Die Petitionsplattform Change.org im Interview (Repost)

Change.org ist nach eigenen Angaben die weltweit größte Petitionsplattform. Die Organisatoren der Seite verfügen über die gebündelte Macht von bis zu 312 Millionen Menschen, die sich online in den unterschiedlichsten Sprachen per Mausklick beteiligen. Genauso wie Avaaz wurde Change.org im Jahr 2007 gegründet. Wir haben uns ausführlich mit Sergius Seebohm von der deutschen Niederlassung der Organisation unterhalten.

Dies ist der zweite Teil unserer Interviewserie zum Thema Clicktivism. Wer sich darunter nichts vorstellen kann: Unseren dazu passenden Leitartikel kann man bei Interesse hier nachlesen. Das ursprünglich am 15. April 2013 veröffentlichte Interview mit dem Global Campaigner von Avaaz Deutschland ist hier verfügbar. Doch damit ist unsere Interviewreihe noch lange nicht abgeschlossen. Ein Mitarbeiter vom Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages hat damals für die Beantwortung der Fragen etwas länger gebraucht. Die Antworten von openPetition kamen damals prompt. Auch beim Netzwerk Campact kommt noch dran. Damit soll das Bild dann endgültig abgerundet werden.

Update: Neuer Betreiber der deutschsprachigen Plattform ist jetzt der Berliner Verein Change.org e.V., wo nach eigener Aussage nun mehr Wert auf Datenschutz und Transparenz gelegt wird. Wir hatten noch nicht die Zeit, um das zu überprüfen.


Change.org – was ist das überhaupt?

Change.org wurde in San Francisco als Social Business gegründet. Diese Rechtsform wurde bis heute beibehalten. Es ist strukturiert wie ein Unternehmen, allerdings steht nicht die Erreichung des Gewinnmaximums im Vordergrund, sondern soziale, ökologische oder gesellschaftliche Probleme. Mitbegründer Ben Rattray glaubt, die Unterzeichnung einer Petition stelle vielfach lediglich den Anfang und nicht das Ende der Aktivität eines Teilnehmers dar. Von alleine wird dies aber wahrscheinlich nicht geschehen. Dafür, dass die klickenden Couch-Potatoes tatsächlich aktiv werden, sorgen die etwa 300 Mitarbeiter in aller Welt (Stand 2019). Dazu kommt die Zusammenarbeit mit anderen Nichtregierungsorganisationen, die zumeist andersartig aufgebaut sind.

Ein Team von drei Personen arbeitete zum Zeitpunkt unseres Interviews 2013 in Berlin Mitte. In Deutschland fing alles mit der Mitarbeiterin Paula Hannemann im Juni 2012 an. Neben Frau Hannemann sind im gleichen Büro Jeannette Gusko und Sergius Seebohm tätig. Eine Übersicht der 21 in Deutschland tätigen Change.org-Mitarbeiter ist jetzt hier einsehbar. Die Anzahl der deutschen Nutzer wurde 2013 auf 650.000 geschätzt. Diese Zahl dürfte sich mittlerweile mehr als verdoppelt haben. Interessant: Die Petitionsplattform finanziert sich nach eigener Auskunft primär durch den Verkauf von Online-Anzeigen an andere Organisationen.

Worum geht es inhaltlich?

Und worum geht es dabei? Die erfolgreichsten Petitionen drehen sich vor ein paar Jahren beispielsweise um ein Allwetterbad in Düsseldorf Flingern und einen Berliner Seniorentreff, die beide auf finanziellen Gründen geschlossen werden sollten. In Dortmund wurde die Verzierung des Grabsteines eines Jungen mit dem Logo von Borussia Dortmund erlaubt, nachdem sich im Web der Protest regte. Zunächst wurde der Grabstein abgelehnt, weil der katholische Kirchenvorstand zur Ansicht kam, dass der Entwurf dem Ort eines Friedhofs nicht angemessen sei. Nach 2.500 Unterschriften und der Berichterstattung in Online-Portalen und einigen ortsansässigen Zeitungen gab man schließlich dem Wunsch der Eltern nach.

change.orgLars Sobiraj: Herr Seebohm, was ist Change.org?

