YouNow: Erst den Kopf einschalten – dann den Internetz!

Article by · 19. Februar 2015 ·
#deutsch girl - YouNow Screenshot von heute.

Hashtag #deutsch girl – YouNow Screenshot vom 19.2.2015.

YouNow ist endgültig in Deutschland angekommen. Mit YouNow kann man ohne technisches Wissen Live-Streams von sich veröffentlichen. Die meisten Nutzer sind Kinder und Jugendliche, obwohl sie alle eine Einverständniserklärung ihrer Eltern bräuchten. Sie setzen sich einfach vor die Kamera und plappern wild drauf los. Ohne die entsprechende Medienkompetenz bringen sich die Minderjährigen selbst in Gefahr. Auch Abmahnungen wegen der Verletzung des Persönlichkeitsrechts etc. wären möglich.

Bei YouNow werden rechts die Kommentare und Fragen der Zuschauer angezeigt, auf die die Broadcaster antworten können. Betreiber ist die YouNow Inc. mit Sitz in New York. Damit fallen die Daten der im Juni 2011 gegründeten Firma unter US-amerikanisches Datenschutzrecht. Das größte Problem ist aber nicht der Datenhunger, den der Dienst nachweislich über Facebook, Google Plus oder Twitter an den Tag legt. Das größte Ungemach droht aufgrund der unzähligen Verletzungen des Persönlichkeitsrechts, die dort tagtäglich von den Nutzern selbst vollzogen werden. Die ersten Abmahnungen könnten schon bald verschickt werden, denn auch hierzulande wird dieses Angebot immer beliebter.

Zum besseren Verständnis: YouNow ist eine App für Android und iOS. Zudem ist es eine Webseite, mit der man sich über seine Webcam filmen oder einfach beobachten lassen kann. Für das Selfie in bewegten Bildern braucht das Smartphone nur ein schnelles Mobilfunknetz oder WLAN. Das LTE-Netz wird zumindest in den Ballungsgebieten ausgebaut, auch die Tarife werden immer günstiger. Da steht dem Streamingvergnügen eigentlich nichts mehr im Wege.

Eigentlich. Denn dann schneidet Rechtsanwalt Tobias Röttger von der Medienkanzlei ggr // gulden röttger einen Punkt an, der in der bisherigen Berichterstattung zu kurz gekommen ist. „Stellen Sie sich vor, jemand streamed mit YouNow von einer Party und zeigt alles, was es zu sehen gibt.” Gemeint sind zum Beispiel alkoholisierte und deswegen leicht bekleidete Personen. In vielen Fällen wissen die Betroffen nicht einmal, dass sie gerade aufgenommen und ihre Bilder ins Internet übertragen werden. Röttger erzählt am Telefon von seinen eigenen Erfahrungen. In diversen Streams wurde auch der Lehrer live im Klassenzimmer gezeigt. Einer der Schüler hatte einfach das Smartphone in Richtung Tafel gedreht. Das ist auch der große Nachteil beim Thema Live-Stream. Im Gegensatz zu YouTube kann man aus dem Film nichts mehr nachträglich entfernen. Alles was raus ist, ist raus.

younow appEines der Probleme: In Deutschland gibt es das Recht am eigenen Bild. Niemand darf ohne meine Einwilligung ein Foto oder Video von mir anfertigen und dieses verbreiten. Erst recht nicht, sollte ich darauf betrunken sein, weil damit mein Ansehen beschädigt wird. Wer trotzdem Videos ins Internet überträgt und jemand fühlt sich deswegen gestört oder herabgesetzt, dann kann das Opfer einen Anwalt einschalten. Abmahnungen aufgrund von Verletzungen des Persönlichkeitsrechts drohen. Auch die Dozentin oder der Dozent müssen vor den Aufnahmen um Erlaubnis gebeten werden. Doch welches Kind weiß das? Das Recht am eigenen Bild ist selbst den meisten Erwachsenen nicht bekannt. Viele Kinder erzählen vor laufender Kamera wo sie wohnen, wie sie heißen und wie man sie kontaktieren kann.

Musiker müssten vor jeder Aufführung gefragt werden

Problematisch ist auch das Abspielen von Musik während des Streams. Viele Jugendliche lassen das Radio oder ihre Musikanlage einfach im Hintergrund laufen. Dafür müsste man vorher den Urheber (Musiker bzw. das Plattenlabel) fragen, ob sie überhaupt mit einer öffentlichen Aufführung ihrer Werke einverstanden sind. Sofern die abgespielten Werke zum Repertoire der GEMA gehören, müssen die Urheber für die Vorführung entlohnt werden. Bei der Verwertungsgesellschaft gibt es einen hübschen Online-Kalkulator zur Berechnung der anfallenden Gebühren. Die Kosten sind vor allem abhängig von der Anzahl der Zuschauer. Umso beliebter man auf YouNow ist, umso höher würde die Rechnung der GEMA ausfallen. Der Tarif für eine Session beläuft sich bei weniger erfolgreichen Broadcasts auf etwas über 100 Euro. Wer wirklich jeden Tag broadcastet, müsste folglich pro Monat 3.000 Euro bezahlen. Bei über 20.000 Zuschauern pro Stream verdoppelt sich die GEMA-Gebühr. Noch ist die Verwertungsgesellschaft deswegen nicht eingeschritten. Sie hätte aber jedes Recht dazu.

