Rezension: Runa von Vera Buck

Aktuell stellen wir hier Vera Bucks ersten Roman Runa vor. Er erschien am 24. August 2015 im Limes Verlag und gewann den Lesepreis 2015 in Bronze. Das Buch wird schon jetzt verglichen mit Patrick Süßkinds “Parfüm” und deutet auf einen Erfolg hin.

Vera Buck wurde 1986 in Paderborn geboren. Bereits als Kind schrieb sie ihre ersten Entwürfe. Sie lebt zurzeit in Zürich und studierte Journalistik und Drehbuch in Hannover und auf Hawaii. Buck schrieb u.a. Texte und Kurzgeschichten für Radio, Fernsehen und Zeitschriften. Später kamen Kurzgeschichten für Anthologien und Literaturzeitschriften hinzu. Nach dem Studium wurde sie für den Studiengang als Master of Arts Crossways in Cultural Narratives ausgewählt und studierte fortan in Frankreich, Spanien und Italien. 2011 erhielt sie ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes für die Sommerakademie Writing Science in Fiction in St. Johann in Italien. 2012 war Vera Buck Finalistin beim 20. Open Mike in Berlin. Im selben Jahr begann sie das Studium der Transdisziplinarität an der Hochschule der Künste in Zürich. Sie schreibt Prosa und Gedichte und veröffentlicht 2015 ihren ersten Roman Runa.

Die Geschichte spielt im Paris des Jahres 1884. Zu dieser Zeit glich die Stadt einer Kloake, ein Menschenleben galt kaum etwas. Selbst Tierleben werden höher eingeschätzt als ein Menschenleben, da sie »teurer wären und dadurch schwerer zu beschaffen« und wen wundert es da, wenn junge, ahnunglose Kinder im Roman von der Straße geraubt und missbraucht werden für unmenschliche Experimente im Namen der Wissenschaft und eines angeblichen Fortschritts.
Verschiedene Handlungsstränge treffen hier aufeinander. Einerseits folgen wir Johann Richard Hell, genannt Jori, einem schweizer Medizinstudenten, an die damals berühmteste Nervenheilanstalt Europas, die Salpêtrière und andererseits Lecoq, einem ehemaligen Polizisten, quer durch Paris.

Jori ist aus der Schweiz an die Salpêtrière gekommen, um seine Studien zu vervollkommnen und von dem damals berühmten Neurologen Jean-Martin Charcot, dem Leiter dieser Klinik, zu lernen. Er ist sehr jung, ohne jegliche Lebenserfahrung und so begegnet er den Leuten dort zunächst aufgeschlossen und auch mit einer gewissen Ehrfurcht und Bewunderung. Jeden Dienstag begibt er sich pflichtgemäß in die zur Sensation ausartenden Hypnosevorführung seines großen Idols Charcot. Diese peinliche Zurschaustellung von kranken, hilflosen Menschen nur zum Zwecke der Unterhaltung ausgewählter Schaulustiger erinnert hier stark an das 1930 erschienene Werk “Mario und der Zauberer” von Thomas Mann. Im Roman Runa werden die Vorbereitungen zu dieser obskuren Show folgendermaßen beschrieben:

»Charcot trat einen Schritt zurück und betrachtete die entblößte Körperpartie mit kritischer Miene. Es sah aus, als prüfe er die Dekoration eines gedeckten Tischs kurz vor dem Eintreffen der Gäste. Clara zitterte, ob aus Kälte oder aus Angst, ließ sich nicht sagen. Doch Jori schloss vorsorglich das Fenster. Die Frau so hilflos daliegen zu sehen setzte ihm plötzlich zu. Sie tat ihm leid. Vorne auf der Bühne wirkte alles ganz anders, so kontrolliert und geplant, fast wie ein Schauspiel. Eine einzige große Spaßveranstaltung. Hier aber war das Mädchen eine junge Patientin, und ihre Angst war echt. Vielleicht hatte Jori zu viel Zeit in den Räumen der jungen Idiotinnen verbracht. Er konnte den Anblick des entblößten Beinstumpfes mit einem Mal nicht mehr ertragen

Bereits da zeichnet sich ab, dass Juri, der zwar klug und ehrgeizig ist, für diese Welt, in der Erfolge und Ruhm jeden Preis rechtfertigen und sei er noch so hoch, nicht geschaffen ist. Er handelt stets moralisch vertretbar und menschlich, in einer Umgebung, in der die dort arbeitenden Ärzte nur wegen ihrer eigenen, persönlichen Anerkennung zum nachhaltigen Schaden der ihnen anvertrauten Patienten agieren. Berufsethik ist für sie völlig bedeutungslos. Im Laufe der Geschichte wird er noch sehr häufig mit ähnlichen oder sogar schlimmeren Situationen konfrontiert, die er zunächst lernen muss, einzuschätzen, um sich selbst treu bleiben zu können.

