Das Kampagnen-Netzwerk Avaaz im Interview (Repost)

Mit derzeit über 54 Millionen E-Mail-Adressen verfügt Avaaz über sehr viel Power, um politischen Druck auszuüben und Veränderungen hervorzurufen. Während den Unterzeichnern vermittelt wird, dass sie selbst über die Ausrichtung ihres Portals bestimmen, erhalten wir auf Nachfrage fast ausschließlich ausweichende Antworten, wer dieses machtvolle Instrument tatsächlich steuert.

Wer oder was ist Avaaz?

Avaaz war in den letzten Jahren sehr fleißig. Zum Zeitpunkt des Interviews umfasste die hauseigene Datenbank mit E-Mails „nur“ 21 Millionen Stück, jetzt ist es weit mehr als das Doppelte. Dabei wird man schneller zu einem Mitglied des Avaaz-Netzwerkes, als man denkt. Einmal für Greta Thunberg, die Erhaltung der Bienen oder gegen Monsanto-Patente oder bestimmte Pestizide abgestimmt, schon wird der Name und die E-Mail-Adresse für künftige Kampagnen hinterlegt. Die nächste Aufforderung zum Mitzeichnen einer neuen Kampagne kommt bestimmt.

Doch was bringt der elektronische Aktivismus überhaupt, zumal die teilnehemenden Couch-Potatoes nur einen einzigen Finger dafür rühren müssen? Wir fragen im Rahmen unserer vier Interviews, was Online-Petitionen dauerhaft bewirken, weil die Politiker die Unterschriftensammlungen zumindest der privaten Anbieter ignorieren können. Hier der Link zu unserem einführenden Leitartikel zum Thema E-Partizipation.


Der Kanadier Ricken Patel gründete im Jahr 2007 Avaaz. Über die Webseite werden seitdem auf globaler Ebene politische Kampagnen organisiert, die sich inhaltlich rund um die Themen Klimawandel, Menschenrechte, Tierschutz, Korruption, Armut und Konflikte drehen. Patel ist sehr gut vernetzt. Er war früher unter anderem Berater der Vereinten Nationen, der Rockefeller Foundation, Gates Foundation, der Harvard University und anderer Organisationen. Während sich die Unterschriftensammlungen der Vorgängerorganisationen MoveOn (USA) und 38 Degrees (Großbritannien) ausschließlich um landeseigene Angelegenheiten drehten, agiert Avaaz global. Das Kampagnen-Netzwerk richtet sich seit mehreren Jahren auch an das deutschsprachige Publikum.

Effektiver als die Vereinten Nationen?

Ein Impressum oder den Namen eines Ansprechpartners innerhalb von Europa sucht man vergebens. Nachrichten können lediglich über anonyme Kontaktformulare verschickt werden. Unsere englischsprachige Interviewanfrage blieb mehrere Wochen lang unbeantwortet, bis wir die Kontaktdaten des Berliner Mitarbeiters Christoph Schott ausfindig machen konnten. Schott arbeitete früher für die Züricher Kreativagentur Spinas Civil Voices, die bis dato Werbung für zahlreiche NGOs erstellt. Der ehemalige Deutschlandsprecher Julius van de Laar war im Wahlkampfteam von Barack Obama und im SPD-Wahlkampfteam der Kommunikationsagentur A&B Face2Net tätig. Heute berät van de Laar gemeinnützige Organisationen wie Amnesty International, WWF, Greenpeace und last, but not least, den Avaaz-Konkurrenten Change.org.

avaazPositive Aussagen über Avaaz werden auf der eigenen Webseite zuhauf angeboten. So wird beispielsweise die Süddeutsche Zeitung zitiiert, wonach dies eine grenzübergreifende Gemeinschaft sei, „die demokratischer, und möglicherweise effektiver“ arbeite, als die „Vereinten Nationen“. Wir konnten die Quelle nicht ausfindig machen und erkundigten uns bei Herrn Schott, woher dieses Zitat stammt. Auf unsere Nachfrage wurde uns zwischenzeitlich telefonisch mitgeteilt, es handle sich möglicherweise um eine Ungenauigkeit bei der Übersetzung eines englischsprachigen Artikels. Tatsächlich aber ist dies ein Leser-Beitrag des SZ-Blogs jetzt.de, welcher sogar auf Deutsch verfasst wurde. In der Printausgabe der Süddeutschen Zeitung wurde diese Aussage entgegen der Avaaz-Darstellung nie abgedruckt.

