Wie viele Wasserwerfer braucht eine Demokratie? (Repost)

Die deutsche Bereitschaftspolizei und die Bundespolizei hält in der Bundesrepublik mehr als 100 Wasserwerfer für den Einsatz bei Versammlungen bereit. Seit Jahrzehnten findet trotz verletzter Demonstranten eine weitere Aufrüstung statt. Wir beleuchten anlässlich der Geschehnisse in Stuttgart die Geschichte und Wirkung der Wasserwerfer im Detail.


Wasserwerfer 1930

Wasserwerfer in Berlin, 1930

Wasserwerfer beendeten die junge Demokratie im Dezember 1930

Als der Antikriegsfilm „Im Westen nichts Neues“ Anfang Dezember 1930 anlief, wurde ein Demonstrationsverbot für Berlin erlassen. Die Straßen und Plätze im Berliner Westen wurden mit Wasserwerfern und großem Polizeiaufgebot gesichert, um nächtliche Demonstrationen zu verhindern. So begleiten Wasserwerfer die junge deutsche Demokratie in ihr Ende. In den 1960er Jahren wurden fortwährend größere und stärkere Fahrzeuge entwickelt. Dazu zählen unter anderem Wasserwerfer 4000, WaWe 64, WaWe 69 und der Wasserwerfer 6000. Die Pendants in der DDR hießen Straßenkampfwagen 2 und Hydromil. Sie sollten nicht mehr nur nass machen, sondern auch wehtun. Das sagte 1986 der Frankfurter Polizeioberkommissar Burghard Koch, Leiter für Technik und Ausbildung am Wasserwerfer gegenüber dem Spiegel.

Beim Einsatz besteht mitunter Lebensgefahr

Ging es in den Demonstrationen der 1960er Jahre um Bürgerrechte und Bewusstseinswandel, insbesondere auch um Kriege in Vietnam und totalitäre Systeme wie Persien, richteten sich die Demonstrationen der 1980er Jahre insbesondere gegen die atomare Nachrüstung und den Ausbau der Kernenergie. Der Zusammenhang von friedlicher und militärischer Nutzung der Kernenergie wurde in Deutschland stets bestritten, nur bei Kernkraftwerken im Iran ist er offenkundig. Über das Wehtun hinaus kann es auch zu Verletzungen kommen. Im Prinzip besteht Lebensgefahr. Der WaWe 6 verursachte im September 1982 im atomaren Endlager Gorleben bei sitzenden Demonstranten Rippenbrüche, Rückenprellungen und Nierenverletzungen. Das Bundesverfassungsgericht nannte dafür eine einleuchtende Entschuldigung:

„Die eingesetzten Beamten seien sich der Durchschlagskraft des neuen Wasserwerfers nicht bewusst gewesen; erst 1985 habe die Polizei mit dem Wasserwerfer entsprechende Versuchsreihen durchgeführt.“

Folge: schwere innere Blutungen, Nierenprellungen, Nabelbrüche, Ohrenverletzungen u.v.m.

Wasserwerfer an der Startbahn West

Bürger & Wasserwerfer Startbahn West, FF am Main.

Am Karfreitag 1984 erlitt eine Frau vor der friedlich blockierten US-Kaserne bei Bremen durch den Beschuss mit Wasserwerfern schwere innere Blutungen, ein weiterer Friedensaktivist erlitt Nierenprellung und Nabelbruch. Weitere Folgen können nicht nur Ohrenverletzungen sein. Der Protestler Günther Sare wurde 1985 bei einer NPD-Gegendemonstration von einem WaWe 9 getroffen, er schaffte es nicht, wieder aufzustehen und wurde unter einem Rad des Wasserwerfers zerquetscht. In der geplanten Wiederaufbereitsanlage Wackersdorf rollten am Pfingstmontag 1986 44 Wasserwerfer an.

Wegen eines rüden WaWe9-Einsatzes an der militärisch wichtigen Startbahn West musste das Land Hessen 2.500 Mark zahlen, berichtete der Spiegel im gleichen Jahr. Ob Demonstrationen zum G8-Gipfel (2007 erblindete hier ein Teilnehmer auf einem Auge), Räumung von Häusern, mit denen Immobilienspekulanten schönere Pläne haben, oder jüngst das Milliardenprojekt Stuttgart 21, wo Bahngleise und Bäume in einem 600 Jahre alten Park schönen neuen Bürobauten weichen sollen, Wasserwerfer gehören zum Bekämpfen der von den Behörden so genannten Störer, auch wenn es sich um angemeldete Demonstrationen mit überwiegend friedlichen Teilnehmern handelt…

Wasserstrahl kann Demonstranten durch die Luft schleudern

Der Wasserwerfer 9000 kann bei einer Maximalleistung von 16 bar pro Minute 2.200 Liter Wasser bis zu 65 Meter weit verschießen, intern war auch von 28 bar die Rede. Bereits 5 bar sollen ausreichen, „um einem Demonstranten den Helm vom Kopf zu reißen oder ihn selbst durch die Luft zu schleudern„, so der Spiegel. Derzeit sollen 116 Wasserwerfer des Typs WaWe 9000 in Deutschland stationiert sein.

CS-Gas & CN im Kampf gegen Rentner, Kinder, Hausfrauen & Schüler

WaWe 9000 auf dem G8-Gipfel 2007.