Sergius Seebohm: Change.org ist mit 312 Millionen Nutzerinnen und Nutzern weltweit die größte Petitionsplattform der Welt. Jeder kann die Plattform von Change.org kostenlos dazu nutzen, Petitionen zu starten. Damit haben alle Menschen überall auf der Welt die Möglichkeit, sich erfolgreich für die Dinge einzusetzen, die ihnen wichtig sind – und so ihr Umfeld und die Welt zu verändern.

Lars Sobiraj: Was will Change.org erreichen?

Sergius Seebohm: Unsere Vision ist eine Welt, in der niemand machtlos ist und in der es Teil des täglichen Lebens ist, sich für Veränderung einzusetzen. Wir möchten Menschen weltweit die Möglichkeit geben, für die Welt einzutreten, in der sie leben möchten. Dazu möchten wir so vielen Menschen wie möglich Infrastruktur und Know-How kostenlos zur Verfügung stellen.

Lars Sobiraj: In wie vielen Ländern operieren Sie?

Sergius Seebohm: Change.org ist in 196 Ländern erreichbar und in all diesen Ländern gibt es eine mindestens zweistellige Zahl aktiver Petitionen.

Lars Sobiraj: Wann wurde Change.org eröffnet?

Sergius Seebohm: Change.org startete 2007, aber das Konzept der Seite wurde seitdem ein paar Mal überarbeitet. In der jetzigen Form als offene Petitionsplattform existiert Change.org seit 2010.


Doku & Diskussion: Schadet „Clicktivism“ dem sinnvollen sozialen Aktivismus?

Lars Sobiraj: Wer sind die Verantwortlichen? Was ist die Rechtsform?

Sergius Seebohm: Die Organisation wurde von den Stanford-Kommilitonen Ben Rattray und Marc Dimas als Social Business gegründet. “Social Business” bedeutet, dass wir unternehmerische Strukturen haben, aber alle Einnahmen fließen vollständig dem Betrieb und Ausbau der Plattform und unserem Anliegen zu: Menschen kostenlos mit Instrumenten und Wissen auszustatten, damit sie sich für ihre Anliegen einsetzen können. Um den gemeinnützigen Zweck transparent abzusichern lassen wir uns extern zertifizieren.

Lars Sobiraj: Wie viele Personen arbeiten im Team? Welche Aufgaben haben sie jeweils?

Sergius Seebohm: Derzeit (Stand 2013) arbeiten ca. 150 Menschen in 18 Ländern. Die allermeisten dieser Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind professionelle Online-Campaigner und Öffentlichkeitsarbeiter, die kostenlose Beratung und Unterstützung für die Petitionen anbieten, die Menschen bei Change.org starten.

Namen der Investoren bleiben geheim

Lars Sobiraj: Wer hat Change.org das Gründungskapital gegeben, mit welcher Motivation geschah dies?

Sergius Seebohm: Change.org gehört mehrheitlich Ben Rattray und Mark Dimas sowie einigen wenigen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der ersten Stunde. Zu Beginn gab es eine eine Anschubfinanzierung von zwei werteorientierten Investoren in Höhe von insgesamt 2,5 Millionen US-Dollar. Diese Investoren sind weder öffentlich bekannte Persönlichkeiten noch suchen sie die Medienöffentlichkeit. Aber wir können sagen, dass es sich um einen Internet- und um einen Filmproduzenten handelt.

click and collect

Finanzierung über Online-Werbung

Lars Sobiraj: Wie finanziert sich die Petitionsplattform heute?

Sergius Seebohm: Wir bauen soziale Bewegungen auf und unterstützen Nonprofits dabei, ihre Mitgliederbasis zu erweitern, indem wir sie mit engagierten und leidenschaftlichen Menschen zusammenbringen. Im Wesentlichen geschieht dies durch den Verkauf von Anzeigenplätzen, auf denen Organisationen ihre kostenlosen Newsletter bewerben können. Change.org arbeitet dabei mit hunderten von Organisationen zusammen; zum Beispiel mit Amnesty International, ONE oder Oxfam.