PR-Slogans statt Fakten

Auf manch unserer Fragen erhielten wir schön klingende Slogans, für die sich eine Werbeagentur verantwortlich zeichnen könnte. Zufriedenstellend waren nur die wenigsten Antworten, wenn es um problematische Aspekte ging. Man möchte nach außen den Eindruck vermitteln, die Organisation würde alleine durch den Willen ihrer Mitglieder gesteuert werden. Man lasse sich vom Meinungsbild seiner Teilnehmer steuern, das wie ein Segelboot vom Wind getrieben wird. Doch stimmt das wirklich?

Neue Kampagnen werden stichpunktartig an 10.000 Personen der Avaaz-eigenen Datenbank verschickt, um zu prüfen, wie diese ankommen. Doch dann bestimmen nicht die Befragten, sondern alleine die Mitarbeiter von Avaaz, was auf der Startseite erscheint und was nicht. Was dort nicht erscheint, ist chancenlos. Zwar wird jeder Besucher dazu aufgefordert, seine eigene Kampagne einzureichen. Doch wessen Unterschriftensammlung beim Kommittee durchfällt, der riskiert, dass seine Aktion verschimmelt und später mangels Beteiligung eingestellt wird. Dieses Schiff folgt nicht den Wünschen einer Schwarmintelligenz, es wird von Wenigen von Hand gesteuert. Als wir die Nachnamen der Entscheidungsträger für den deutschsprachigen Raum erfragen wollen, erhalten wir keine Auskunft. Transparenz sieht wohl anders aus.

Wie nachhaltig ist Slacktivism?

avaazAuf unsere Rückfragen per E-Mail erhalten wir häufiger die Bitte, man solle den Global Campaigner Schott telefonisch kontaktieren. Inwiefern dies bei der Beantwortung der Fragestellungen helfen soll, war uns nicht klar. Auch führte diese Form der Kommunikation zu erheblichen Verzögerungen. Bei anderen Netzwerken ging die Beantwortung innerhalb von 24 Stunden über die Bühne. Unsere erste Anfrage an Avaaz wurde am 24. Januar 2013 verschickt. Auf die Beantwortung der letzten Rückfragen warten wir bis heute.

Doch zurück zum Thema. Vielleicht ist Clicktivism eine Chance, politverdrossene Nutzer des Internets wieder ein wenig für brisante Themen zu sensibilisieren. Leider gibt es keine Kontrolle, was letztlich aus den Kampagnen geworden ist. Wurden die Unterschriften einem Entscheidungsträger übergeben? Oder liegen sie noch heute auf den Servern herum? Hat sich dadurch etwas verändert? Was fehlt, ist ein Watchdog, der die Aktivitäten der Kampagnen-Netzwerke nachhaltig verfolgt und prüft, was durch die Mausklicks vieler Tausender de facto erreicht wurde.

Wachsende Kritik

Im Web wurden innerhalb der letzten Jahre mehrere Warnungen herausgegeben. Deren Hauptkritikpunkt lautet, Avaaz verbessere die Welt nicht, die Kampagnen sollen vielmehr der eigenen Sammelleidenschaft in Bezug auf die Nutzerdaten dienen. Mit dem Schein der Online-Beteiligung will die Vereinigung sogar angeblich ihre Nutzer beruhigen. Kritiker behaupten, die Bürger bedienten lieber ihre Maus und blieben zu Hause, statt für ihre Belange wütend auf die Straße zu gehen. Doch stimmt das wirklich? Wir versuchen es nun herauszufinden.

Lars Sobiraj: Zunächst vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen. Worum handelt es sich beim Projekt Avaaz?

