ICANN: mit Domain-Sperren das Internet zensieren?

Die Domainverwaltung ICANN hat die Domain von The Pirate Bay wegen der fehlenden Überprüfung des Betreibers kürzlich außer Kraft gesetzt.

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War die Abschaltung von thepiratebay.org nur der Anfang? Die Domainverwaltung ICANN hat die Domain von TPB wegen der fehlenden Überprüfung der Betreiber kürzlich außer Kraft gesetzt. Seit dem 1.1.2014 behält sich die Organisation vor, die Kontaktdaten einmal jährlich zu überprüfen. Die echten Namen und Anschriften werden zahlreiche Eigentümer von Webseiten aus dem Graubereich verbergen wollen. Wäre dies eine neue effektive Maßnahme gegen Online-Piraterie?

ICANN verlangt vollständige Kontaktdaten

Zwar gibt es für das ehemals schwedische Filesharing-Portal diverse weitere Adressen, über die man die Magnet-Dateien für die Tauschbörse beziehen kann. Allerdings wird zumindest nach der Sperre kurzfristig der Besucherstrom einbrechen. Viele Nutzer kennen noch die URL aus alten Tagen und landen dann im Nirwana. EuroDNS teilt den Besuchern von www.thepiratebay.org mit, die Betreiber hätten die Domain verloren, weil keine gültigen Kontaktdaten vorhanden seien. Das Unternehmen mit Sitz in Luxemburg wartete erfolglos auf eine Antwort auf die E-Mails, die man den Domaininhabern geschickt hat. Die E-Mail-Adresse, die TPB für solche Zwecke nutzt, ist auto560120@hushmail.com, die nach Angaben der Kollegen vom Register dem Mitbegründer Fredrik Neij gehören soll. Bislang ist aber unklar, ob Neij derzeit noch Zugriff auf dieses E-Mail-Konto hat. Eigentlich ist die Bestätigung des Inhabers einfach. Man aktiviert einen Link aus der E-Mail und hat wieder für ein Jahr Ruhe vor weiteren Überprüfungen.


TPB befindet sich damit in guter Gesellschaft mit Popcorn Time und anderen Online-Piraten, die ihre Domain verloren haben. Unzählige Portale haben die Endung .org oder .com gewählt, auch sie könnten mittelfristig von einer derartigen Aktion betroffen sein. Sofern kein Strohmann für die Anschrift des Domaininhabers ausfindig gemacht werden kann, könnte man diversen Portalen auf diese Weise zumindest vorübergehend den Garaus machen.

Die internationale Domain-Vergabestelle ICANN schreibt auf ihrer Webseite:Der Registrar muss auch für sich selbst vollständige und korrekte Kontaktdaten angeben, einschließlich einer gültigen E-Mail- und Postadresse. Diese Kontaktdaten sollten auf der Website des Registrars veröffentlicht werden.“ Damit hätten die Rechteinhaber eine ladungsfähige Adresse. Die ICANN behält sich bei einem Wechsel des Registrars zudem vor, die Übertragung abzulehnen, sofern ein „begründeter Zweifel an der Identität des registrierten Namensinhabers oder des administrativen Ansprechpartners“ besteht.

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Gilt das auch für TLDs aus Tonga?

tonic, tonga, tld

Für viele Anbieter aus dem Graubereich wäre es jetzt sicher spannend zu wissen, wer eigentlich überhaupt Einfluss auf eine TLD z.B. aus Tonga nehmen darf. Warum? Weil viele Warez-Portale und Sharehoster mit der Endung .to aufhören. Wir haben bereits im Sommer dieses Jahres über die Pläne der Privacy & Proxy Services Accreditation Issues Working Group (kurz: PPSAI WG) der ICANN berichtet. Demnach soll es auf Druck der Kreativwirtschaft nicht mehr möglich sein, als Betreiber einer kommerziellen Webseite einen Whois-Schutz in Anspruch zu nehmen. Wenn die Pläne der Arbeitsgruppe umgesetzt werden sollten, wäre dies gleichbedeutend mit dem Ende von anonymen Domains. Auch die Suspendierung von thepiratebay.org dürfte voll und ganz im Sinne der Content-Industrie sein. Auch wenn die Sperre unter dem Strich nichts bringt, so haben sie sich darüber dennoch bestimmt gefreut.

Tarnkappe.info

Über den Autor

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem bringt Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.