Die USA gehen aktuell mit Beschlagnahmungen gegen Sport-Streaming-Seiten vor. Doch die Ausweichdomains im Iran sind alle noch verfügbar.
Die USA gehen weiterhin hart gegen Sport-Streaming-Seiten vor. Das Justizministerium führte allein letztes Wochenende weit über hundert Beschlagnahmungen von Domains durch. Während diese Durchsetzungsmaßnahmen Wirkung zeigten, nutzen mehrere der betroffenen Kandidaten nun Ausweichdomains unter dem iranischen Ländercode-TLD „.ir“, die für die amerikanischen Strafverfolgungsbehörden offenbar schwerer zu erreichen sind.
„Operation Offsides“ blockierte 100 Sport-Streaming-Seiten
Da die FIFA-Weltmeisterschaft schon bald ihrem Ende entgegengeht, haben die US-Behörden ihre Maßnahmen gegen Sport-Streaming-Websites letztes Wochenende fortgesetzt. Bei der „Operation Offsides“ sperrte man über 100 Domains von rechtswidrigen Portalen. Diese neuen Beschlagnahmungen erfolgten mehr als zwei Wochen, nachdem das US-Justizministerium die Maßnahme offiziell angekündigt hatte. Zwar hat man keine neue Erklärung veröffentlicht, doch zielen die jüngsten Beschlagnahmungen zum Teil auf Ausweichdomains ab, auf die die Live-Sport-Portale nach dem ersten Durchgreifen umgestiegen waren.
Als man beispielsweise die Domain buffstreams.plus beschlagnahmt hatte, trat ibuffstreams.app an ihre Stelle. Dahinter steckt die gleiche Serverinfrastruktur. Diese Ersatzdomain blieb nicht unbemerkt und wurde daraufhin ebenfalls beschlagnahmt, woraufhin nun unter dieser Adresse nach Angaben von TorrentFreak nur noch der Beschlagnahmungs-Banner sichtbar ist.
Diese Beschlagnahmungen von Sekundärdomains richteten sich auch gegen viele andere bekannte Piraten-Domains und Marken, darunter sportsurge.ws, footybite.app, totalsportekz.app und istreameast.app. Das hatte zur Folge, dass unser letztes Update zu den Sport-Streaming-Seiten schon länger nicht mehr aktuell ist.
Ausweichlösung im Iran?
Solange die Betreiber dieser Seiten nicht gefasst werden, was höchst selten gelingt, richten sie in der Regel direkt neue Domainnamen ein. Der Umzug ist einfach, selbst wenn der Webhoster betroffen sein sollte, das geht mittlerweile alles sehr schnell. Das Vorgehen der US-Behörden ist an sich nichts Neues, doch eine aktuelle Reihe von Domains fiel insbesondere auf, weil sie scheinbar unempfindlich gegen die Maßnahmen der USA sind. Gemeint sind die iranischen Ländercode-Top-Level-Domains .ir. Beispielsweise buffstreams.ir, sportsurge.ir und footybite.ir sind alle aktiv und betriebsbereit. Diese Domains löst man alle auf dieselbe ukrainische IP-Adresse auf, die zuvor von den inzwischen beschlagnahmten Domains buffstreams.plus, ibuffstreams.app und sportsurge.ws genutzt wurden.
Die iranischen Domains sind mit iranischen Nameservern gekoppelt – ns1.pars.cloud und ns2.pars.cloud –, die ebenfalls neu sind, da die früheren Domains auf Cloudflare-Nameserver zurückgegriffen haben. Dies deutet darauf hin, dass die Betreiber bewusst von der amerikanischen Infrastruktur abrücken.
Drei Jahre in der Warteposition
Die iranischen WHOIS-Daten geben keinen Aufschluss darüber, wann man die Domains registriert hat. Doch die Protokolle der SSL-Zertifikate zeigen, dass es sich bei diesen .ir-Domains nicht um kürzlich vorgenommene Notfallregistrierungen handelt. buffstreams.ir als auch sportsurge.ir erhielten ihre ersten SSL-Zertifikate am 22. September 2023 direkt nacheinander. Seitdem hat man ihre Zertifikatsketten alle 90 Tage ohne Unterbrechung erneuert.
Mit anderen Worten: Die Domains im Iran haben die Betreiber fast drei Jahre vor der Ankündigung der „Operation Offsides“ eingerichtet. Die ganze Zeit über hielt man sie vermutlich als Ausweichlösung in Reserve. Nun, nach den jüngsten Beschlagnahmungsmaßnahmen der Sport-Streaming-Seiten stehen sie weit im Vordergrund. Außerdem wechselten die Admins kürzlich von den Google-SSL-Zertifikaten auf Zertifikate von Let’s Encrypt der NGO Internet Security Research Group. Die Nutzung der Werkzeuge von US-Unternehmen ist ihnen offenkundig zu gefährlich geworden.