Lars Sobiraj: Auf welche politischen Räume beziehen sie sich in Deutschland, zum Beispiel Bund, Länder, Gemeinden, Unternehmen?

Sergius Seebohm: Wir sind eine offene Plattform. Je nach Anliegen ist jede Person, jedes Unternehmen, jede Organisation, jede Regierungsstelle denkbare Adressatin einer Petition auf Change.org.

Lars Sobiraj: Wie kann man als Bürger mitmachen, welche Daten von sich muss man eintragen?

Sergius Seebohm: Wir bemühen uns, das Engagement so leicht wie möglich zu machen. Um eine Petition aufzusetzen muss man auf Change.org nur drei Fragen beantworten: Erstens: “Was möchte ich verändern?”, zweitens: “Wer kann das verändern, an wen richtet sich mein Anliegen?” und drittens: “Warum sollten andere mich mit ihrem Namen unterstützen?”. Als eigene Angaben reichen Name, E-Mailadresse und Postleitzahl.

Die Daten werden in den USA gespeichert.

change.orgLars Sobiraj: Wie geht Change.org dabei mit dem Datenschutz um?

Sergius Seebohm: Wir legen sehr viel Wert auf Datenschutz und haben sehr strenge Datenschutzrichtlinien. Wie bei anderen großen Plattformen (Youtube, Twitter und Co.) werden Daten unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen auf Servern in den USA gespeichert. Change.org hat sich per Selbstverpflichtung dem Safe Harbor Abkommen unterworfen, das von der EU-Kommission als dem EU-Raum gleichwertiges Schutzniveau anerkannt ist. Daten werden nur mit expliziter Zustimmung weitergegeben und Nutzer können sich jederzeit problemlos abmelden oder ihre Daten löschen lassen.

Lars Sobiraj: Gibt es eine Diskussionsmöglichkeit für die Leser beziehungsweise Teilnehmer?

Sergius Seebohm: Im Moment gibt es auf den jeweiligen Petitionsseiten Raum, um Neuigkeiten zum Sachverhalt – zum Beispiel einen aktuellen Pressebericht zum Thema – zu veröffentlichen. In diesem Bereich kann auch eine Stellungnahme der Person oder Organisation stehen, an die sich die Petition richtet. Eine Diskussion unter den Nutzerinnen und Nutzern zum Thema ist derzeit leider noch nicht möglich. Wir finden die Idee aber super. ;-)

Lars Sobiraj: Nach welchen Kriterien wählen Sie die Petitionen aus, die auf der Startseite angezeigt werden? Wer ist für die Auswahl verantwortlich?

Sergius Seebohm: Wir entscheiden im jeweiligen Länder-Team, welche Petitionen auf der Startseite angezeigt werden. Dabei richten wir uns vor allem nach einem Kriterium: Welche Petition steht am besten für unseren Traum von einer Welt, in der sich niemand ohnmächtig fühlt? Welche Petition ermutigt vielleicht andere Menschen zu sagen: “Ich muss nicht auf Andere warten. Ich kann selbst etwas verändern.”

Lars Sobiraj: Prüfen Sie die Inhalte einer Petition, zum Beispiel deren Argumente?

Sergius Seebohm: Ähnlich wie bei YouTube geht auch bei uns jeder Beitrag sofort ohne Prüfung online. Und YouTube ist auch in anderer Hinsicht ein gutes Beispiel: Auch bei Change.org sind die Petitionsstarter alleine für die Inhalte und Argumente verantwortlich.


Video: Ben Rettray erklärt, welche Petitionen bei ihm nicht erlaubt sind.

Lars Sobiraj: Haben Sie auch schon einmal eine Petition gelöscht?

Sergius Seebohm: Es kommt recht selten vor. Aber manchmal fallen uns oder unserer Community Petitionen auf, die z.B. hetzerische oder diskriminierende Inhalte haben. Diese und ähnliche Inhalte sind gegen unsere Nutzungsbedingungen und solche Petitionen löschen wir.

Lars Sobiraj: Wie viele Petitionen hatten Sie bisher?

