessen Community die Schuld geben, sondern aktiv die gesellschaftlichen Probleme der Radikalisierung und zunehmenden Fremdenfeindlichkeit angehen, die zu solchen furchtbaren Taten wie in Halle führen.“

Verantwortung bei Gamern zu suchen lenke von Tat-Ursache ab

Auch Hans Jagnow, Präsident des eSport-Bund Deutschland (ESBD) lehnt eine solche Entscheidung ab:

ps4 gamer

„Fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung spielt Videospiele, als Freizeitvergnügen oder im friedlichen Wettstreit. Wenn Innenminister Seehofer jetzt eine stärkere Überwachung von Gamerinnen und Gamern fordert, stellt er damit Millionen von Menschen unter Generalverdacht. Das lehnen wir konsequent ab und erwarten eine sachgerechten Positionierung durch den auch für eSport zuständigen Minister. Gerade in diesen Zeiten müssen wir als demokratische Gesellschaft zusammenstehen und uns entschieden gegen den rechten Terror aussprechen, anstatt uns mit solchen Unterstellungen spalten zu lassen. Der Terrorakt von Halle hatte offensichtlich eine antisemitische, rassistische und menschenfeindliche Motivation. Der mutmaßliche Täter missbrauchte dabei verschiedene popkulturelle Elemente und Technologien für seine Morde. Videospiele und ihre Spielerinnen und Spieler für die Tat verantwortlich zu machen, lenkt von den sozialen und politischen Ursachen solcher Taten ab. Eine verantwortungsvolle Innenpolitik sollte stärker gegen rechtsterroristische Netzwerke, gesellschaftliche Radikalisierung und ihre geistigen Brandstifter vorgehen.“

Renate Künast beschwichtigt hingegen: „Wir sollten mal in Ruhe auf das Problem schauen. Und genau hinsehen. Und uns nicht über das Wort Gamerszene von Seehofer in die Irre leiten lassen. Um die geht es nämlich nicht.“

Alles bekämpfen, was man nicht kennt?

Daniel Mönch, politischer Geschäftsführer der Piratenpartei kommentiert:

Manga Japan„Nachdem bekannt wurde, dass der Attentäter Animemusik gespielt hat, spricht nun der ehemalige oberste Verfassungsschützer Hans Georg Maaßen gar von „Otaku-Terrorismus“, frei nach dem Motto, was ich nicht kenne, ist mir suspekt. Geraten nun nach den Gamern die Anime- und Mangafans in Verdacht? Sind Weebs (die Fans japanischer Kultur) unser Problem? Es ist unglaublich, wie die Politik sich windet, um nicht zugeben zu müssen, dass man jahrelang weggesehen hat, wie sich Neonazis, neue Rechte, Identitäre und nationalistische Kampfsporttruppen vernetzen und mit der AfD nun auch einen Arm in die Parlamente gefunden haben. Die Schuld hier bei harmlosen Gamern oder Anime-Fans zu suchen wird der Situation nicht gerecht und drängt die Falschen ins schlechte Licht“.

Tarnkappe.info

 

Bildquelle: Botana, thx! (Pixabay Lizenz)

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