YouNow: Keine Nutzer unter 13 Jahren erlaubt!

younow datenschutz appAufgrund des Medienechos haben die Betreiber von YouNow letzten Monat auf ihrem Blog reagiert. In der Nachricht an alle deutschen Anwender wird klargestellt, dass es niemandem unter 13 Jahren erlaubt ist, das Portal zu benutzen. Alle darüber müssen bis zum Erreichen des 18. Lebensjahres eine Erlaubnis ihrer Eltern beibringen. Leider sind die “Terms of Use” (AGB) noch nicht in Deutsch verfügbar. Der Hinweis auf dem firmeneigenen Blog geht völlig unter. Dieser müsste prominent auf der Hauptseite angezeigt werden. Doch dann würde man es dem eigenen Publikum schwer machen, diesen Online-Dienst zu nutzen. Wer möchte schon freiwillig auf mehr Nutzer, Videos oder Seitenzugriffe verzichten?

Auch der Datenschutz kommt zu kurz. Zwar ist der Zugang zur Webseite binnen weniger Sekunden per Facebook, Twitter oder Google Plus freigeschaltet. Doch die Befugnisse sind nicht von schlechten Eltern. Die Webseite will das Twitter-Profil aktualisieren und sogar stellvertretend Tweets für die Nutzer veröffentlichen. Das geht vielen Beobachtern einfach zu weit. Natürlich wäre es auch kein Problem, sich mit einem Fake-Account eines Netzwerks einzuloggen. Dann wäre am anderen Ende kein gleichaltriges Mädchen, sondern der 60-jährige Heiko, der gerade neue “Freundschaften” schließen möchte.

Mein Kind ist bei YouNow: Was tun?

Schauen Sie sich gemeinsam mit Ihren Kindern die App als auch die Webseite an, probieren Sie alles in Ruhe aus. Machen Sie Ihren Zöglingen klar, dass sie vorsichtig mit ihren Angaben sein sollen. Viele Broadcaster reden sich vor laufender Kamera um Kopf und Kragen. Ohne die riesige Aufmerksamkeit des Webs würden sie niemals so viel von sich preisgeben. Auch hier sollte der “Grundsatz der Straße” angewendet werden. Was man einem Fremden auf der Straße von sich erzählen würde, das kann man auch bei YouNow von sich preisgeben. Nicht weniger und nicht mehr! Wer das beherzigt, hat schon mal die halbe Miete.

Verbote bewirken das genaue Gegenteil!

Eins steht fest: Verbote sind total sinnlos. Wer seinem Kind die App verbietet, erhöht lediglich den Reiz des Angebots. Das Ganze erinnert übrigens ein wenig an den Hype, den Chatroulette im Jahr 2010 hervorgerufen hat. Nur mit dem Unterschied, dass die gestreamten Videos nicht nur eine Person sondern ganz viele sehen können.

Glücklicherweise haben schon die ersten YouTube-Stars vor dem neuen Angebot gewarnt (siehe Video unten). Ihr Wort wiegt mehr als das Wort der Eltern, weil sie als cool empfunden werden. Warten wir also ab, wie lange der Rummel in den Klassen- und Kinderzimmern anhalten wird.

Screenshots erstellt von Lars Sobiraj.

 


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9 Comments

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    sirnobody

    Das ist der absolute Oberhammer, sowas darf, es darf auf keinen Fall von Kindern und Jugendlichen genutzt werden. Denkt alleine daran, wieviel Leid ,Tränen und Selbstmorde bereits durch das verantwortungslose Nutzen und Verhalten von Facebook zu beklagen sind. Solche Streams werden dieses Problem verschärfen. Ausserdem, wer brauch denn solche einen Mist ? Niemand, das ist doch nur für Kinder und Jugendliche interessant–und gerade die wissen nicht ,noch nicht mit so etwas umzugehen.
    Unverantwortlich was diese miesen Amis sich alles einfallen lassen um Gels zu scheffeln. Dieser Scheiß
    muss in Europa verboten werden, um die Kinder zu schützen. Wie lang wird es dauern bis die perversen sich dieses Ultradreckes bedienen werden. Und wenn es soweit ist, schreit die Scheiß Springer Presse wieder nach der Todesstrafe. Jetzt, absolut jetzt muss gehandelt werden, der Müll muss verboten werden !
    Die Betreiber müssen mit Millionenstrafen dazu gezwungen werden, ihren Dreck nur in den USA anzubieten.

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    Tarnkappe_Mysterion

    https://www.youtube.com/watch?v=dFBrfXKZ8HM

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      Das Musikvideo passt eher zu Facebook aber danke, ich kannte das noch nicht.

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    Johnathan dohohohoo

    Ich bin soo froh das ich noch nie ne webcam hatte, und haben werde

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    deubacoba

    Auch wenn es wieder gelöscht wird, aber muß man wirklich jeden heise Artikel verschlimmbessern?

    http://www.heise.de/newsticker/meldung/YouNow-Online-Striptease-im-Kinderzimmer-2540798.html

    Da hier die Vorlage schon extrem “hervorragend” ist, stellt sich hier die Frage erst recht.

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      trauer

      heul heul heul

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    Esther

    In Schulen ist meist schon das Einschalten von Handys verboten, das lässt sich regeln.

    Altersbegrenzungen gibt es theoretisch auch bei Facebook. Aber offensichtlich kann oder will niemand kontrollieren, ob Dritt- oder Viertklässler einfach ein falsches Geburtsdatum angeben.

    Ich wüsste auf Anhieb nicht, was an diesem Dienst nun gefährlicher oder ungefährlicher sein sollte als an Facebook oder You-Tube.

    Scheußlichkeiten wie gefilmtes Mobbing hat es auch früher schon gegeben.

    Esther

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    Hakairo

    Ist die “Zensur” Auf dem Bild nicht etwas minimalistisch? ;)

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      Nö, die beiden jungen Frauen sind doch nicht zu erkennen, oder?


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