Christoph Schott: Avaaz ist ein globales Kampagnen-Netzwerk mit über 20 Millionen Mitgliedern aus jedem Land der Welt. (Stand 2013. Jetzt sind es über 50 Millionen). Die Mitglieder tragen täglich dazu bei, die einfache demokratische Mission der Organisation zu erfüllen: Die Lücke zwischen der Welt, die wir haben und der Welt, die sich die meisten Menschen überall wünschen, zu schließen.

Lars Sobiraj: Wann wurde es gegründet?

Christoph Schott: Avaaz wurde im Jahr 2007 gegründet. Seit der Gründung vor 12 Jahren ist es zur weltgrößten Kampagnen-Gemeinschaft herangewachsen, in der sich Mitglieder zusammen für Themen einsetzen, die ihnen am Herzen liegen und die sie gemeinsam verändern wollen.

Lars Sobiraj: Wer hat dem Projekt diesen Namen ausgesucht?

Christoph Schott: Avaaz bedeutet “Stimme” oder “Lied” auf vielen Sprachen, einschließlich Hindi, Persisch, Türkisch und Bosnisch. Der Namen wurde von Mitgründer und Executive Director, Ricken Patel, ausgewählt.

avaaz

Ganz wichtig: Spenden sammeln!

Niemand darf jährlich mehr als 5.000 EUR spenden

Lars Sobiraj: Wer sind die Menschen, die das Gründungskapital gaben?

Christoph Schott: Avaaz hat anfänglich mehrere kleine Zuschüsse von verschiedene Partnerorganisationen und gemeinnützigen Organisationen, wie zum Beispiel Res Publica, MoveOn, OSI und SEIU erhalten. Seit 2009 wird Avaaz ausschließlich von seinen Mitgliedern finanziert, wobei niemand mehr als 5.000 € spenden darf. Avaaz erhält keine Gelder von Regierungen oder Unternehmen und stellt somit sicher, dass die Stimme der Gemeinschaft ausschließlich die Wertvorstellungen seiner Mitglieder widerspiegelt.

Lars Sobiraj: Wer sind die Menschen, die bei Avaaz mitarbeiten?

Christoph Schott: Avaaz leistet Kampagnenarbeit in 16 Sprachen und besteht derzeit aus einem Kernteam von 70 Mitarbeitern aus aller Welt (Stand 2013). Entscheidend ist jedoch, dass Mitglieder aus jedem Land der Welt ihre Zeit in das Netzwerk investieren, indem sie Kampagnen vorschlagen, Petitionen unterzeichnen und an Freunde weiterleiten, an Veranstaltungen und Demonstrationen teilnehmen, Entscheidungsträgern E-Mails senden oder sie anrufen und ihre eigenen Kampagnen auf der Internetseite von Avaaz starten.

Avaaz, wie ein Segelboot im Wind?

Lars Sobiraj: Wer leitet das Projekt und entscheidet über die Petitionen?

Christoph Schott: Avaaz ist wie ein Segelboot und der Wind, der es antreibt, kommt von unseren Mitgliedern. Alle Kampagnen, die Avaaz durchführt, werden an einer zufällig ausgewählten Stichprobe von 10.000 Mitgliedern getestet. Jede Kampagne muss einen gewissen Grad an Zustimmung finden, um sicherzustellen, dass Mitglieder auch wirklich hinter dem Thema stehen. Jedes Jahr wird eine Umfrage an alle Mitglieder gesendet, um herauszufinden, welche Themen ihnen am Herzen liegen. Es werden auch regelmäßige Befragung durchgeführt, um die Ansichten der Mitglieder zu einer bestimmten Thematik besser zu verstehen.

Quelle Avaaz.org, thx!

Die Ideen für Petitionen kommen von überall. Aus der aktuellen Presseberichterstattung, Experten, mit denen wir im Kontakt stehen, Recherchen, Partnerorganisationen etc. Kampagnenvorschläge können von Avaaz-Mitgliedern per E-Mail eingesendet werden oder direkt von Avaaz-Mitarbeitern aus der ganzen Welt vorgeschlagen werden. Sie werden in wöchentlichen Telefonkonferenzen diskutiert und wir testen jede Kampagne mit einer E-Mail an eine zufällige Stichprobe von 10.000 Mitgliedern.