Weitere iranische Domains
Die drei Domains auf pars.cloud sind nicht die einzigen illegalen Streaming-Anbieter, die die Endung .ir nutzen. Die Untersuchung von Torrentfreak ergab mindestens 20 weitere Streaming-bezogene .ir-Domains, die auf mehrere Betreibercluster verteilt sind. Dazu gehören Websites von Totalsportek, nflbite und nflstreams mit .ir-Domains, die alle dasselbe Cloudflare-Nameserver-Paar nutzen, was darauf hindeutet, dass man sie alle mit dem gleichen Konto betreibt. Außerdem gibt es einen separaten, mit .ir verknüpften Betrieb namens mlb66 und nhl66, der schon seit einiger Zeit besteht. Der Wechsel muss nichts mit den aktuellen Beschlagnahmungen zu tun haben. Dies zeigt aber, dass immer mehr Online-Piraten die iranische Länderkennung für sich entdeckt haben.
Die Domains nbabite.ir, nbastreams.ir, nhlbite.ir, mmastreams.ir, nflstream.ir, stream2watch.ir und streameastt.ir stellen derzeit noch gar keine Inhalte zur Verfügung. Man nutzt sie wahrscheinlich, um sie im Fall der Fälle als Reserve in Betrieb zu nehmen.
Politische Spannungen USA vs. Iran
Die iranische Ländercode-TLD „.ir“ verwaltet die IRNIC, das zum staatlichen Institut für Grundlagenforschung gehört, einer akademischen Einrichtung mit Sitz in Teheran. Dadurch ist sie für US-Strafverfolgungsbehörden praktisch unerreichbar. Aufgrund der US-Sanktionen ist es US-amerikanischen Domain-Registraren untersagt, .ir-Domainnamen weiterzuverkaufen. Gleichzeitig ist es angesichts des aktuellen Stands der Beziehungen zwischen den USA und dem Iran unwahrscheinlich, dass IRNIC freiwillig mit den US-Behörden kooperieren wird, um gegen diese Domainnamen vorzugehen. Beide Länder befinden sich praktisch schon seit Wochen im Kriegszustand.
Anonymität gewährleistet
Für Betreiber rechtswidriger Sport-Streaming-Seiten sind .ir-Domains zudem aufgrund einer Überarbeitung der WHOIS-Richtlinie der IRNIC im Jahr 2023 attraktiv. Seit der Überarbeitung zeigen öffentliche Abfragen keine Registrierungsdaten, Namen der Registranten oder andere Kontaktinformationen mehr an. Für Außenstehende sind diese Domains somit per Voreinstellung anonym. Die iranischen Urheberrechtsgesetze betreffen zudem nur einheimische Werke, da das Land weder die Berner Übereinkunft noch den WIPO-Urheberrechtsvertrag unterzeichnet hat. Zudem ist das Land kein Mitglied der Welthandelsorganisation (WTO). Sollten Urheberrechtsverletzungen Werke aus dem Ausland betreffen, so wird das wahrscheinlich irrelevant sein. Dies erschwert die US-amerikanischen Durchsetzungsmaßnahmen zusätzlich.
Registrierung komplizierter, Verkauf für US-Registrare verboten
Natürlich gibt es auch diverse Nachteile bei der Nutzung der .ir-Domainnamen. Die internationalen Sanktionen erschweren die Monetarisierung dieser Domains, während die Registrierung iranischer Domains komplizierter ist und diese in der breiten Öffentlichkeit oder vielleicht sogar von den Suchmaschinen als weniger vertrauenswürdig wahrgenommen werden. Doch das ist den Admins egal, sie können ihre Fanbase über ihre sozialen Netzwerke über die neue URL informieren. Es ist viel wichtiger für sie, dass ihre Streaming-Portale längerfristig erreichbar bleiben.
Sollte ein iranischer Domainname zudem monatlich Millionen Besucher verzeichnen, darunter auch ein großes amerikanisches Publikum, könnten die US-Behörden versuchen, gegen diese Aktivitäten aus anderen Blickwinkeln vorgehen. Es ist aber fraglich, ob andere Methoden zum Ziel führen würden.
Der Iran als sicherer Hafen für Online-Piraten aller Art?
Für Domains ist der Iran für Betreiber von Sport-Streaming-Seiten momentan eine interessante Wahl. Schon aufgrund der jüngsten Spannungen ist es unwahrscheinlich, dass das Land freiwillig auf Zuruf irgendwelche Domains außer Betrieb setzen wird. Trotzdem muss die Szene damit rechnen, dass die Aktionen des US-Justizministeriums bald viele weitere Domains zu Fall bringen wird. Dies wird natürlich auch nach Ende der Fußball-WM der Fall sein.
Stellt sich jetzt die interessante Frage, ob der Iran trotz der komplizierten Registrierung bald zu einem sicheren Hafen für Piraten werden könnte? Wir sind zumindest gespannt, wie sich das Ganze entwickeln wird.
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