Streaming auf dem Sofa
Streaming auf dem Sofa
Bildquelle: Frank Rietsch, Lizenz

Streaming-Nutzer: Laut Studie wird jeder Fünfte im Graubereich abgezockt

Eine von einer Antipiracy-Organisation durchgeführten Studie kam zu dem Ergebnis, dass im UK immer mehr Streaming-Nutzer abgezockt werden.

Laut einer aktuellen Studie von BeStreamWise wurde in den letzten 12 Monaten jeder fünfte illegale Streaming-Nutzer um sein Geld gebracht. Die Gefahren der Besucher rechtswidriger Angebote reichen dabei von Online-Betrug über Identitätsdiebstahl, der Verseuchung ihrer Geräte mit Malware und andere Formen der Cyberkriminalität. Das Problem dabei ist aber, BeStreamWise ist keine unabhängige Verbraucherschutzorganisation. Es ist eine von Rechteinhabern finanzierte Anti-Piraterie-Initiative. Mehrere britische Polizeibehörden gründeten sie 2023 in Zusammenarbeit mit den Medienunternehmen ITV, der Premier League, DAZN, Virgin Media, Universal, Sky und anderen Verbänden, Rechteinhabern und Sendern.

90% der illegalen Webseiten gefährlich?

Die britische Presse warnt, wer gerne umsonst Premium-Inhalte konsumiert, sollte sich über die wachsenden Gefahren im Klaren sein, die davon ausgehen. Schon im Jahr 2022 warnte eine Umfrage der Organisation WebRoot mit der Unterstützung britischer Polizeibehörden vor Banking Trojanern, Phishing, Spyware, Krypto-Abzocke und vor jugendfreien Inhalten, die man auf den illegalen Webseiten zu Gesicht bekommt. Schon damals stufte man rund 90 Prozent aller illegalen Webseiten als „gefährlich“ ein. Anbieter der Studie war einst das Cybersicherheitsunternehmen Webroot, was allerdings vom Vertrieb der eigenen Antivirensoftware für Firmen und Privathaushalte lebt. Von daher war die Veröffentlichung auch ein Stück weit Werbung in eigener Sache. Doch andere Studien kamen in der Vergangenheit zu ganz ähnlichen Ergebnissen.

Streaming-Nutzer
Bildquelle: die Polizeibehörde FACT, thx!

Streaming-Nutzer verloren fast 2.000 Euro pro Person

Die neue Umfrage, die mehrere britische Medien wie eine Sau durchs Dorf treiben, berichtet davon, dass die Opfer im Durchschnitt 1.680 Pfund Sterling verloren haben. Das sind umgerechnet 1.960,82 Euro. Man zitiert die Aussage einer Streamerin, die Unbekannte um 80 Pfund erleichtert haben. Sie glaubte, sie würde das Geld für den Konsum eines aktuellen Kinofilms bezahlen, stattdessen hatte man sie betrogen.

Die (illegale) Website wirkte überzeugend. Daher hatte ich keinen Verdacht, dass etwas nicht stimmte, bis sie immer wieder versuchten, weitere Beträge von meinem Konto abzubuchen. Meine Bank half mir, die Transaktionen zu stoppen, aber ich musste meine Karte trotzdem sperren lassen. Außerdem hatte ich persönliche Daten preisgegeben und wurde danach mit endlosem Spam bombardiert.“ Unter anderem gelang es den Cyberkriminellen auch ihr Facebook-Konto zu hacken. Publikumswirksam gab sie zu Protokoll, sie glaube rückblickend, das Risiko würde sich schlichtweg nicht lohnen beim Versuch, im Graubereich des Internets ein bisschen Geld zu sparen.

BeStreamWise, Studie
BeStreamWise

Streaming-Portale benötigen keine Daten

Fakt ist, dass illegal verfügbare Apps oder Webseiten keinen Sicherheitsprüfungen unterliegen, die staatliche Behörden den regulären Anbietern unterziehen. Von daher ist das Risiko, im Graubereich auf Malware zu stoßen oder betrogen zu werden, ungleich höher. Wer bei kostenlosen Angeboten irgendwelche Daten eingeben soll, dem kann man nur raten, die Webseite sofort zu verlassen. Kostenlose Online-Dienste benötigen grundsätzlich keine Daten, um zu funktionieren. Das ist natürlich auch bei illegalen Webseiten der Fall.

Scam, Warnung
Streaming-Nutzer müssen sich vor Online-Abzocke in Acht nehmen.

Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing

Ein fünftel Abzocke in einem Jahr bezogen auf den britischen Markt. Ja, das klingt auf den ersten Blick wirklich viel. Machen wir uns nichts vor: Im Web gibt es viel Abzocke, teils Malware und vor allem jede Menge unerträgliche Werbung, dessen Inhalt man vielfach nicht gerade als jugendfrei bezeichnen kann. Zudem muss man bei den illegalen Portalen auch viele Banner für Online-Casinos, Sportwetten, Krypto-Scam und das hochgradig Cloud-Mining über sich ergehen lassen. Bei den letzten beiden Vertretern geht es ausschließlich darum, an das Geld Dritter zu kommen. Der hohe Anteil der jugendfreien, nervigen als auch betrügerischen Werbung liegt darin begründet, weil die Betreiber legaler Seiten für derartige Angebote niemals Online-Werbung schalten würden. Als Streaming-Nutzer muss man echt vorsichtig sein, auch in Deutschland ist das nicht anders.

Mit welcher Motivation veröffentlicht BeStreamWise die Studien?

Doch bei dem auffälligen Resultat der Umfrage muss die Frage nach dem Ursprung der Statistik und der Motivation gestattet sein. Die ständig widerkehrende Warnung vor den bösen Buben aus dem Graubereich ist mit das einzige Argument der Rechteinhaber, um dem Ruf der ungeliebten Konkurrenz zu schaden. Dabei wäre das beste Argument doch, dass man künftig annehmbare Preise für Live-Fußball und andere Premium-Inhalte verlangt. Stattdessen versucht man mit Kampagnen und Umfragen den Konsumenten systematisch Angst einzujagen.

Von dieser Fragestellung hört man in den englischen Medien leider nichts. Weder bei den seriösen Blättern, noch bei der Boulevard-Presse wie dem Daily Express, der die Werbekampagne (Eine Studie ist es ja eigentlich gar nicht, oder?) von BeStreamWise gar nicht erst versucht hat zu hinterfragen. Die haben auch nicht berichtet, dass der Anteil der in Großbritannien abgezockten Nutzer von 40% in 2025 auf 39% zum Jahresanfang und nun aktuell auf rund 20 Prozent gesunken ist. Die Tendenz geht in die richtige Richtung. Andererseits ist jedes einzelne Opfer schon eines zu viel, auch daran besteht kein Zweifel!

Lars Sobiraj

Über

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Früher brachte Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert. In seiner Freizeit geht er am liebsten mit seinem Hund spazieren.