Nur wenn der Test einen festgelegten Schwellenwert an Unterstützung übertrifft, senden wir die Kampagne an einen größeren Mitgliederkreis. Wir lancieren somit keine Kampagnen, die unsere Mitglieder nicht unterstützen. Darüber hinaus machen wir jedes Jahr eine Umfrage, um nachzuvollziehen, welche Themen unseren Mitgliedern am wichtigsten sind und zu welchen Themen Avaaz Kampagnenarbeit machen soll.

Wird die Organisation in zufällige Richtungen getrieben?

Lars Sobiraj: Können Sie das bitte konkretisieren? Nach welchen Kriterien wird ausgesucht, wer führt die Auswahl durch? Ihr Segelboot wird sicher einen Steuermann haben, oder?

Christoph Schott: Kampagnen werden sowohl von Mitgliedern als auch von Team-Mitgliedern vorgeschlagen. Alle Aktionen, die Avaaz durchführt, werden an einer zufällig ausgewählten Stichprobe von 10.000 Mitgliedern getestet. Jede Kampagne muss einen gewissen Grad an Zustimmung finden, um sicherzustellen, dass Mitglieder auch wirklich hinter dem Thema stehen. Jedes Jahr wird eine Umfrage an alle Mitglieder gesendet, um herauszufinden, welche Themen ihnen am Herzen liegen. Es werden auch regelmäßige Umfragen durchgeführt, um die Ansichten der Mitglieder zu einer bestimmten Thematik besser zu verstehen.

Wo sitzt der Steuermann dieses Bootes?

Lars Sobiraj: Nochmals: Wer führt die Prüfungen durch?

Christoph Schott: Jeder kann auf der Plattform der Bürgerpetitionen seine eigene Kampagne starten. Aber unser Team prüft regelmäßig, ob diese faktisch korrekt und nicht irreführend sind. Wenn Kampagnen gestartet werden, über die unsere Mitglieder Bedenken haben – zum Beispiel, wenn sie beleidigend, obszön,hasserfüllt, rechtswidrig sind oder zu Diskriminierung anregen, können sie diese mit einem Klick auf den Link “Als unangemessen melden” (z.B. hier unten) melden und diese werden dann von einem Avaaz-Mitarbeiter geprüft. Sollten Sie tatsächlich den Nutzungsbedingungen der Bürgerpetitionen widersprechen, werden die Petitionen von unserem Team entfernt. Auch wenn eine Petition erstellt wird, die den Interessen unserer Mitglieder zu widersprechen scheint, senden wir eine kurze Umfrage an unsere Mitglieder und entfernen die Petition gegebenenfalls. Wir gehen sehr klar und transparent mit den Erstellern von Bürgerpetitionen um.

Lars Sobiraj: Damit bleibt diese Frage leider unbeantwortet. Wer sind die Menschen, die bei Avaaz mitarbeiten? Vor allem: Wer ist in Deutschland für Avaaz verantwortlich?

Christoph Schott: Avaaz ist eine globale Bürgerbewegung, aber im Gegensatz zu den meisten anderen Organisationen, spalten wir uns nicht in nationale Einheiten auf. Weltweit umfasst unser Team etwa 70 Mitarbeiter, von unserem Geschäftsführer Ricken Patel bis zu Mitarbeitern in Tansania, Indien, Brasilien oder auch Deutschland. Indem wir uns nicht streng anhand von Ländern und Kontinenten aufspalten, können wir mit unserem kleinen Team von 70 Personen flexibel bleiben, Kampagnen auf der ganzen Welt in die Wege leiten und Druck ausüben. Im Moment gibt es fünf deutschsprachige Mitarbeiter, davon drei in Deutschland: Christoph (Ich), Caroline und Franziska. Pascal und Anne arbeiten aus Genf und Amsterdam (Stand 2013).

