I see you, Kameraüberwachung
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Bildquelle: Alexey Sabulevskiy, Lizenz

SignalTrace: Kennzeichenscanner können auch Smartphones, AirPods, Smartwatches, Mikrochips etc. erfassen

Die Geräte der Marke SignalTrace von Leonardo können viel mehr, als die Kennzeichen von Autos erfassen. Es geht um Handys, Kopfhörer & mehr!

Automatische Kennzeichenerfassungssysteme (ALPR) gehören in den USA längst zum Alltag vieler Polizeibehörden. Sie dokumentieren vorbeifahrende Fahrzeuge, speichern Nummernschilder und erstellen Bewegungsprofile. Doch eine neue Technologie des Rüstungs- und Überwachungskonzerns Leonardo könnte diese Form der Überwachung auf eine neue Stufe heben. Das System namens „SignalTrace“ soll künftig nicht nur Fahrzeuge identifizieren, sondern auch die elektronischen Geräte ihrer Insassen. Der Name der Geräte ist Programm. Denn die neue ALPR-Technik verknüpft die Kennzeichen des Fahrzeugs mit den Smartphones, AirPods und Smartwatches der Insassen.

Laut einem Produktdatenblatt verknüpft SignalTrace Kennzeichendaten mit eindeutigen Kennungen von Mobiltelefonen, Bluetooth-Kopfhörern, Fitness-Trackern, Smartwatches und weiteren elektronischen Geräten. Daraus entsteht ein digitaler Fingerabdruck, der Personen und Fahrzeuge dauerhaft miteinander verbinden soll.

Elektronischer Fingerabdruck statt Nummernschild

Über die neuartige Technologie berichtete das Portal 404 Media hinter ihrer Paywall. Die Funktionsweise erscheint ebenso simpel wie beunruhigend. Registriert eine Kamera ein Fahrzeug, erfasst ein zusätzlicher Sensor gleichzeitig Bluetooth-, WLAN- und andere Funksignale aus dessen Umgebung. Dazu zählen laut der Firma Leonardo unter anderem Smartphones, AirPods, Smartwatches, Reifendrucksensoren, Infotainmentsysteme, Fahrzeug-Hotspots, Laptops sowie sogar RFID-Chips in Zugangskarten oder Haustier-Mikrochips. Also alles was irgendwie funkt, zeichnet SignalTrace auf. Das Unternehmen kommt übrigens nicht aus den USA, wie man vielleicht vermuten könnte. Nein, der Hauptsitz befindet sich in Rom. Mit rund 30 Prozent hält der italienische Staat über das Wirtschafts- und Finanzministerium die Mehrheit der Aktien dieses Unternehmens.

Bewegen sich bestimmte Geräte regelmäßig gemeinsam mit einem Fahrzeug, erstellt die Software daraus eine Zuordnung. Selbst wenn ein Verdächtiger sein Kennzeichen austauscht oder entfernt, könnten Ermittler ihn künftig anhand seiner elektronischen Begleiter identifizieren. Genau mit diesem Szenario wirbt Leonardo in seinen Unterlagen. Den Prospekt hat 404 Media hier extern veröffentlicht.

SignalTrace
Diese Geräte kann SignalTrace erfassen.

Besonders kritisch: Die gesammelten Gerätekennungen sollen dauerhaft gespeichert und für spätere Ermittlungen durchsuchbar bleiben. Das System legt damit offenbar umfangreiche Datenbanken über Bewegungen und soziale Zusammenhänge an.

Leonardo verschiebt den Fokus vom Fahrzeug zur Person

Bislang standen ALPR-Systeme primär für die Überwachung von Fahrzeugen in der Kritik. SignalTrace verschiebt den Fokus nun deutlich in Richtung Personenüberwachung. Während man ein Kennzeichen theoretisch wechseln kann, begleiten viele elektronische Geräte ihre Besitzer oft über Jahre hinweg.

SignalTrace
© Broschüre von Leonardo

Wer regelmäßig dieselben Bluetooth-Kopfhörer, dieselbe Smartwatch oder dasselbe Smartphone nutzt, hinterlässt dadurch eine Art digitale Signatur. In Kombination mit Standortdaten entsteht ein äußerst detailliertes und exaktes Bewegungsprofil. Das betrifft nicht nur ein paar Verdächtige, sondern zwangsläufig auch Millionen unbescholtener Bürger.

