Datenkrakenauszeichnung in Wien „(ausspähen) nicht unter Freunden“

Österreich feiert sich mit den jährlichen Bigbrother Awards seit 1999 immer am 25. Oktober vor dem Staatsfeiertag selbst. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat im Herbst 2013 spätestens zu der NSA-Abhöraffäre mit dem Satz:“Ausspähen unter Freunden …“ in Sachen eigener Privatsphäre für Aufmerksamkeit gesorgt. Am Sonntag werden wieder die Datenschutz-Oskars in 5 Kategorien verliehen. Neben einer Publikumswahl gibt es auch für die Verteidigung der Privatsphäre einen Positivpreis, den Defensor-Libertatis.

Motto Bigbrother Awards 2015 Österreich "nicht unter Freunden"

Motto Bigbrother Awards 2015 Österreich „nicht unter Freunden“

Mit großen Anstrengungen haben es Bürgerinnen und Bürger in Europa mit Unterstützung vom Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung (AK-Vorrat) letztes Jahr geschafft, die Vorratsdatenspeicherung vor dem Europäischen Gerichtshof zu Fall zu bringen. Anstatt den Willen der Bürger/innen zu respektieren, das Gesetz ad acta zu legen, täglich grüßt das Murmeltier. Jetzt witterten die europäischen Innenminister/innen Morgenluft und entfachten eine neue Diskussion zur Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung. Während in Deutschland eine neue Auflage im Bundestag im Oktober 2015 durchgewunken wurde, müssen in Österreich noch die Weichen gestellt werden. Die ersten Klagen gegen die Vorratsdatenspeicherung werden schon vorbereitet. Das kündigte die frühere deutsche Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in einer ersten Stellungnahme an.

Johanna Mikl-Leitner in der Funktion als österreichische Innenministerin, ist derzeit in Sachen Flüchtlingskrise öffentlich präsent. Über die Hintertür sollen neue Überwachungsgesetze wie das Staatsschutzgesetz und die Vorratsdatenspeicherung im Parlament beschlossen werden. Auch wenn die Speicherung von Verkehrsdaten kürzergefasst werden soll. So hat das Staatsschutzgesetz das gleiche Potenzial Presse, Blogs und Whistleblower zu kriminalisieren und deren Redaktionsgeheimnis zu untergraben. Ein Quellenschutz für Informanten soll damit ausgehöhlt werden. Ein Fall wie mit dem Blog netzpolitik.org wäre jederzeit auch in Österreich möglich. Es hätte zu Folge, dass nicht Verbrechen aufgeklärt werden, sondern der Überbringer der Botschaft zur Rechenschaft gezogen werden soll. Das Staatsschutzgesetz, welche eine Reihe von neuen Geheimdienste viel Macht ohne parlamentarische Kontrolle ermöglichen sollen, wird voraussichtlich Ende November 2015 im österreichischen Parlament behandelt werden. Es ist geboten wachsam zu bleiben, damit die Privatsphäre nicht noch weiter eingeschränkt wird.


img_4489Kleiner Maxl lernt Facebook was Datenschutz ist„:
Max Schrems, ein Jusstudent und Datenschutzaktivist aus Salzburg, hat spätestens mit dem Erfolg seiner Klagen gegen Facebook aufgezeigt, dass sehr wohl das Prinzip David gegen Goliath funktionieren kann. Mit der Klage der irischen Datenschutzbehörde hat er das Safe-Harbour-Abkommen zwischen den USA und Europa zu Fall gebracht. Man wird auf ein neues Abkommen nicht lange warten müssen, denn das US-Parlament arbeitet inzwischen an einer Gesetzesänderung für ein „H.R.1428 – Judicial Redress Act of 2015“ Gesetz. Eine Art Zugeständnis, damit Nicht-Amerikaner Datenschutzverletzungen in den USA, auf Grund des US Privacy Act einklagen können. Jedoch regelt der Entwurf die gerichliche Zuständigkeit völlig neu, dass die Aussicht auf eine Klage eher komplizierter wird und damit ein faires Verfahren eher unmöglich wird.

Kann man die staatliche Einladung zur Überwachung in der Regel nicht ablehnen, sind Smartphones und soziale Netzwerke ein Quell für alle Datensammler, in dem wir Daten von uns meist freiwillig preisgeben. Trotzdem gilt ein Ausspähen unter Freunden, das geht gar nicht. Die Politik in Deutschland und in Österreich wurden nicht müde die NSA-Affäre klein zu reden und verbal mit einem „No-Spy-Abkommen“ als Märchenstunde zu deklarieren, um Beruhigungspillen zu verteilen. In Österreich hat der Sicherheitssprecher der Grünen, Peter Pilz, nach seiner USA-Reise, neue Dokumente und Beweise zur NSA-Affäre angekündigt.