Ross und Reiter mag man nicht nennen!

Lars Sobiraj: Können Sie uns bitte auch die entsprechenden Nachnamen nennen?

Diese Frage blieb leider ebenfalls unbeantwortet.

Lars Sobiraj: Werden die von Usern eingereichten Petitionen auf Hoaxes oder Unsinn geprüft? Wenn ja, in welcher Form findet dies statt? Wer führt die Prüfungen durch?

Christoph Schott: Auf unserem Portal für Bürgerpetitionen kann jeder eine eigene Petition starten und jeder kann eine Petition als unangemessen melden. Wenn eine Petition gestartet wird, die unserer Mission widerspricht, dann führen wir eine schnelle Mitgliederumfrage zu der Kampagne durch. Wenn Mitglieder ihr nicht zustimmen, dann kann die Petition unter Umständen von der Plattform entfernt werden. Im Gegensatz zu anderen kommerziellen Plattformen verfolgt unsere Gemeinschaft den Grundsatz, dass Benutzer keine Inhalte veröffentlichen dürfen, die zu Diskriminierung anregen oder verleumderisch, obszön, anstößig, hasserfüllt oder illegal sind. Solche Petitionen würde unser Team von der Internetseite entfernen.


Video: Schott & Co. über die 12 Erfolgsfaktoren für Online-Kampagnen.

 

Lars Sobiraj: Wie sind Sie selbst zum Projekt gekommen?

Christoph Schott: Hi, ich bin Christoph und arbeite als Global Campaigner in Berlin. Ich wollte immer schon meine Zeit und meine Energie einsetzen, um etwas in der Welt zu verändern. Bevor ich bei Avaaz angefangen habe, habe ich für andere großartige NGOs gearbeitet. Hier habe ich mehr über globale Zusammenhänge, Probleme und deren Lösungsansätze verstanden. Als ich gesehen habe, wie Avaaz die grandiosen Möglichkeiten des Internets einsetzt um weltweit gleichgesinnte Menschen miteinander zu vernetzen und somit auf der ganzen Welt wirklich Veränderung zu erreichen, habe ich mich beworben.

Solch eine globale Bewegung wäre vor 10 Jahren gar nicht möglich gewesen. Doch jetzt sehen wir jede Woche, wie Menschen aus aller Welt an der globalen Politik teilhaben und ihren Stimmen bei wichtigen, zukunftsweisenden Entscheidungen Gehör verschaffen. In der Vergangenheit konnten Bürger einen Wandel nur dadurch bewirken, dass sie alle paar Jahre wählen gehen oder gemeinsam protestieren. Doch Avaaz gibt Menschen Hoffnung und die Möglichkeit, auf Situationen Einfluss zu nehmen, von denen viele dachten, man können sie niemals verändern. Für mich persönlich ist es einfach fantastisch, für die weltweit größte Gemeinschaft für positiven Wandel zu arbeiten und zu helfen, die Hoffnung und Träume der 20 Millionen Menschen aus aller Welt zu vereinen.

Lars Sobiraj: Wie viele Mitglieder stehen auf der Mailingliste, wie viele davon stammen aus Deutschland?

Christoph Schott: Avaaz hat gerade die 20-Millionen-Schwelle überschritten. Das heißt, 20 Millionen Mitglieder aus jedem Land der Welt. Etwa 1.1 Millionen davon kommen aus Deutschland. Für mehr Informationen zur Herkunft unserer Mitglieder können Sie sich durch diese Karte klicken. Aktuell sind es in Deutschland 2.48 Millionen Unterzeichner von Online-Petitionen, die dort gespeichert sind. Weltweit gibt es Daten von über 51 Millionen Unterzeichnern in 194 Ländern.

Was kann man wirklich damit bewegen?

Lars Sobiraj: Kann man mit Online-Petitionen wirklich etwas in der Politik bewegen?

