elementary OS: die opulente Linux-Distribution im Kurzinterview

elementary OS soll möglichst viele Apple-Jünger von einem quelloffenen Betriebssystem überzeugen. Wir haben bei einem der Gründer nachgehakt.

elementary OS

Ich persönlich kam zu elementary OS, weil ich schon seit längerem für meinen Intel NUC Kubus ein weiteres Betriebssystem abseits von Windows 10 suche. Meine Reise in die Welt der Linux-Distributionen führe ich zusammen mit meinem guten Freund Uwe aka Fortunato durch.

Auf der Suche nach der besten Alternative zu macOS

Fortunato hatte für mich deepin als möglichen Kandidaten ausfindig gemacht. Zwar sieht deepin super schick aus, es gibt sogar einige Parallelen zu macOS. Allerdings wurde schon im Jahr 2018 bekannt, dass der chinesische Hersteller von seinem Betriebssystem fleißig Daten an die eigenen Server übertragen lässt. Es wäre kaum sinnvoll gewesen, von der US-amerikanischen Datenkrake Apple zu einer chinesischen zu wechseln. Wenn man schon das OS austauscht, sollte es bei dem Aufwand endlich datensparsam zugehen. Auch der Einsatz einer Distribution über eine virtual machine erscheint wenig sinnvoll, weil man so die proprietäre Windows-Welt nie verlässt.

Ein erster Testlauf mit elementary OS 5 Hera, dem Vorgänger von Odin, ergab, dass die Benutzeroberfläche zwar super modern aussieht. Doch nach der Installation wird man direkt mit den Worten begrüßt, dass dieses Betriebssystem nicht für den produktiven Einsatz geeignet sei. Na toll, das macht ja Mut! Wir haben uns dieses OS übrigens schon einmal vor fünf Jahren angesehen.

elementary OS: nur wenige Programme vorinstalliert

Sonderlich viele Programme waren schon bei Hera nicht integriert. Wenn der App Store unter Odin wie leergefegt aussehen soll, so wirkte das Angebot an Programmen unter Hera schon sehr mager. Wer Anwenderprogramme wie LibreOffice oder Firefox installieren will, muss dies mittels mehrerer Befehle im Terminal tun. Für einen ehemaligen Amiga-User ist eine Shell kein Problem. Doch das Prozedere ist im Jahr 2021 wirklich nicht mehr zeitgemäß. Auf weniger IT-affine Nutzer dürfte die Vorgehensweise sogar überaus abschreckend wirken. Per Browser oder App Store kann man nämlich mittels elementary OS keine weiteren Programme installieren. Das war unter Hera so, das ist wohl auch bei Odin nicht anders.

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Die Beurteilung der neuen Version schwankt im deutschsprachigen Bereich zwischen mittelprächtig bis „missraten„. Dual Boot in Kombination mit Windows geht laut dem Kollegen von t3n nur mit einem Trick. Der Installer verweigert einfach seinen Dienst ohne zu erklären, warum. Wer trotzdem ohne externe Festplatte elementary OS ausprobieren will, muss dafür vor der Installation manuell eine weitere UEFI-Partition hinzufügen. Eigentlich sollte genau so eine Fummelei der Vergangenheit angehören, wenn man sich für ein ausgereiftes Betriebssystem entscheidet. Tja, eigentlich.

Wie dem auch sei. Wir haben Daniel Foré, einem der Gründer von elementary OS ein paar Fragen gestellt, die uns unter den Nägeln gebrannt haben.

Die anderen Distris stellen für uns keine Konkurrenz dar!

