Tuta Drive startet als verschlüsselter Cloudspeicher. Dahinter steckt PQDrive, ein staatlich gefördertes Forschungsprojekt der Uni Wuppertal.
Tuta Drive startet als verschlüsselter Cloudspeicher in die geschlossene Beta. Hinter dem Dienst steckt PQDrive, ein staatlich gefördertes Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Bergischen Universität Wuppertal. Tuta will damit Google Drive, Dropbox und iCloud etwas entgegensetzen. Ein Dienst, post-quanten-sicher, Ende-zu-Ende-verschlüsselt und ohne Auswertung der Inhalte. Offen bleibt, ob daraus ein echter Gegenentwurf wird oder nur ein sicherer Speicher in Tutas eigener App-Welt.
Tuta Drive mit Mail, Kalender, Dateien
Die Tutao GmbH (Tuta nannte sich früher Tutanota) hat seinen neuen Cloudspeicher in eine geschlossene Beta geschickt. Ein paar ausgewählte Nutzer können nun bei Tuta Drive Dateien hochladen, organisieren, sichern und über ihre Geräte hinweg synchronisieren. Zum Start steckt Drive im Tuta-Mail-Webclient. Später sollen Apps für Android und iOS sowie Desktop-Clients für Linux, Windows und macOS folgen.
Damit ergänzt Tuta sein bisheriges Angebot um den bislang fehlenden Speicherbereich. Mail und Kalender waren bereits da. Dateien, Backups, Dokumente und Bilder lagen bisher außerhalb dieses Modells. Wer seine Kommunikation verschlüsselt bei Tuta verwaltet, dürfte früher oder später auch den restlichen Datenbestand dort ablegen wollen.
Alternativen gibt es längst. Proton Drive, Tresorit, Filen oder eine selbst betriebene Nextcloud decken diesen Bedarf schon länger ab.
PQDrive und staatliche Förderung
Tuta Drive geht auf PQDrive zurück. Der Name des Projekts lautet ausgeschrieben „Entwicklung eines postquantensicheren Online-Speichers“. Beteiligt sind Tuta beziehungsweise die Tutao GmbH und die Bergische Universität Wuppertal. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Projekt im Rahmen von KMU-innovativ.
Die Universität Wuppertal nennt für PQDrive ein Gesamtvolumen von 3,19 Millionen Euro, wovon knapp 640.000 Euro an die Universität Wuppertal gehen. Das Unternehmen Tuta spricht selbst von insgesamt 1,5 Millionen Euro Förderung durch den deutschen Staat. Öffentliche Gelder fließen somit in die Forschung, aus der ein kommerzieller Cloudspeicher entstehen soll.
Deutschland redet gerne über digitale Souveränität, eine eigene Infrastruktur und weniger Abhängigkeit von US-Plattformen. Meist bleibt es jedoch bei Ideen, Papieren, Förderprogrammen und Panels. PQDrive soll daraus ein nutzbares und sicheres Produkt machen.
Die Bergische Universität Wuppertal ist bei PQDrive nicht nur mit ihrem akademischen Namen vertreten. Der von Prof. Dr.-Ing. Tibor Jager geleitete Lehrstuhl für IT-Security and Cryptography arbeitet an kryptografischen Verfahren und einer ressourcenschonenden Speicherung verschlüsselter Daten. Dieser Punkt ist bei verschlüsseltem Cloudspeicher von entscheidender Bedeutung.
Bequemlichkeit trotz Datenschutz
Google, Dropbox und Microsoft können serverseitig viel optimieren. Sie können Metadaten auswerten, Vorschauen erzeugen, Suchfunktionen anbieten, Speicherplatz sparen und neue Funktionen auf bereits vorhandene Datenbestände ihrer Kundinnen und Kunden setzen. Bei der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung fällt ein großer Teil davon weg, da der Anbieter die Inhalte nicht kennen soll.
Tuta muss also einen Cloudspeicher entwickeln, der im Alltag normal funktioniert, obwohl der Anbieter die Inhalte nicht einsehen kann. Die Synchronisierung, Freigaben, Suche, Wiederherstellung und Speicherverwaltung muss der Anbieter trotzdem sauber und effizient lösen.