Christoph Schott: Petitionen können einen großen Einfluss haben, wenn man wirklich mit Entscheidungsträgern im Dialog steht, um sicherzustellen, dass sie die Erwartungen der Bürger verstehen und gegebenenfalls unter Druck gesetzt werden können. Avaaz ist eine globale Bürgerbewegung und Petitionen sind nur ein Instrument in unserem Werkzeugkasten. Wir setzen die jeweils effektivsten Taktiken ein, um Entscheidungsträger zu beeinflussen. Dies könnte bedeuten, dass Mitglieder die Zielperson direkt anschreiben oder anrufen, dass Werbeanzeigen geschaltet werden (Plakate, Zeitungsanzeigen etc.), dass auf hoher Ebene Lobbyarbeit betrieben wird, dass Demonstrationen veranstaltet werden oder große Aktionen stattfinden, auch mit Hubschraubern oder Schiffen. Das Avaaz-Modell ist unglaublich flexibel und reaktionsschnell und kann somit Entscheidungsträger in Schlüsselmomenten beeinflussen.

Ein gutes Beispiel aus Deutschland ist eine Petition mit 100.000 Unterschriften, die wir im November 2012 überreicht haben. Sie forderte den Vorsitzenden des Rechtsausschusses, Siegfried Kauder, dazu auf, die Gesetze gegen Bestechung in der deutschen Politik zu verschärfen, damit Deutschland das Übereinkommen der Vereinten Nationen gegen Korruption ratifizieren kann. Herr Kauder war einer der größten Gegner von strengeren Gesetzen gegen Bestechung, doch infolge des massiven Drucks aus der Bevölkerung gab er schließlich bekannt, dass er das Thema nun ernst nehme und selbst für strengere Regeln eintreten wird.

Positive Rückmeldungen und wenig Konkretes

Wir erhalten auch häufig positive Rückmeldungen von Politikern über die Auswirkungen unserer Kampagnen. Beispielsweise hat Leila Shahid, palästinensische Botschafterin bei der EU, über unsere Kampagne für einen palästinensischen Staat folgendes gesagt: „Avaaz und seine Mitglieder in aller Welt spielten eine entscheidende Rolle, die Regierungen zu überzeugen, den Antrag des palästinensischen Volkes auf einen eigenen Staat, und für Frieden und Freiheit zu unterstützen…. ihre Solidarität und ihre Unterstützung werden in ganz Palästina erinnert und geschätzt werden.”

click and collect

Lars Sobiraj: Der § 108e StGB (Abgeordnetenbestechung) wurde trotz der Absichtserklärung von Herrn Kauder NICHT verschärft. Die indirekte Bestechung von Abgeordneten ist folglich weiterhin erlaubt. Birgt das Projekt nicht auch die Gefahr, dass Menschen glauben, etwas mit einem Klick bewegen zu können, aber dann nicht mehr normale Organisationen durch Spenden und Mitarbeit unterstützen?

Christoph Schott: Avaaz macht Aktivismus zugänglich für alle, damit Menschen auf der ganzen Welt sich für die Themen starkmachen, die ihnen am Herzen liegen. Wenn überhaupt tragen wir dazu bei, dass von Seiten der Bevölkerung ein stärkeres Engagement entsteht und wir arbeiten mit anderen Organisationen, um die Auswirkung ihrer Kampagnen zu steigern.

Lars Sobiraj: Sorry, aber schon wieder eine ausweichende Antwort. Glauben Sie, dass sich die Unterzeichner auch nähergehend mit einem vorgestellten Thema beschäftigen, oder überfliegen diese nur den Text eines Aufrufs selbst?

Christoph Schott: Ja, das tun wir. Für viele Mitglieder sind die E-Mails von Avaaz eine Art und Weise, wichtige aktuelle Themen zu verfolgen. Unsere E-Mails informieren Mitglieder über ein Thema und stellen ihnen immer Quellen zur Verfügung, über die sie sich noch weiter in die Materie einlesen können. Im Rahmen unserer Kommunikation mit Mitgliedern über soziale Medien und E-Mails, wird uns oft mitgeteilt, dass unsere E-Mail sie an ein Thema herangeführt hat und dass sie jetzt viel darüber nachlesen und es mit Freunden und Familie diskutieren.