Sergius Seebohm: Hunderttausende. Derzeit laufen weltweit über eine Viertelmillion aktiver Petitionen. In Deutschland sind es über 2.000 (Stand 2013).

„Wir bei Change.org glauben an das Konzept einer offenen Plattform.“

Lars Sobiraj: Da E-Petitionen auch mächtige Instrumente sind, über verschiedene Plattformen und verschiedene Betreiber: Wäre auch ein Missbrauch möglich? Wie könnte dieser aussehen?

Sergius Seebohm: Bei Change.org versuchen wir, durch sorgfältige technologische Vorkehrungen Missbrauch und Manipulationen so schwer wie möglich zu machen. Hinzu kommt die Community auf Change.org selbst, die – wie fast in allen offenen Plattformen im Netz üblich – per Flagging ebenfalls mithilft, Missbrauch zu melden. Auf diese Weise haben wir bisher weltweit äußerst selten mit problematischen Fällen zu kämpfen gehabt.

Was die inhaltliche Seite angeht: Wir bei Change.org glauben an das Konzept einer offenen Plattform. Natürlich sind diskriminierende, hetzerische und verleumderische Inhalte inakzeptabel und da sind wir klar und rigoros – unsere Nutzungsbedingungen schließen diese Inhalte aus. Im Umgang mit kontroversen Standpunkten aber sehen wir in einer offenen Plattform das stärkste Potenzial für positive gesellschaftliche Veränderung. Die Offenheit ist aus unserer Sicht notwendig, um eine globale Plattform zu sein, die quer durch viele Länder und Kulturen der Welt Relevanz hat. Bei Change.org finden Sie Anliegen wie das der Mutter aus Thailand, die keine gewalttätigen Filme in Reisebussen mehr dulden möchte, einen Durchbruch gegen sogenannte “korrigierende” Vergewaltigungen in Südafrika oder den Fall der Jugendlichen in den USA, die ein Teenie-Magazin dazu gebracht hat, Modefotos nicht mehr mit Photoshop zu bearbeiten.

Jede Geschichte ist individuell…

Lars Sobiraj: Bezüglich der Petitionen, die erfolgreiche Wirkung bei den angesprochenen Zielpersonen zeigen, ist fraglich: Welche Faktoren machen die Wirkung aus? Das Thema selbst? Die Argumente? Die Anzahl der Unterschriften? Welche Anliegen haben es schwerer, welche Anliegen haben es leichter, umgesetzt zu werden?

Sergius Seebohm: Das lässt sich nicht pauschal beantworten, denn jede Geschichte ist individuell. Es gibt Petitionen, die mit wenigen hundert Unterschriften erfolgreich sind… Aber mir fallen dazu spontan zwei Dinge ein. Zunächst: in modernen Gesellschaften hängt sehr selten irgendetwas mit nur einer Sache zusammen. Es wäre sicher naiv zu behaupten, eine Online-Petition – und nur sie allein — hätte die Veränderung bewirkt. Eine Online-Petition ist oft der Kern, das „digitale Sammelbecken“ einer Kampagne oder eines Anliegens. Aber wer etwas erreichen möchte muss immer auch Gespräche führen, andere überzeugen, seine Argumente gegenüber Journalisten rechtfertigen, demonstrieren oder oder oder…

Zweitens ist es immer schwer, seriös sagen zu können, was den letztlichen Ausschlag für oder gegen eine Entscheidung gegeben hat. Allerdings hören wir von Entscheiderinnen und Entscheidern schon häufig, dass die Online-Petition sie auf ein Thema aufmerksam gemacht hat. Es ist ja auch selten die Petition allein. Die Stärke einer Online-Petition liegt darin, dass sie glaubwürdig abbildet, wie viele Menschen von einem bestimmten Anliegen überzeugt sind. Sie bildet ab, wie schnell die Unterstützung für ein Thema wächst.

