Rezension: E-Book-Piraterie im deutsch- und englischsprachigen Raum

Article by · 19. November 2017 ·

Sachbücher über E-Book-Piraterie sind die absolute Ausnahme. Von daher ist es wenig überraschend, dass Autorin Melina Tsiamos ihr Sachbuch beim weniger bekannten Wiener Verlag danzig & unfried veröffentlicht hat. Wir haben uns den Titel aus dem Jahr 2014 näher angeschaut. Lohnt sich der Kauf?

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels beobachtet die deutschen Verkaufszahlen für E-Books und bringt vierteljährlich einen neuen Quartalsbericht heraus. Das Ergebnis ihrer Beobachtungen ist immer wieder ernüchternd. Im Vergleich zum gedruckten Buch dümpelt der Markt für digitale Werke seit jeher vor sich hin. Obwohl beinahe jeder Deutsche ein tragbares Gerät in Form eines Smartphones mit sich herumträgt, mit dem man E-Books lesen könnte, will der Durchbruch einfach nicht gelingen.

Melina Tsiamos hat einige Faktoren für den fehlenden Erfolg von E-Books in ihrem Buch „E-Book-Piraterie im deutsch- und englischsprachigen Raum“ zusammengetragen. So mangelt es beispielsweise an der Verfügbarkeit digitaler Werke. Es wurden viele ältere Bücher nicht nachträglich als E-Book veröffentlicht, sie gibt es nur als gedrucktes Werk.

E-Books: der Preis ist heiß?

Zwar gibt es hierzulande ausreichend viele Online-Shops. Tsiamos beklagt allerdings deren mangelnde Usability. Wenn der Kaufvorgang zu kompliziert ist, springen viele potenzielle Konsumenten ab, statt diesen abzuschließen. Ein springender Punkt ist auch die Preisgestaltung. Während der Wettkampf der Anbieter in den USA den Preis gedrückt hat, wurde dieser hierzulande künstlich hoch gehalten. Für manche Verleger und Autoren mag dies von Vorteil sein, für die Käufer nicht.

Auch der Wegfall des Kostenapparates für Transport, Druck und Lagerung wirkt sich nicht sonderlich stark auf die Preisgestaltung für E-Books aus. Während beispielsweise das Paperback des Verkaufsschlagers „Darker“, der Fortsetzung von „Fifty Stades of Grey“, ab dem 8.12. für knapp 15 Euro angeboten wird, soll das E-Book fast 13 und das Hörbuch beinahe 16 Euro kosten. Und das ist keine Ausnahme, E-Books kosten im Schnitt drei Viertel des Preises der gedruckten Ware. Diese Preisgestaltung kann und will kaum jemand mitmachen.

Denn dazu kommen weitere Hürden, die die Verlage aufgestellt haben. Laut der Allgemeinen Geschäftsbedingungen der meisten Online-Shops dürfen E-Books weder gebraucht verkauft, kommerziell genutzt oder gefahrlos verliehen werden. Sollte meine Kopie, die für ein Familienmitglied oder Freund angefertigt wurde, bei einer P2P-Tauschbörse landen, kann ich aufgrund des digitalen Wasserzeichens für die illegale Verbreitung zivil- und strafrechtlich in Haftung genommen werden. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen hat zwar versucht, juristisch gegen derartige Klauseln vorzugehen. Er ist dabei allerdings komplett gescheitert. Andere Online-Händler, wie Amazon, benutzen einen derart harten Kopierschutz, damit Laien überhaupt keine Chance haben, physisch an die gekaufte Datei zu gelangen. Zwar kaufe ich das Recht, auf einem der Kindle-Reader das Buch lesen zu dürfen. Viel mehr kann und darf ich aber als Käufer nicht tun. Leider schlägt sich das nicht mindernd auf den Verkaufspreis aus, wohl aber auf die Umsatzzahlen.

Und so warten die elektronischen Bücher in Deutschland noch immer auf ihren Durchbruch. An guten E-Book-Readern, Tablet-PCs oder Smartphones, mit denen die Werke komfortabel konsumiert werden könnten, mangelt es nicht. Doch die Hardware hat den Umsatz der E-Books nie wirklich ankurbeln können. Kein Wunder also, wenn Hersteller, wie Sony, ihre Sparte für E-Book-Reader schon wieder eingestellt haben. Die PRS-Modelle kann man zwar nach wie vor gebraucht kaufen, neue Reader von Sony wird es für den Heimgebrauch aber keine mehr geben. Und das, obwohl das japanische Unternehmen in Deutschland in Sachen E-Book-Reader eine Vorreiterrolle eingenommen hatte.