Jeder kann eine Online-Petition zu einem Thema starten, das ihn bewegt.

Lars Sobiraj: Über welche Themen sind Petitionen grundsätzlich möglich?

Christoph Schott: Auf der Avaaz-Seite für Bürgerpetitionen kann jeder seine eigenen Petition starten, zu irgendeinem Thema, das ihm am Herzen liegt. Das ist einfach, schnell und effektiv: In wenigen Minuten kann jeder eine Petition auf der Internetseite von Avaaz starten, sie online verbreiten und somit anfangen, den notwendigen Impuls aufzubauen, um die Kampagne zum Erfolg zu führen.

Lars Sobiraj: Wo finde ich eine Liste der Petitionen, die aktuell laufen? Gibt es so etwas wie ein Kategoriensystem?

Christoph Schott: Sie können aktuelle Petitionen auf unserer Startseite finden. Unsere größten Kampagnen-Highlights der letzten Jahre sind hier aufgelistet. Die Bürgerpetitionen finden Sie hier. Es gibt Kampagnen zu vielen verschiedenen Themen, jedoch aktuell noch keine Übersicht auf der Webseite, welche diese nach Kategorien unterteilt.

Den Überblick über alle Kampagnen haben nur die Portalbetreiber selbst

Lars Sobiraj: Machen Sie für alle Petitionen bei den Mitgliedern und auf dem Portal Werbung oder nur für einige wenige?

Christoph Schott: Unser kleines Team von Campaignern aus aller Welt steht rund um die Uhr zur Verfügung, um dazu beizutragen, dass Bürgerpetitionen heranwachsen und Wirkung zeigen. Wir werden zu 100% von Mitgliedern finanziert und setzen nur die Kampagnen um, für die sich unsere Mitglieder begeistern.

Lars Sobiraj: Interessante Aussage, allerdings beantwortet sie die Frage nicht. Können Sie das bitte konkretisieren?

Christoph Schott: Die Webseite der Bürgerpetitionen setzt automatisch jene Petitionen auf die Startseite, welche besonders viel Unterstützung erhalten. Aber im Großen und Ganzen werden die Petitionen im oberen Teil der Website von unseren Mitarbeitern in Hinblick auf ihre Aktualität, Gewinnmöglichkeit und Unterstützung durch unsere Mitglieder ausgewählt und regelmäßig aktualisiert.

Die Katze beißt sich in den Schwanz!

Lars Sobiraj: Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Denn besonders viel Unterstützung erhalten genau die Petitionen, die von den Avaaz-Mitarbeitern auf die Startseite gesetzt werden! Was war denn die bisher größte Aktion in Deutschland?

Christoph Schott: Avaaz arbeitet nach wie vor an vielen großen Themen in Deutschland. Sei es mit Kampagnen gegen Atomkraft oder um der Korruption unter Abgeordneten ein Ende zu setzen. Eine unserer jüngsten und größten Erfolgsgeschichten war die Kampagne gegen ACTA, die stark von deutschen Mitgliedern angetrieben wurde. ACTA wurde insgeheim von einer kleinen Gruppe reicher Länder und Unternehmen entworfen und hätte mächtigen multinationalen Akteuren die Möglichkeit gegeben, unser Internet zu kontrollieren und zensieren. Als Einzelheiten dieses Hinterzimmerabkommens ans Licht gelangten, haben fast 3 Millionen Avaaz-Mitglieder (darunter über eine halbe Millionen aus Deutschland) eine Petition an das Europaparlament unterzeichnet und gefordert, dass Gesetzgeber sich für ein freies und offenes Internet einsetzen und die Ratifizierung ACTAs ablehnen. Die Petition wurde direkt an Entscheidungsträger in Brüssel überreicht. Als das Gesetz in der Endabstimmung verworfen wurde, erwähnte der Pressebericht des Europaparlaments über die Ablehnung ACTAs, dass die Avaaz-Petition ein Schlüssefaktor hinter der Entscheidung war!

Wie holt man vorab Stimmungsbilder ein?

