OpenStreetMap im Interview (Repost)

Artikel von · 15. Januar 2018 ·

OpenStreetMap (OSM) – Die ganze Welt mit einfachsten Mitteln kartografieren und das Material allen Menschen kostenlos zur Verfügung stellen? Nachdem das Projekt anfangs belächelt wurde, benutzen seit ein paar Jahren sogar Navigations-Apps wie skobbler (iPhone/Android) das frische Kartenmaterial der ehrenamtlichen Mapper. Außerdem wurde OSM mittlerweile auf einer Vielzahl von Webseiten eingebaut. Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass man die Daten auch für CAD-, 3D-Programme oder andere Projekte benutzen kann.

OpenStreetMap (OSM) ist ein freies Projekt, bei dem Freiwillige ohne jeden kommerziellen Hintergrund frei nutzbare Geodaten sammeln. Mithilfe dieser Daten können Weltkarten gerendert oder Spezialkarten erstellt werden. Die Datenbank kann völlig flexibel eingesetzt werden, so sind viele andere Projekte wie die Mateka´te oder OSM3D, die dreidimensionale Variante, möglich. Wir haben uns darüber eingehend mit Frederik Ramm unterhalten. Er hat gemeinsam mit Jochen Topf mehrere Auflagen ihres Buches “OpenStreetMap – Die freie Weltkarte nutzen und mitgestalten” veröffentlicht.

 

Lars Sobiraj: Hallo Frederik! Wie bist du zu OSM gekommen, was genau tust du dort und was reizt dich persönlich daran?

Frederik Ramm: Mein Name ist Frederik Ramm, ich bin 38 Jahre alt und studierter Wirtschaftsingenieur – damit also in der Kartografie genauso ein Laie wie so ziemlich alle anderen bei OpenStreetMap auch. Mein Einstieg bei OpenStreetMap war insofern etwas ungewöhnlich, als dass ich gar nicht als “Mapper” anfing (also als Datensammler), sondern als Programmierer; ein Freund hatte das Mappen angefangen und fluchte ab und zu über den OSM-Editor, ich sagte “das kann man doch leicht verbessern“, und schon hatte ich die Arbeit. Später war ich eine ganze Zeit lang der Hauptentwickler dieses Editors, und mit dem Mappen habe ich natürlich auch irgendwann angefangen. Ich fand Landkarten jeder Art schon immer spannend, und dass ich mit diesen Daten jetzt selber herumhantieren kann, macht mir Freude. Ich bin auch täglich aufs Neue begeistert von dem Engagement der vielen Mapper überall auf der Welt.

 

Lars Sobiraj: Open StreetMap hat viel zu tun mit Sport (Fahrradfahren), einem gemeinschaftlichem Erleben, Wettbewerb und Technik. Was aber ist das Geheimrezept dahinter, wieso funktioniert das bei uns in Deutschland und der Welt so gut?

Frederik Ramm: Ich glaube, da gibt es überall ganz unterschiedliche Gründe, warum das geht oder auch nicht so gut geht. Es gibt Gegenden, da entsteht durch OpenStreetMap das erste Mal überhaupt eine brauchbare aktuelle Karte für Jedermann. In den reichen westlichen Ländern haben wir in der Regel zwar brauchbares Kartenmaterial, aber wenn man das auf die Nutzergruppen runterbricht, ist oft auch Fehlanzeige – das meiste ist halt für Autofahrer gemacht. Ein Geheimrezept gibt es vermutlich nicht – es ist nur am Anfang schwer. Solang du noch keine brauchbaren Daten hast, fragen die meisten natürlich: Was soll ich da mitmachen, das wird doch nie was. Und so kommst du auch nicht zu brauchbaren Daten. Der Projektgründer Steve Coast, ist praktisch jahrelang von einer Konferenz zur nächsten getingelt und hat allen erzählt, wie toll OpenStreetMap ist, und irgendwann haben es die Leute dann halt auch geglaubt, und dann ging die Erfolgsgeschichte los.

