Impfzertifikat
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Bildquelle: rafapress, Lizenz

Impfzertifikat-Fälschungen: Größter Corona-Prozess eröffnet

Ab heute urteilt das LG München zu einem Fall von Impfzertifikat-Fälschungen. 1.074 Fälschungen brachten vermutlich ca. 140.000 Euro ein.

Nachdem die Staatsanwaltschft im März diesen Jahres gegen die Pharmazeutisch-Technische Angestellte einer Münchener Apotheke, die 53-jährige Draga P., und den aus Augsburg stammenden 37 Jahre alten Mediengestalter Dennis Eric S., Anklage beim Landgericht München I erhoben hatte, wird sich nun das Landgericht München mit der Causa Impfzertifikate beschäftigen. Wie Focus online mitteilte, startet der Prozess schon heute.

Den beiden Verdächtigen wirft man dabei vor, digitale EU-Impfzertifikat-Fälschungen im großen Stil betrieben und im Darknet verkauft zu haben. Konkret müssen sie sich wegen Verstößen gegen das Infektionsschutzgesetz, gewerbsmäßiger Fälschung technischer Aufzeichnungen und Geldwäsche verantworten. Dennis Eric S. legt man zudem noch Betrug zur Last. Mit 1.074 Fälschungen erzielte das Duo einen mutmaßlichen Gewinn von ca. 140.000 Euro. Deutschlandweit handelt es sich bei diesem Prozess um das diesbezüglich größte Verfahren.

Wegen dem Verdacht der COVID-19-Impfzertifikat-Fälschungen und deren Darknet-Verkauf kam es im Oktober letzten Jahres zu einer Polizei-Razzia in einer Apotheke in Schwabing. Bei der Beschlagnahmung sicherte die Polizei Bargeld und mehrere Krypto-Wallets im Gesamtwert von etwa 130.000 Euro. Die ZKG strebt die Einziehung des gesamten Erlöses im Rahmen der Hauptverhandlung an.

Mit den polizeilichen Ermittlungen rund um die Apotheke betraut war das Bayerische Landeskriminalamt, Abteilung Cybercrime. Auf den Vorgang aufmerksam wurde das LKA im Rahmen von Recherchen im Darknet.

Purer Freundschaftsdienst mündet in gewerblichen Impfzertifikat-Fälschungs-Betrug

Ursprünglich nahm der heute eröffnete Gerichtsfall am 14. Juni 2021 seinen Anfang. Genau an diesem Tag stellte Draga P. bei ihrem Arbeitgeber, der Apotheke in Schwabing, unbefugt ein digitales Covid-Impfzertifikat der EU aus. Dazu gab sie Name, Geburtstag sowie ein fiktives Impfdatum in das dienstliche Computersystem ein. Die Angaben sendete sie anschließend an das Robert Koch-Institut (RKI).

Eine Prüfung der Angaben durch das RKI erfolgte nicht, der Prozess lief völlig automatisiert ab. Bestimmt war das Impfzertifikat für ihren Bekannten Dennis Eric S. Abschließend fotografierte Draga P. das Zertifikat ab und schickte es an den nun Mitangeklagten per Smartphone-Message. Da die Aktion unentdeckt blieb, verlangte Dennis Eric S. gleich noch ein zweites Impfzertifikat von Draga P. für seine Verlobte.

Im Zuge der Ermittlungen stellten die Beamten fest, dass Draga P. wusste, dass weder Dennis Eric S., noch dessen Verlobte geimpft waren. Die Pharmazeutisch-Technische Angestellte betrachtete dies als Freundschaftsdienst. Aufgrund der hohen Corona-Auflagen sollten beide die Vorteile von Geimpften in Anspruch nehmen können. Geld erhielt Draga P. dafür allerdings nicht. Unter Beibehaltung des Schemas schloss sich infolge gleich eine ganze Serie ähnlicher Delikte an.

Das Duo baute ihre Impfzertifikat-Fälschungen aus und verdienten damit ab Mitte August 2021 Geld durch Darknet-Verkäufe. Mediengestalter S. richtete sich unter einem Pseudonym auf einem deutschsprachigen Cybercrimeforum einen Account ein. Infolge verkaufte er unberechtigt erstellte QR-Codes für den digitalen Corona-Impfausweis zum Preis von mindestens 150,- € pro Stück. Dabei war bei den Abnehmern weder eine Impfung erfolgt noch nachgewiesen.

Hohe Nachfrage machte arbeitsteilige Vorgehensweise notwendig

Aufgrund der hohen Nachfrage, nicht nur in Deutschland, sondern auch in Staaten wie Finnland, Russland und Litauen, soll Dennis Eric S. sogar ein Vertriebssystem mit weiteren Mitarbeitern aufgebaut haben. Der Verkauf erfolgte, laut der Ermittlungen, auch in größeren Chargen an Händler, die die gefälschten Zertifikate ihrerseits an Endabnehmer verkauft haben sollen. Das Ziel war, den Auslandsabsatz zu fördern und somit gleichzeitig die Gefahr einer Entdeckung zu reduzieren.

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Eigentümer der Apotheke und weitere Mitarbeiter bezüglich Impfzertifikat-Fälschungen ahnungslos

Wie Focus online berichtete, stellte dabei Dennis Eric S. die Daten der Interessenten der Apotheken-Mitarbeitern zur Verfügung. Andererseits kümmerte sich Draga P. wiederum um die Beschaffung der QR-Codes über das RKI. “In nicht mal einem Monat soll das Duo insgesamt 185 Zertifikate ausgestellt und verkauft haben. Die Kunden zahlten in Kryptowährungen wie Bitcoin und Monero.” Für die Erstellung der QR-Codes soll die IT-Infrastruktur der Münchner Apotheke durch unberechtigten Zugriff genutzt worden sein. Weder der Apotheken-Inhaber noch die Mitarbeiter wussten von dem illegalen Handeln.