Tuta bewirbt Drive als einen quantenresistenten Cloudspeicher. Damit sind jedoch nicht private Urlaubsbilder gemeint, die morgen von einem Quantencomputer entschlüsselt werden könnten. Es geht um wichtige Daten, die lange vertraulich bleiben müssen.
Daten können heute abgegriffen, gespeichert und später entschlüsselt werden, sofern die Technik dafür ausreicht. Bei Wegwerfdateien ist das weniger wichtig. Für Behörden, Kanzleien, Unternehmen, Gesundheitsdaten, Forschung, Journalismus oder personenbezogene Archive ist das jedoch nicht egal. Manche Daten bleiben auch nach zehn oder zwanzig Jahren sensibel.
Tuta setzt deshalb auf einen hybriden Ansatz. Die klassische Kryptografie bleibt im System, während postquantenresistente Verfahren hinzugefügt werden. Ein kompletter Wechsel auf neue Verfahren wäre riskant, da diese sich erst über Jahre hinweg beweisen müssen.
Google Drive nicht kopieren, sondern verbessern
Tuta Drive soll keine weitere Ablage für Dateien sein, davon gibt es bereits genug. Der Dienst zielt auf das Modell ab, mit dem Google Drive, Dropbox, iCloud, Internxt & Co. seit Jahren arbeiten.
Diese Dienste stehen für eine Cloud, in der der Anbieter die Online-Plattform kontrolliert, Datenflüsse lenkt und neue Funktionen auf den vorhandenen Bestand setzt. Suche, Vorschau, Freigaben, Automatisierung, KI-Assistenten. Vieles davon ist bequem. Allerdings setzt dies voraus, dass der Anbieter tief im System sitzt.
Tuta will Drive dagegen als Speicherplatz bereitstellen, bei dem der Anbieter möglichst wenig wissen soll. Standardmäßig gibt es eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, einen Zero-Knowledge-Ansatz, kein Tracking, keine Werbung, keine KI-Auswertung der Dateien und das Hosting in Deutschland. Auf der Produktseite schreibt Tuta, dass Dateien nicht gescannt, analysiert oder monetarisiert werden.
Tuta Drive soll nicht Google Drive nachbauen, sondern dessen Geschäftslogik verweigern. Ob daraus ein brauchbarer Ersatz wird, hängt jedoch nicht nur von der Kryptografie ab.
Die Client-Frage bleibt offen
Tuta Drive startet nicht als offener Speicherbaustein, sondern als Funktion innerhalb der Tuta-Welt. Wer Tuta Drive nutzen will, muss folglich Tutas Clients verwenden. Für viele Nutzer wird das reichen. Für einen echten Gegenentwurf zu Google Drive und Dropbox ist es jedoch nicht genug.
Ein offener Cloudspeicher müsste sich sauber in bestehende Arbeitsabläufe einfügen. Er müsste WebDAV, offene Sync-Schnittstellen, Linux-Dateimanager, Backup-Tools, Automatisierung und dokumentierte APIs unterstützen sowie Drittanbieter-Clients ermöglichen. Dazu sagt Tuta leider bisher wenig. In der Roadmap wird Drive vor allem als Upload- und Organisationsfunktion innerhalb des Tuta-Kontos beschrieben. Damit würde eine freie Nutzung über eine Programmierschnittstelle (API) wegfallen.
Anbieter wie Jottacloud präsentieren die andere Seite europäischer Cloud-Angebote. Hier stehen Standort, Datenschutzrecht und Infrastruktur im Vordergrund. Die Daten liegen in Norwegen und unterliegen somit dem norwegischen beziehungsweise europäischen Datenschutzrecht. Hinzu kommen eine eigene Infrastruktur, Verschlüsselung auf Serverseite und ein Data Processing Agreement. Tutas Ansatz ist ein anderer, wirkt im Alltag aber weniger exotisch: Apps, Backup, Sync und Zugriff von mehreren Geräten.
Der Nachteil bei Tuta liegt an anderer Stelle. Der Dienst kann kryptografisch stärker sein und trotzdem enger und weniger flexibel wirken, wenn alles über Tutas eigene Clients läuft. Das wäre wahrscheinlich sicherer als Big Tech. Ein wirklich offener Cloudspeicher wäre es dadurch aber noch lange nicht.