Tarnkappe.info: Was ist das herausstechende Merkmal, weswegen sich Nutzer für elementary OS 6 Odin statt für eine andere Linux-Distribution entscheiden sollten?

elementary OS: Ich würde sagen, es gibt eine ganze Reihe von Unterscheidungsmerkmalen zwischen elementary OS und anderen Linux-Distributionen, wie z.B. das AppCenter, unsere Pantheon-Desktop-Umgebung, die Unterstützung von Multitouch-Gesten und so weiter. Aber letztlich stellen andere Desktop-Linux-Distributionen gar keine Konkurrenz dar. Wir sind viel mehr daran interessiert, Menschen von der Verwendung von Closed-Source-Betriebssystemen abzubringen. Wenn sich also jemand mit einer anderen Linux-Distribution wohler fühlt, ist das in meinen Augen immer noch ein Gewinn!

Tarnkappe.info: Wie nah kommt ihr euren selbst gesteckten Zielen mit diesen Version?

elementary OS: Unsere Ziele sind ständig in Bewegung. Daher glaube ich nicht, dass wir wirklich sagen können, dass wir ihnen näher oder weiter entfernt sind! Die Welt, in der wir leben, und die Bedürfnisse der Menschen verändern sich ständig. Also müssen wir uns auch immer verändern und uns an die neuen Herausforderungen anpassen, die die Menschen mit der Technologie haben.

Derzeit bei elementary OS keine durchgängigen Upgrades möglich

Tarnkappe.info: Ist Odin im Gegensatz zum Vorgänger Hera für den produktiven Einsatz geeignet? Muss man bei OS 7 künftig wieder alles neu installieren? Oder anders gefragt: Warum sind bei Versionssprüngen keine regulären Updates möglich?

elementary OS: elementary OS folgt einer Art halb rollendem Veröffentlichungszyklus, bei dem wir monatlich so viele Funktionsupdates wie möglich herausbringen, bis größere technologische Veränderungen eintreten, die uns daran hindern. Mit elementary OS 5 haben wir während des gesamten Lebenszyklus der Version eine Reihe großartiger Updates bereitgestellt, und wir werden diesen Trend mit OS 6 fortsetzen.

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Im Moment können wir aufgrund dieser großen Brüche in der zugrundeliegenden Technologie zwischen den Hauptversionen keinen durchgängig erfolgreichen Upgrade-Pfad garantieren. Wir suchen nach Lösungen für diese Probleme. Wir sind zuversichtlich, dass wir in Zukunft einen zuverlässigen Upgrade-Prozess zwischen den Hauptversionen entwickeln können. Bis es soweit ist, haben wir ein sehr schnelles und einfaches Verfahren für die Neuinstallation und den ersten Start, mit dem es ein Kinderspiel ist, ein neues Betriebssystem zu installieren.

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Datensparsamkeit fängt bei der eigenen Website an

Tarnkappe.info: Ihr kündigt elementary OS als datensparsame Alternative an. Bis vor kurzem hattet ihr aber auf eurer Webseite Fontawesome, Google Analytics, Gstatic, JSdelivr und etwas vom Zahlungsdienstleister Stripe installiert. Wie passt das zusammen? Okay, zugegeben. Die Tools dienen nicht alle der Web-Analyse. Trotzdem sind dabei Daten angefallen, die teilweise auf den Servern Dritter gespeichert wurden.

elementary OS: Die Webentwicklung ist definitiv eine chaotische Welt. In den letzten Jahren wurde immer deutlicher, dass wir einen vertrauensvolleren Ansatz wählen müssen. Wir haben unsere Website in eine Reihe kleinerer, gezielterer Subdomains umgestaltet, die einfacher aufgebaut sind und viel schneller laden. elementary OS ist von Diensten wie Medium zu unserem eigenen statischen Blog übergegangen. Wir haben Google Analytics durch das quelloffene Plausible ersetzt, und ich denke, wir machen dabei große Fortschritte. Außerdem haben wir eine umfassende Datenschutzrichtlinie, die Sie hier nachlesen können, und alle unsere Subdomains sind als Open Source auf GitHub verfügbar.

Tarnkappe.info: Daniel, vielen Dank für das spontane Interview!

Tarnkappe.info

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem bringt Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.