Guter Überblick fürs Geld

€ 27,90 für das Paperback sind absolut marktüblich, aber trotzdem eine Menge Geld für das vergleichsweise dünne Buch. Melina Tsiamos fasst dennoch auf 119 Seiten (die ganzen Anhänge abgerechnet) viel Wissenswertes zum Thema Buchpiraterie zusammen. Sie vergleicht die Urheberrechtsproblematik der Verlage häufig mit der der Musikwirtschaft und den Filmstudios. Auch Vergleiche mit ausländischen Märkten, wo vieles anders läuft, fehlen nicht. Von daher erhält man für sein Geld einen guten Überblick. Melina Tsiamos hat im Vorfeld recht tief recherchiert, ihre Aussagen werden mit zahlreichen Verweisen zu weiterführender Literatur oder Links zu Artikeln belegt.

Fazit: Wer eine kritische und leicht verständliche Betrachtung sucht, wird hier gut bedient. Was fehlt, ist eine Analyse, wie die Angebote der Online-Piraten im Detail aufgestellt sind. In diesem Punkt unterscheidet Tsiamos lediglich zwischen P2P-Indexern und illegalen Anbietern, die ihre Besucher auf Sharehoster leiten, um dort den eigentlichen Download durchführen zu lassen. Da hätte man weit tiefer in die Materie eintauchen können und müssen. Wo bitte ist das Usenet, die Releaser-Szene, die ganzen Börsen, Schattenbiliotheken oder die LuLs, die das geistige Eigentum Dritter in bare Münze verwandelt haben!?

Eine Neuauflage dieses Sachbuches wäre sinnvoll, weil manche Fakten mittlerweile überholt sind. Doch wir dürfen nicht vergessen: E-Books fristen seit jeher ein Nischendasein. Somit ist fraglich, ob sich bei der wahrscheinlich eher geringen Nachfrage für den Verlag danzig & unfried die Überarbeitung der Inhalte und der Druck einer neuen Auflage rentieren würde. Es ist auf jeden Fall befriedigend zu sehen, dass man für den mangelnden Durchbruch der E-Books nicht alleine die bösen Piraten, sondern auch die Strategie der Verlage und ihres Dachverbandes verantwortlich macht. Wen wir neugierig machen konnten, weitere Infos zu diesem Buch sind hier verfügbar.

E-Book-Piraterie im deutsch und englischsprachigen Raum

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3 Comments

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    Andreas

    Hi Lars, eine interessante Diskussion. Ich persönlich ziehe gedruckte Bücher vor und muss Tom Recht geben, dass so etwas mit relativ einfachen Mitteln geht. Fairerweise muss ich sagen, dass es so viele Büche gibt, wo eBooks einfach besser sind. Die sind so schlecht, dass man dafür keinen Baum opfern sollte. Das Gehirn ist da wesentlich besser, da es sich regenerieren kann. Der menschliche Körper ist da verschleissfreier. Es soll ja immer noch Leute geben, die sehen fern. Kenne zwar keinen, aber die gibt es wohl.

    Wo Piraterie eine Rolle spielen dürfte, sind Fachbücher. Die sind teuer. Na zum Pricing der Bücher sage ich mal nichts – vermutlich finden da Würfel oder Runensteine eine Verwendung. Mit tun die Autoren leid, die verdienen nicht viel. Manchen würde ich raten, das Schreiben zu lassen bzw. die Leser für “Schmerzen” zu bezahlen. “Seelische Grausamkeit” wird wohl noch nicht bestraft. Die “grossen” Zeiten der Verlage dürften so langsam der Götterdämmerung entgegen gehen inkl. der sekundären Industrien, wie die Abmahn-Anwälte. Die Diskussion ist mehr wohl so eine Art “Letzter Seufzer” der Branche. Gedruckte Bücher sind o.k. Der Rest ist Schmonz. Leider. Ohne Geld keine (guten) Autoren, als Folge keine Bücher. Aber es gibt ja genug “Klassiker” auf dem Gebiet. Die sind meist gut! Jedenfalls die, die überlebt haben.

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    kekimus maximus

    27.90 für 119 Seiten ist doch beschiss xD Das ist doch viel teuer

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    Tom

    ” Andere Online-Händler, wie Amazon, benutzen einen derart harten Kopierschutz, damit Laien überhaupt keine Chance haben, physisch an die gekaufte Datei zu gelangen.”

    Unsinn mit der Sofware Kindle DRM Removal ist das kinderleicht.


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