Fördergelder von Tuta Drive erhöhen den Anspruch
Ende-zu-Ende-Verschlüsselung macht offene Schnittstellen komplizierter. Die Schlüsselverwaltung, Freigaben, die Versionierung, Wiederherstellung und Metadaten müssen sauber gelöst werden. Das erklärt den vorsichtigen Start, räumt den legitimen Einwand aber nicht aus dem Weg.
Gerade bei einem staatlich geförderten Projekt zählt, was außerhalb von Tutas Produktwelt übrigbleibt. Gibt es Spezifikationen? Werden Erkenntnisse veröffentlicht? Helfen Teile der Forschung auch anderen Projekten? Oder landet PQDrive vor allem in einem Dienst, der Tutas eigenes Ökosystem attraktiver macht?
Öffentliche Förderung sollte mehr leisten, als einem Unternehmen beim nächsten Produkt zu helfen. Sie sollte Wissen, Standards und Infrastruktur stärken. Bei Tuta Drive bleibt jedoch offen, wie viel davon am Ende bei der Allgemeinheit ankommt.
Für viele reicht ein sauberer Cloudspeicher
Nicht jeder möchte eine Nextcloud pflegen oder nach Synchronisationsfehlern suchen. Die meisten, mich eingeschlossen, wollen ihre Dateien einfach ablegen, öffnen, teilen und wiederfinden. Wenn Tuta Drive das zuverlässig schafft, hat der Dienst bereits einen praktischen Nutzen.
Wichtig sind die einfachen Dinge
Wichtig ist eine stabile Synchronisierung, die Möglichkeit, große Dateien zu speichern, brauchbare Freigaben, die Wiederherstellung und mobile Backups. Die Verschlüsselung alleine reicht nicht aus, wenn der Dienst im Alltag zu umständlich bleibt. Für Otto-Normalverbraucher wäre ein Cloudspeicher, der sauber funktioniert und ohne Werbung, Tracking und Inhaltsauswertung auskommt, ein deutlicher Unterschied zu den großen Plattformen.
Die technische Zielgruppe wird natürlich genauer hinsehen. Wird Tuta Drive ein offener Baustein für verschlüsselten Cloudspeicher sein? Oder bleibt es ein sicherer Speicher, der aber im Tuta-Konto hängen bleibt? Beides kann nützlich sein, ist aber nicht dasselbe.
Tuta Drive bringt einen starken Hintergrund mit
Die staatliche Förderung, die Universität Wuppertal, Post-Quantum-Kryptografie und ein klarer Gegenentwurf zu Google Drive, Dropbox und iCloud. Das reicht aus, um Aufmerksamkeit zu erregen. Es reicht jedoch nicht aus, wenn der Dienst später nur in der eigenen Oberfläche sauber funktionieren sollte.
Entscheidend sind Dinge wie die Synchronisierung, Freigaben, große Dateien, Versionierung, Wiederherstellung und brauchbare Clients. Genau daran scheitern einfach zu viele Privacy-Dienste. Auf dem Papier sind sie toll und ihre Angebote klingen gut. Im Alltag sind sie dann jedoch eingeschränkter, langsamer und unbequemer als die Online-Dienste, die sie ersetzen wollen.
Wenn öffentliche Förderung und universitäre Forschung in ein Produkt fließen, sollte am Ende mehr entstehen als ein weiter Baustein in einem besser geschützten und umfangreicheren Anbieter-Kosmos. Wenn Tuta Drive auf Tutas eigene Clients beschränkt bleibt, ist der Dienst vielleicht sicherer als Big Tech. Ein offener Gegenentwurf ist er dann aber nicht. Ob dafür eine Finanzierung mit staatlichen Steuergeldern gerechtfertigt war, steht auf einem anderen Blatt.
Die Frage ist deshalb schlicht, wird PQDrive mehr als ein weiteres Feature für Tutas eigene Produktwelt sein? Oder entsteht am Ende nur ein geschlossener Speicher mit besserer Kryptografie?





