Neu sind nun auch die Zielgruppen: Für die Bürger, Schüler und Rentner, Hausfrauen und Kinder, auch Rollstuhlfahrer in Stuttgart war die Erfahrung mit den Wasserwerfern nicht nur ein traumatisches Erlebnis. Es wird in der Presse nur selten darauf hingewiesen, dass in zwei Kliniken Frankfurts insgesamt vier Opfer stationär behandelt werden mussten. Der Rentner Dietrich Wagner, 66, ein Ingenieur, erlitt beim Einsatz aus einer Distanz von 13 Metern schwere Verletzungen an seinen Augen. Bei einer etwa zeitgleichen Häuserräumung in Hamburg, unter Einsatz von Wasserwerfern, wurden Passanten als Gaffer bezeichnet, um auch gegen sie vorzugehen. Es ist noch nicht klar, welche Stoffe die Polizei in Stuttgart dem Wasser beigemengt hat. Der Wasserwerfer 9000 beherbergt an Bord die Reizmittel ω-Chloracetophenon CN und 2-Chlorbenzylidenmalonsäuredinitril CS-Gas mit einer Menge von 160 Litern in 8 Kanistern je 20 Liter. Unschön, wenn man solche Stoffe in die Augen geschossen bekommt.

Die Wikipedia heilt den Fall Wagner auf eigene Art und Weise, mit einem Löschantrag. Glücklicherweise ist der Beitrag wieder da, unser Interview mit Herrn Wagner auch.

Für die Polizeigewerkschaft in Baden-Württemberg ist der Punkt erreicht, wo man über die Verschrottung und den Nicht-Einsatz der Wasserwerfer nachdenken sollte. Gegenrede kam von der Polizeigewerkschaft in Niedersachsen, wo man sich gerade auf neue Gorleben-Transporte vorbereitet hat.

Tatsächlich findet sogar bereits die Aufrüstung statt. Die Deutsche Polizei wird mit noch stärkeren Wasserwerfern ausgerüstet. Zuerst werden die bis zu 33 Tonnen schweren und 1 Millionen pro Stück teuren Geräte nach Berlin, Hamburg und Nordrhein-Westfalen geliefert werden. Die Boulevardzeitung BILD bezeichnete die Fahrzeuge im Dezember 2009 noch als „extra-stark„, im Oktober 2010 nun als „sanft„. Der Bild-Blog zeigt die veränderte Bildbeschreibung vor und nach der Körperverletzung von Dietrich Wagner. Kann man jemanden auch „sanft“ verletzen? Das ist schwer vorstellbar.

Nachfolger von Goliath versprüht 33.000 Liter pro Minute

Einsatz Wasserwerfer in Frankreich

Nur fallen ist schöner. Wasserwerfer in Frankreich.

Die Neuanschaffungen begründet der ehemalige Bundesgrenzschutz, heute Bundespolizei, damit, man wollte auf die „eskalierende Gewalt bei Demonstrationen, Großveranstaltungen und traditionellen Krawall-Anlässen wie der Walpurgisnacht“ reagieren. Zusammen mit dem Heckgeschütz kann der Wasserwerfer 10000 (sein Vorgänger 9000 hieß in der Polizei bereits intern Goliath) insgesamt 33.00 Liter Wasser pro Minute verschießen. Hervorgehoben wird die neue Panzerung der zunächst 50 bis 78 geplanten Neuanschaffungen. „Sogar eine aus dem dritten Stock geworfene Gehwegplatte konnte dem WAWE im Test nichts anhaben. (…) Außen gibt es keine geraden Formen, damit keine Brandsätze auf dem Fahrzeug liegen bleiben können„, schwärmt die BILD-Zeitung.

Der Spiegel berichtet indes von einer „rollenden Hightech-Festung“ und einem „Monstrum„. Die Beamten waren dennoch begeistert.

So bleibt abschließend noch die Frage offen, für welche Gesellschaft und welche gesellschaftlichen Probleme die Politik den Einsatz dieser Spezialfahrzeuge plant.

Tarnkappe.info

Anmerkung: Dieser Beitrag erschien ursprünglich im Oktober 2010 beim IT-Portal gulli.com.

 

Quellen der Fotos

Beitragsbild – Wasserwerfer Polizei Frankfurt – Urheber: Wolfgang van de Rydt aka fantareis – (Pixabay Lizenz)

Bild 1: Wasserwerfer in Berlin, 1930 – Urheber: unbekannt – Quelle: Deutsches Bundesarchiv, Bild 102-10865 – Lizenz: Creative Commons CC-BY-SA 3.0

Bild 2: Bürger und Wasserwerfer an der Startbahn West in Frankfurt, ca. 1981 – Urheber: Rainer Momann – Lizenz: gemeinfrei.

Bild 3: WaWe 9000, G8-Gipfel in Heiligendamm, 2007 – Urheber: Marek Peters – Lizenz: GNU-Lizenz für freie Dokumentation, Version 1.2.

Bild 4: Frankreich, Proteste gegen das CPE-Arbeitsgesetz in Frankreich, 2006 – Urheber: Hughes Léglise-Bataille – Lizenz: Creative Commons-Lizenz (CC BY 2.0).

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem bringt Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.

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