 

OpenStreetMap: A Year of Edits 2012 from Derick Rethans.

Das haben wir ein kleines bisschen auch der Wikipedia zu verdanken. Wenn einem die Leute ins Gesicht sagten, dass das doch nie was wird, konnte man immer die Geschichte von der Wikipedia erzählen, und die hatten die meisten dann schon irgendwo gehört, und das ließ sie nachdenklich werden.

OpenStreetMap läuft aber nicht überall auf der Welt gleich gut. Wir haben zum Beispiel in den USA sehr viele Daten, weil wir einen amtlichen Datenbestand importieren konnten, aber die Community entwickelt sich dort nur langsam.

 

Lars Sobiraj: Vielleicht magst du allen Nichtkennern kurz erklären, wie ihr die Straßen kartografiert.

Frederik Ramm: Die Standardmethode ist: GPS einschalten, sodass es jede Sekunde die Position abspeichert, dann herumfahren oder – laufen und dabei Notizen machen – zu Straßennamen, Art der Straße, Points of Interest (also so etwas wie Briefkästen) und allem anderen. Später am Rechner lädt man dann den GPS-Track und die existierenden OSM-Daten der Gegend und zeichnet die neu gewonnenen Informationen ein.

In der Presse wird es oft vereinfachend so dargestellt, als bräuchte man einfach nur sein GPS einzuschalten und könne die Daten nachher zu OpenStreetMap hochladen und “so entsteht dann die Weltkarte”. Das ist natürlich Humbug, denn das GPS weiß ja nicht, wie eine Straße heißt. Ohne Handarbeit geht es also nicht.

openstreetmap

 

Lars Sobiraj: Wie viel Prozent der Fläche Deutschlands habt ihr denn so schon erfassen können? Und wie schaut es in anderen Ländern Europas aus? Wie viele Mapper gibt es eigentlich?

Frederik Ramm: Das sind ziemlich schwierige Fragen. Ich könnte jetzt angeben und sagen: Wir haben 250.000 angemeldete Benutzer. Stimmt auch. Aber davon haben nur 120.000 jemals was gemappt, und wenn man schaut, wie viele davon wirklich regelmäßig was machen, dann sind es vielleicht nur 20.000 weltweit. Und die Flächenfragen kann ich auch nicht beantworten – denn wann ist eine Fläche denn “erfasst”? Wenn eine Autobahn durchgeht, oder wenn auch die Telefonzelle neben der Toilette in der Kleingartenkolonie im Autobahndreieck gemappt ist?

OpenStreetMap ist niemals fertig, es gibt immer noch was Neues zu tun. In den deutschen Städten haben wir jetzt eigentlich schon seit Langem fast alle Straßen, aber Hausnummern fehlen uns noch sehr viele. Bei kleinen Orten auf dem Lande kann es schon mal sein, dass wir nur die Durchgangsstraße haben. Neulich war ich in Bad Waldsee, einer Kleinstadt im Schwäbischen mit immerhin 20.000 Einwohnern, und musste mit Schrecken feststellen, dass das erst halb gemappt war. Ich habe mir gleich ein GPS geschnappt und bin los, aber es fehlt auch heute noch einiges.

Die meisten anderen Länder Europas liegen etwas hinter Deutschland, holen aber kräftig auf.

 

Lars Sobiraj: Die kommerzielle Konkurrenz hat anfangs verächtlich, später besorgt auf euch reagiert. Wie klappt es denn mittlerweile? Gibt es Pläne für eine Zusammenarbeit? Kommt eines Tages vielleicht sogar ein tomtom oder ein anderes Navi mit euren Daten heraus Aktuellere Daten als eure dürfte es ja kaum geben.