Als Runa in die Salpêtrière eingeliefert wird, ändert sich am gewohnten, eingespielten Ablauf so einiges. Sie reagiert weder auf Charcots diensttägliche Hypnoseversuche noch zeigt sie irgendwelche Furcht. Charcot selbst schätzt das so ein:

»Dieses Kind hat überhaupt keine Angst. Es ist stumpf gegen jede Empfindung, als wäre es immun gegen meine Suggestion!«…Ist das Kind vielleicht zu naiv, um Angst zu empfinden? Zu gutgläubig? Ein kleiner Wurm, ein Insekt ohne Verstand, und darum nicht in der Lage, gefährliche Situationen zu erkennen?«

Dabei beruht seine gesamte Arbeit auf einer gezielten Ausnutzung der gewollt herbeigeführten Unsicherheit von Patienten, er meint:

»Die moralische und physische Unterwerfung ist das höchste Gebot zur Heilung der Schwachsinnigkeit.
»Das Geheimnis dabei ist die Furcht. Die Furcht lässt uns klein und schwach werden, wo wir groß und kämpferisch sein könnten….Die Furcht beginnt da, wo wir unwissend und hilflos sind – und erst an diesem Punkt sind wir bereit, uns voll und ganz in die Hände eines anderen zu begeben, der uns wissender erscheint, mächtiger.«

Folglich lässt Runa sich weder therapieren noch von Charcot unterwerfen. Sie wird zu einer Bedrohung seiner Erfolge, bewahrt sich aber auf diese Weise ein Stück Freiheit. Juri sieht in Runa seine Chance gekommen, um selbst eine Doktorarbeit über diesen außergewöhnlichen Fall zu schreiben zur Verwirklichung seiner persönlichen, perspektivischen Ziele. Als erster Mediziner will er den Wahnsinn aus dem Gehirn einer Patientin fortschneiden. So strebt er eine Zusammenarbeit an mit dem prinzipienlosen, nur auf eigene Erfolge fixierten und besonders gnadenlos vorgehenden Dr. Luys und der Tag ist nicht mehr fern, als er diese Tatsache durchschaut, die Partnerschaft bereut und nach einer Alternative sucht. Doch die Ereignisse nehmen da schon einen völlig anderen, ungeplanten Verlauf…

…denn durch das Eingreifen von Lecoq in die Handlung, der als ehemaliger Polizist eine für ihn interessante Spur verfolgt, die ihn wohl an seine frühere Tätigkeit erinnert, erklären sich viele Rätsel. Er versucht 2 Morde aufzuklären, deren Spuren stets zu rätselhaften Symbolen führen inform von seltsamen Schriftzeichen und irgendwie mit Runa zusammenzuhängen scheinen…

Fazit:

Das Buch Runa ist ein sehr anspruchsvoller, detailgenau recherchierter Debütroman der Autorin Vera Buck. So gab es Personen, wie die namhaften Ärzte, die wirklich lebten und auch in der Salpêtrière wirkten. Sowohl Jean-Martin Charcot ist real als auch Dr. Luys, Dr. Burq, Gilles de la Tourette, alle führende Kapazitäten in ihren Fachgebieten. Selbst Freud studierte ab August 1885 bei Charcot an der Salpêtrière. Während er später erfolgreich seine Schöpfung, die Psychoanalyse, als unabhängige Wissenschaft etablierte, wird oft vergessen, dass diese mit dem Studium der Hypnose bei Charcot begann.

Andere Mitwirkende, wie Juri oder Lecoq sind frei erfunden, wobei die Charaktere stets glaubhaft dargestellt sind und sie handeln entsprechend ihrer Ambitionen in einem Umfeld der Salpêtrière-Klinik, an die man damals als Patient nicht kam »um zu genesen, sondern um zu sterben«.

Der Titel lässt sich schlecht in nur ein Genre einordnen. Er ist ein Mix aus historisch belegbaren Tatsachen, eingebettet in eine fiktive Handlung, die auch Krimielemente zum Inhalt hat und gerade dadurch wird eine Spannung erzeugt. Verschiedene Puzzleteile werden dabei zusammengewürfelt und ergeben am Ende ein klares Bild vom Handlungsablauf. Vera Buck hat so bedeutende, brisante Fakten der Medizingeschichte mit einer Geschichte verknüpft, die uns einen Blick auf das damalige Zeitgeschehen werfen lässt.

3 Kommentare

  1. Grinsekatze sagt:

    Jeder kann auf seinem Blog schreiben was er will. Es darf nur nicht justiziabel sein.
    Umgekehrt muss man natürlich nicht alles lesen. Das ist die Macht des Rezipienten.
    Irgendwie kann es nie allen recht gemacht werden. Die einen nörgeln (massiv) weil über die graue Seite des Internets berichtet wird, die anderen fühlen sich von Buchrezensionen gestört.
    Wegen der Buchbesprechungen wird es zumindest keine Hausdurchsuchung geben; Grins.

  2. tarnkappe sagt:

    Doch, auch dafür besucht man die Tarnkappe. Kein Filesharer hat im Regelfall etwas gegen gute TV-Serien, Filme oder Bücher. Geld ist deswegen keines geflossen, warum auch?

  3. Lanzi sagt:

    Und was hat das jetzt mit der Tarnkappe und ihren üblichen Themen zu tun? Klar Buchrezensionen bringen im Regelfall mindestens ein Leseexemplar, bei der der Länge des Beitrages vermutlich auch noch etwas bares, nur sollte es dann entsprechend gekennzeichnet sein, mit Sponsoring.
    Nichts gegen Buchbesprechungen, im Gegenteil, aber dafür liest man nicht Tarnkappe

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