Datenschützer dürften insbesondere die Verknüpfung unterschiedlicher Datenquellen kritisch sehen. Aus den erfassten Informationen kann man nicht nur einzelne Aufenthaltsorte ableiten. Werden mehrere Geräte regelmäßig gemeinsam erkannt, lassen sich auch Beziehungen zwischen Personen rekonstruieren. Damit entsteht ein Überwachungsinstrument, das weit über die klassische Kennzeichenerfassung und die Erstellung von Bewegungsmustern hinausgeht.

SignalTrace: Alte Debatte, neue Dimension

Der Vorstoß erinnert an frühere Pläne anderer Anbieter. Bereits das Unternehmen Flock Safety hatte mit seinem System „Nova“ versucht, Kennzeichendaten mit weiteren personenbezogenen Informationen zu verknüpfen. Damals wurde bekannt, dass sogar Daten aus früheren Datenlecks als mögliche Quelle diskutiert wurden. Nach öffentlicher Kritik und internem Widerstand nahm Flock davon Abstand.

SignalTrace verfolgt nun einen anderen Ansatz: Statt Daten aus Datenbanken zusammenzuführen, will man die Informationen direkt vor Ort einsammeln. Das Ergebnis bleibt ähnlich – die Identifizierung konkreter Personen anhand technischer Merkmale.

Datenschützer schlagen Alarm

Aus europäischer Sicht wirft das System erhebliche Fragen auf. Die Erfassung von Bluetooth- und WLAN-Kennungen kann personenbezogene Daten betreffen, sobald eine Zuordnung zu einzelnen Personen möglich wird. Genau diese Zuordnung ist jedoch das erklärte Ziel von SignalTrace.

Hinzu kommt die massenhafte Erfassung völlig unbeteiligter Personen. Jedes Haustier, jeder Autofahrer, Beifahrer oder Passant mit aktivierten Funkmodulen könnte in den Datenbestand geraten, ohne jemals straffällig geworden zu sein. Die Technologie folgt damit dem bekannten Prinzip vieler moderner Überwachungssysteme: Zunächst erfasst man so viele Daten wie irgend möglich, anschließend sucht man im Bedarfsfall nach Verdächtigen.

Dystopische Cartoon-Illustration mit Überwachungskameras in einer Stadt, die Menschen und Fahrzeuge erfassen – Sinnbild für Flock Safety und massenhafte Datenerfassung.
Willkommen in der Welt der Echtzeit-Überwachung, die wirklich alles erfassen kann.

Das ELSAG Enterprise Operations Center (EOC) ist die zentrale Verwaltungs-, Analyse- und Speicherplattform für Leonardos Kennzeichenerfassungssysteme (ALPR). Der Hersteller beschreibt das EOC selbst als das „Gehirn“ seiner ELSAG-Plate-Hunter-Systeme. Alle von mobilen und stationären Kennzeichenkameras erfassten Daten laufen dort zusammen.

Die eigentliche Brisanz liegt aber weniger in den Sensoren begründet, als in der zentralen Speicherung. Die gesammelten Bluetooth-, WLAN- und RFID-Kennungen sollen im Enterprise Operations Center (EOC) von Leonardo dauerhaft archiviert werden. Dort verknüpft man sie mit den Kennzeichen und Standortdaten. Dadurch entsteht eine Datenbank, die man auch nach diversen Merkmalen durchsuchen kann.

Ob und wann SignalTrace tatsächlich flächendeckend eingesetzt wird, ist derzeit noch offen. Doch die Technologie ist marktreif. Auf der US-Website preist man das neue Produkt schon an. Die Grenze zwischen Fahrzeugüberwachung und Personenüberwachung droht weiter zu verschwimmen. Wer sein Smartphone, seine Smartwatch oder seine AirPods bei sich trägt, könnte künftig ebenso verfolgt werden wie sein Auto.

Einführung von SignalTrace innerhalb der EU fraglich

Nach derzeitigem EU-Recht und insbesondere unter der DSGVO sowie dem europäischen KI-Rechtsrahmen würde SignalTrace wahrscheinlich auf erhebliche rechtliche Hürden stoßen. Das Gerät müsste den Grundsätzen der Zweckbindung, Datenminimierung und Erforderlichkeit gerecht werden.

Da es aber mit den ganzen Funksignalen personenbezogene Daten erfasst und dies ausnahmslos bei allen Fahrzeugen tut, dürfte die Markteinführung innerhalb der EU schwer bis unmöglich sein. Auch die Erstellung und dauerhafte Speicherung von Bewegungsprofilen widerspricht den Grundsätzen der DSGVO. Deswegen werden die Geräte momentan innerhalb der USA für den dortigen Markt hergestellt.

Lars Sobiraj

Über

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Früher brachte Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert. In seiner Freizeit geht er am liebsten mit seinem Hund spazieren.