Frederik Ramm: Es gibt ja für das iPhone und mittlerweile Android schon eine kommerzielle Navi-Lösung mit OSM-Daten, nämlich skobbler. Die (und ihre Kunden) scheinen ganz gut damit zu fahren. Was die Gerätehersteller betrifft, bleibt abzuwarten – Google einige der Hersteller ja schon zu “lebenslange kostenlose Kartenupdates”-Angeboten genötigt, das heißt, diese Hersteller verdienen auch an Kartenupdates nichts mehr und hätten keinen Schaden, wenn sie ihre Plattformen für OpenStreetMap-Daten öffneten. Aber vielen ist auch der ganze Open Source-/Open Data-Gedanke fremd, die sind so zementiert in ihrer Kultur von geistigem Eigentum und der Maximierung seines wirtschaftlichen Nutzens, dass es ihnen schwerfällt, sich Geschäftsmodelle vorzustellen, die nicht auf irgendeiner Art von “Kopierschutz” beruhen.

 

openstreetmapLars Sobiraj: Google dürfte ja auch Interesse an eurem Material haben. Wurde da schon bei euch angeklopft?

Frederik Ramm: Google braucht nicht bei uns anzuklopfen, die können unsere Daten genauso nehmen wie jeder andere auch, wenn sie sich an die Lizenzbedingungen halten.

 

Lars Sobiraj: Die Datenbank für die ganzen Geodaten ist ja völlig flexibel. So kann man diese auch für ganz andere Dinge benutzen, wie zum Beispiel die Matekarte oder OSM 3D. Was ist sonst noch in der Planung?

Frederik Ramm: OSM ist nicht zentral gesteuert, die nächste Spezialkarte entsteht sicherlich gerade irgendwo auf der Welt im Kopf eines Geeks, der Mate trinkt …

 

 

Lars Sobiraj: Projektgründer Steve Coast gründete CloudMade. Sind aus dem Projekt weitere Firmen entstanden? Wie konntest du deine Arbeit bei OSM für dein Berufsleben benutzen?

Frederik Ramm: Mir sind außer Cloudmade und meiner Firma, der Geofabrik, keine bekannt, die sich fast ausschließlich mit OSM beschäftigen, aber es gibt eine Anzahl von Freelancern, die über ihre OSM-Aktivitäten mittlerweile auch in der Lage sind, im OSM-Bereich Dienstleistungen anzubieten. Die Geofabrik verkauft Datendienste (zum Beispiel WMS- und Tile-Server mit OSM-Daten) und Know-How (wir helfen Leuten beim Einsatz von OSM oder der Installation eigener Server). Wir sind da ganz offen – das Erste, was ich einem Kunden am Telefon sage, ist meistens, dass er sich alles, was er von mir bekommt, auch kostenlos bei OSM herunterladen kann – ich verkaufe ihm nur eine Zeitersparnis.

 

Lars Sobiraj: Wie geht es mit OpenStreetMap weiter, was ist für die nächste Zeit geplant?

Frederik Ramm: Geplant ist zentral gar nichts, wie schon gesagt; das Einzige, wo ein paar Leute ein bisschen planen, ist, welche Hardware wir brauchen, um der wachsenden Last gerecht zu werden.

openstreetmap buch

Wie es weitergeht – es wird bestimmt mehr Nischenanwendungen geben, also Spezialkarten etwa für verschiedene Sportarten oder Geschmäcker, Spezial-Routing, Kartenvorlesesysteme, Stromnetzkarten und so weiter. Hie und da zeichnen sich aber auch Auseinandersetzungen in der Community ab, und manchmal liegt der Hauch einer (böses Wort) Relevanzdiskussion in der Luft. Ich erwarte auch 2010 oder 2011 irgendeine Art von Google MapMaker für Deutschland, also einen Vorstoß von Google in “unser” Terrain, sodass Nutzer an den Google-Karten herumverbessern können – es bleibt auf jeden Fall spannend.

Lars Sobiraj: Dann euch weiterhin viel Erfolg mit OSM und vielen Dank für deine ausführlichen Antworten!! Wer jetzt selber Lust auf’s Mappen bekommen hat:

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1 Kommentar

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    OlloBollo

    Geiler Artikel und ein fantastisches Projekt. Danke dafür.


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