Das haben wir z.B. bei der Petition zum Erhalt der East Side Gallery gesehen, die teils Tag für Tag um 10.000 Stimmen anwuchs. Online-Petitionen verbreiten sich, über soziale Netzwerke sehr leicht. Man kann Unterstützer zu neuen Entwicklungen gut auf dem Laufenden halten. All das macht das Organisieren viel leichter als früher mit Blatt, Stift und Telefon.

Das heißt: mit einer guten Online-Petition gibt es Aktivität im Netz, Petitionsübergaben, die klassischen Medien berichten und und und. Auf diese Weise konnte Schanas Naso es tatsächlich schaffen, für ihren Bruder Anuar Naso die Wiedereinreise nach Deutschland zu erreichen, nachdem er vor zwei Jahren unter unglaublichen Umständen abgeschoben worden war.
Aber wenn Sie fragen, welche Anliegen es leichter haben und welche schwerer, neige ich dazu zu sagen: das Anliegen ist der wichtigste Punkt und der ist unabhängig vom Medium. Da unterscheidet sich die Antike nicht vom 21. Jahrhundert. Das Anliegen selbst und wie gut oder schlecht dafür argumentiert wird ist elementar dafür, andere Unterstützer zu überzeugen und dann schließlich auch einen Entscheider umzustimmen.


Der Change.org-Gründer über die Macht von Kampagnen-Netzwerken

Die erfolgreichsten Petitionen

Lars Sobiraj: Welche Petition hatte eigentlich die meisten Unterschriften?

Sergius Seebohm: Die bekannteste Petition mit den meisten Unterschriften auf Change.org war die Petition der Eltern von Trayvon Martin an die Strafverfolgungsbehörden in Florida, Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Mörder ihres Sohnes aufzunehmen. Eine erschütternde Geschichte. Sie war erfolgreich.

Lars Sobiraj: Wie gut ist die Resonanz in der deutschen Politik?

Sergius Seebohm: Die deutsche Politik ist mit Bund, Ländern und Kommunen in Deutschland so vielfältig, dass sich diese Frage für eine relative neue Plattform wie die unsere nicht pauschal beantworten lässt. Aber erst vor wenigen Wochen war die Bremerin Anja Stubbe mit ihrer Petition an die Bundesregierung erfolgreich, das Nazi-Aussteigerprogramm “Exit” weiter zu finanzieren.

Abstimmung im Bundestag nach Petition verschoben

Lars Sobiraj: Welche Petitionen von Ihnen wurden bisher im Bundestag behandelt?

Sergius Seebohm: Wenn man speziell den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages erreichen möchte geht das derzeit nur mit dem Online-Tool des Bundestages. Aber das heißt nicht, dass man mit Change.org den Bundestag nicht erreicht. Michael Sommer, der Chef des DGB, hat bei Change.org eine Petition gegen das Arbeitnehmerdatenschutzgesetz gestartet, das eigentlich schon reif zur Abstimmung war. Nach viel Protest und über 33.000 Unterschriften wurde die Abstimmung bis auf Weiteres von der Tagesordnung genommen.

Lars Sobiraj: Was war der bisher größte Erfolg einer Petition in Deutschland? Und im Ausland?

Sergius Seebohm: Ich tue mich schwer, das zu werten. Denn für die Menschen, die bei uns Petitionen starten, ist ihr jeweiliges Anliegen natürlich das wichtigste. Mit manchen dieser bewundernswerten, leidenschaftlichen Menschen arbeiten wir teils ja sogar zusammen. Wenn sie dann Erfolg haben, ist das in dem Moment eigentlich immer das Größte – egal worum es geht.
Ich muss aber zugeben: als Malala Yousafzai, ein 14jähriges Mädchen, das von den Taliban in den Kopf geschossen wurde, nur weil sie sich für Bildung für Mädchen stark gemacht hat, als Malala Yousafzai offiziell für den Friedennobelpreis nominiert war, nachdem über 289.000 Change.org-Nutzer aus aller Welt das gefordert hatten – das war für mich persönlich schon etwas sehr Besonderes.

Lars Sobiraj: Was war bislang die orginellste Petition, die Sie hatten?