Fernzugriff auf PC der Apotheke sollte Risiko minimieren

Anfangs gab die angeklagte Mitarbeiterin die Daten der jeweiligen Käufer vor Ort in den Rechner der Apotheke ein. Nach einiger Zeit installierten sie eine Fernzugriffs-Software auf dem PC, um die Eingabe der Daten von außen zu ermöglichen. Den Zugriff auf den Apotheken-Rechner hat man mittels eines bulgarischen Servers verschleiert.

Der Fernzugriff auf den Apothekenrechner war jedoch auf dem Monitor sichtbar. Deswegen sollen die Angeschuldigten den PC der Apotheke zuletzt über eine entsprechende Einstellung zur Nachtzeit automatisch gestartet und die Daten sodann mittels Fernzugriffs nachts eingegeben haben. Also zu einer Zeit, zu der in der Apotheke niemand anwesend war. So wollte man das Entdeckungsrisiko minimieren.

Oberstaatsanwalt Matthias Held von der Generalstaatsanwaltschaft Nürnberg wies gegenüber FOCUS online auf die Bedeutung des Falles hin:

„Der Fall ist gerade wegen der raffinierten technischen Vorgehensweise, aber auch wegen des erheblichen Tatvorwurfs ein herausgehobenes Verfahren“

Hauptverdächtige mit besonderen Ansprüchen?

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Die Staatsanwaltschaft geht in der Anklage aufgrund der vorangegangenen Ermittlungen davon aus, dass die beiden Angeschuldigten den Verkauf der Impfzertifikate gewerbsmäßig durchgeführt haben. Motiv für die Taten soll gewesen sein, dass der hohe Lebensstandard der Angeschuldigten mit ihren legalen Einkünften dauerhaft nicht finanzierbar war. Beide nahmen die Ermittler Ende Oktober 2021 fest. Seither sitzen sie in Untersuchungshaft.

Der Münchner Rechtsanwalt Bernd Schaudinn, der als Verteidiger der Angeklagten fungiert, widerspricht dem Motiv allerdings. Er räumt vielmehr gegenüber Focus online ein: „Meine Mandantin hat aus den Verkaufserlösen keinen Cent erhalten. Sie wollte das nicht“. Nicht das Geld sei bei ihr im Vordergrund gestanden, sondern „eine Liebesbeziehung zu dem Mitangeklagten“. Ein diesbezügliches Sachverständigen-Gutachten soll dies bescheinigen. Bernd Schaudinn führt weiter: „Meine Mandantin hat bereits im Ermittlungsverfahren ein Geständnis abgelegt und wird das auch während der Hauptverhandlung tun. Sie hat ihren Job und damit ihre Existenz verloren. Sie bereut die Taten zutiefst und kann sich nicht erklären, wie sie da hineingeraten konnte“.

Dennis Eric S. halte sich im Gegensatz dazu bedeckt. Pflichtverteidiger Martin Scharr aus München bestätigte gegenüber FOCUS online „Er hat noch keine Angaben gemacht“. Zudem wolle er auch vor Prozessbeginn keine Angaben machen.

Im Laufe der Ermittlungen kamen neben den illegalen Impfzertifikaten noch andere Delikte ans Tageslicht. Zudem müssen sich die beiden Tatverdächtigen noch für einen gemeinsam begangenen versuchten Betrug verantworten. Das Duo habe versucht, beim Kauf eines Porsche Modell 718 Cayman zu betrügen. Sie wollten den zunächst geleasten Wagen für 51.000 Euro kaufen. Zum Erhalt einer Finanzierung soll Dennis Eric S. frisierte Lohnabrechnungen mit höheren Gehältern eingereicht haben. Auch hätte er zahlreiche weitere Dokumente gefälscht, wie Zeugnisse der IHK und einer Berufsschule.

Polizei verfolgte Käufer der falschen COVID-19 Zertifikate

Ein Teil der Abnehmer der COVID-19 Zertifikate konnte die Polizei aufgrund umfangreicher Ermittlungen identifizieren. Gegen sie wurden bzw. werden gesonderte Ermittlungsverfahren eingeleitet. 

Focus online wies darauf hin, dass für den Prozess zunächst sechs Verhandlungstage angesetzt sind.

“Im Fall einer Verurteilung drohen den beiden, die sich laut Generalstaatsanwaltschaft auch privat kannten, mehrjährige Haftstrafen. Außerdem ordnete die Behörde die Einziehung der Tatbeute an und beantragte ein Berufsverbot für die Apotheken-Mitarbeiterin Draga P. Ein solches Verbot kann für die Dauer von einem Jahr bis zu fünf Jahren verhängt werden, in gravierenden Fällen sogar für immer”.

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Kategorie: Dark Commerce, Rechtssachen

Über

Antonia ist bereits seit Januar 2016 Autorin bei der Tarnkappe. Eingestiegen ist sie zunächst mit Buch-Rezensionen. Inzwischen schreibt sie bevorzugt über juristische Themen, wie P2P-Fälle, sie greift aber auch andere Netzthemen, wie Cybercrime, auf. Ihre Interessen beziehen sich hauptsächlich auf Literatur.