Damit dieser Zugang eine breite Öffentlichkeit erreicht, sind in folgende Kandidaten für einen Bigbrother Awards nominiert.

Kategorie „Kommunikation und Marketing“

– UPC bleibt bei Mail als Postkarte: Username und Passwort ohne Verschlüsselung bei Abruf der E-Mail-Postfächer
– Smart-TV: Über Wirkung und möglichen unerwünschten Nebenwirkungen informiert Samsung
– Hello Barbie™ Doll: Abhören, was Kindern ihren Puppen erzählen

Kategorie „Business und Finanzen“

– Uniqa Safeline – fahrprofilabhängige Versicherungsleistung durch Telematiktarife
– Bankomatkarte: Plaudertasche in der Hosentasche Dank NFC-Pflicht
– Bisnode scoring nach Ampelmethode: Ob ihr Kredit habt oder nicht, sagt Euch gleich das Licht

Kategorie „Behörden und Verwaltung“

– Smartmeter der Linz AG: Opt-Out durch „dumme“ Smart-Meter
– Providurium der automatische Kennzeichenerfassung in Niederösterreich
– Hauptverband: die E-Card – ab in den Müll oder doch so wertvoll wie Bargeld

Kategorie „Weltweiter Datenhunger“

– Microsoft: Windows 10 oder das Ende des persönlichen Computers
– Immer wieder Lenovo – Schnüffelsoftware in BIOS versteckt
– Facebook auf dem Weg zum Kreditscoring: An ihren Freunden sollt Ihr sie erkennen.

Die üblichen Verdächtigen wurden im Vorfeld wie immer bei den Big Brother Awards informiert und es bleibt spannend, ob einer der Preisträger sich diesen Preis auch selbst abholt und die Gelegenheit nutzt, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. In der Regel werden alle Stellungnahmen auf der Webseite der Big Brother Awards veröffentlicht.

Die Kategorie „Politik“ ist derzeit noch frei von Kandidaten, damit der Ausgang der Volkswahl nicht beeinflusst wird. Somit bleibt diese Kategorie bis zum Beginn der Gala spannend.

In Deutschland wurden Anfang April 2015 die Big Brother Awards Deutschland in Bielefeld verliehen. Zumindest bei Facebook und Barbie (Firma Mattel), die in Deutschland nominiert waren, dürften auch die österreichischen Juroren der Big Brother Awards Geschmack gefunden haben.

Für alle die bis zur Beginn der Gala, selbst noch mitvoten möchten, können beim People’s Choice – die Volkswahl mitmachen.

Staatschutzgesetz
– weitreichende Gefährderdatenbank ohne rechtsstaatliche Kontrolle
Einbruch bei Gemalto
– welche Chips / SIMs sind betroffen bei Handy / Kreditkarte / Bankomatkarte / eCard? Gemalto bleibt Aufklärung schuldig.
Sozialbetrugsbekämpfungsgesetz
– Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient durch den ständigen Missbrauchsvorwurf beschädigt
TTIP / CETA / TISA
– Aushebelung des europäischen Datenschutzes durch Privilegierung des freien amerikanischen Unternehmertum
Festplattenabgabe
– Beweislastumkehr und Rechtfertigungspflicht um teures Pfand auf private Mega-Bytes zurückfordern zu können
Windows 10
– der Personal Computer mutiert zum Spion im eigenen Wohnzimmer
Smartmeter
– Zwangsbeglückung ohne echtem OptOut aber echtem Risiko

oder eigener Vorschlag:

Link zum Formular der Volkswahl

Tipp für alle, die die Gala in Österreich via Internet im Radio hören oder via TV sehen wollen:

Radio ORANGE 94.0 sendet am 25.10.2015 von 20 – 23 Uhr via Livestream aus dem Rabenhof in Wien

Der Wiener Stadtsender OKTO.TV sendet von 20 – 21:30 ebenfalls Livebilder von der Big Brother Awards Gala 2015.

Wer jetzt Lust bekommen hat, wie die Big Brother Awards im letzten Jahr in Wien ausgegangen sind, der kann sich mit dem sehr unterhaltsamen Mitschnitt, selbst ein Bild machen. Hoher Lachfaktor mit Wiener Schmäh sei garantiert.

Big Brother Awards Gala 2014 Österreich – Aufzeichnung aus dem Rabenhof (Video von streamteam.at)

Freier Journalist / Online, Radio, Video/TV, Print Chefredakteur von Radio Netwatcher www.netwatcher.at

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Ein Kommentar

  1. 24. Oktober 2018

    […] von denen die meisten Preisträger alles andere als scharf auf ihre Auszeichnung sind. Wir haben schon häufiger in den vergangenen Jahren über diese Gala […]

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