Sergius Seebohm: Mein persönlicher Favorit ist da eine Petition an ein Surfer-Cafe in Bondi Beach in der Nähe von Sidney. Die Unterzeichner fordern, die Bedienung soll weniger Avocado-Sandwiches essen und statt dessen den Gästen ab und zu mal ein Bier verkaufen.

Unsere Gesellschaft braucht mehr Menschen, die sich einmischen…

Lars Sobiraj: Schade, die Petition hat etwas. Sie erhielt bis heute leider nur 47 Unterschriften. Glauben Sie, dass E-Petitionen eines Tages wichtiger sein werden als zum Beispiel politische Initiativen?

change.orgSergius Seebohm: Jein. Wir brauchen unbedingt weiterhin Menschen und Organisationen in der Zivilgesellschaft, die sich langfristig und nachhaltig mit komplexen Fragen auseinandersetzen. Wir brauchen die Sachkenntnis zu komplexen Problemlagen, die in diesen Organisationen erarbeitet und gesammelt wird und das bewundernswerte Engagement für gute Lösungen. Aber ich denke schon, dass Online-Petitionen neben diesen langfristigen zivilgesellschaftlichen Organisationsformen eine immer wichtigere Rolle bekommen werden. Online-Petitionen können Menschen situativ vernetzen und bieten eine schnelle, effektive Form, sich zu engagieren. Sie verleihen Menschen Gehör, die vor zehn Jahren vielleicht keine Stimme bekommen hätten, weil sie eben keine Vollzeitaktivisten sein können. Und Online-Petitionen können auch Themen zu Relevanz verhelfen, die nicht in den bekannten Schubladen liegen. Ich jedenfalls wusste bis vor kurzem nicht, dass die Deutschlehrer und Deutschlehrerinnen in den für unsere Gesellschaft so wichtigen Integrationskursen ganz schlechte Arbeitsbedingungen haben. Bis es bei Change.org dazu eine Petition gab.

Lars Sobiraj: In welchen Fällen sollte ein Petent change.org, in welchen Fällen epetionen.bundestag.de für sein Anliegen auswählen?

Sergius Seebohm: Wenn jemand den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages erreichen möchte, führt an epetitionen kein Weg vorbei. Ich glaube aber, dass eine Petition bei Change.org technisch etwas leichter zu handhaben ist und sich technisch auch etwas leichter verbreiten last. Außerdem kann man bei uns natürlich, wie gesagt, jeden und alles adressieren, nicht nur den Petitionsausschuss.

Lars Sobiraj: Welche Probleme in unserer Gesellschaft sind nicht durch Online-Petitionen lösbar?

Sergius Seebohm: Eine ganze Menge. Eine Petition ist ein gutes Instrument, um ein Thema auf die Agenda zu setzen. Aber erstens gehört bereits dazu meist schon mehr als nur die Petition, die ja eher das digitale Sammelbecken für alle Aktivitäten ist. Man muss auch sorgfältig lesen und Fakten prüfen, sich mit anderen treffen, diskutieren, telefonieren, vielleicht auch Plakate und Handzettel drucken usw.

Zweitens ist ja bei komplexeren Fragen die Petition eher der Anfang für einen anschließenden Dialog. Ein guter Anfang – aber eben nur ein Anfang. Was wir bei Change.org sicher nicht befördern wollen ist ein Politikverständnis in den Kategorien von Sieg und Niederlage, von Null und Eins. Zur Demokratie gehört die Fähigkeit zum Kompromiss, zum Zuhören, zum Ringen um die richtige Lösung. Dazu braucht es uns alle und dazu braucht es alle Instrumente.

Lars Sobiraj: Ja, da ist etwas dran. Herr Seebohm, vielen Dank für das Interview.

Vielen Dank unter anderem an Bernd Rohlfs, Gesellschaft für freie Informationssysteme, für die Unterstützung bei der Realisierung dieser Artikelserie. Das Interview erschien ursprünglich im Frühjahr 2013 bei gulli.com. Vielen Dank auch an die macher von Archive.fo, die viele alte Schätzchen archiviert haben, obwohl die Web-Crawler dies eigentlich nicht sollen.

Tarnkappe.info

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem bringt Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.

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