Lars Sobiraj: Wie oft werden Umfragen durchgeführt, um ein Stimmungsbild einzuholen? Etwa bei jeder Petition, die bei Ihnen eingeht? Wenn nicht, wer entscheidet darüber, was gebracht wird und was nicht? Und unter welchen Gesichtspunkten wird konkret entschieden?

Christoph Schott: Es gibt verschiedene Umfragen und Wege, wie über Kampagnen entschieden wird:
– Jedes Jahr machen wir eine Umfrage, um zu sehen, welche Themen unseren Mitgliedern am wichtigsten sind und zu welchen Themen Avaaz Kampagnen lancieren soll. Sie können die Ergebnisse dieses Jahres hier finden (Link geht nicht mehr!).
– Jede Kampagne wird zuerst durch eine E-Mail an 10.000 Mitgliedern getestet, um zu prüfen, ob ein Großteil unserer Mitglieder die Petition unterstützt.
– Von Fall zu Fall, können wir unsere Mitglieder auch zu einem bestimmten Thema befragen, um zu sehen, was sie denken. Auch zu Bürgerpetitionen werden solche Umfragen an unsere Mitglieder versendet.
– Alle Kampagnen werden in einer wöchentlichen Telefonkonferenz von allen Kampagnenmitarbeitern diskutiert und mit einem Abstimmungsprozess werden die Prioritäten festgelegt.

Lars Sobiraj: Wieder eine ausweichende Antwort. Haben Sie schon einmal beim Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags nachgefragt, warum dort Petitionen von Avaaz generell abgelehnt werden?

Christoph Schott: Weltweit haben Regierungen viele verschiedene Voraussetzungen, unter denen Petitionen formell von Regierungen angenommen werden. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass es oft viel weniger darum geht, die rechtlichen Voraussetzungen zu erfüllen und viel mehr darum, durch Druck aus der Bevölkerung viel Aufmerksamkeit auf Politiker zu richten, damit diese sich öffentlich zu einem bestimmten Thema äußern, wenn ein großer Teil der Bevölkerung eine Antwort verlangt. Einen langen, offiziellen Petitionsprozess zu durchlaufen ist immer sehr zeitintensiv und dann verpasst man dadurch den Schlüsselmoment, in dem wirklich Druck auf die Politik ausgeübt werden kann. ACTA ist das beste Beispiel dafür. Martin Schulz, Präsident des Europaparlaments, sagte: „Ich war sehr beeindruckt von der enormen Zahl von 2,8 Millionen Unterschriften, die die Avaaz-Petition an das Europa-Parlament erhielt. Die Bedenken der Bürger wurden im Europaparlament ernst genommen.”

Lars Sobiraj: Interessante Antwort, die leider nicht auf die gestellte Frage eingeht. Was war denn bisher die freundlichste Reaktion, die Sie von der Politik erlebt haben?

Christoph Schott: Wir erhalten viele positive Rückmeldungen und freundliche Reaktionen von Politikern aus aller Welt. Hier ein Zitat von Connie Hedegaard, EU-Kommissarin für Klimaschutz, zu den Aktionen von Avaaz bezüglich des Klimagipfels in Durban: „Danke an die 800.000 Menschen aus der ganzen Welt. Eure Stimmen haben einen entscheidenden Einfluss auf die Gespräche gehabt.“ Sie können auf der rechten Seite unserer Highlights-Seite noch weitere Zitate finden.

Lars Sobiraj: Herr Schott, vielen Dank für Ihre Antworten.

Hinweis: Das Gespräch wurde erstmals im April 2013 bei gulli.com veröffentlicht. Dies ist lediglich das erste von vier Interviews, das sich mit dem Thema Online-Petitionen beschäftigt. Die Interviews mit den Betreibern von openPetition, Change.org und dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages erscheinen hier bei Tarnkappe.info innerhalb der nächsten Tage.

Vielen Dank an Bernd Rohlfs, Gesellschaft für freie Informationssysteme, für die Unterstützung bei der Realisierung dieser Artikelserie. Bernd Rohlfs war es auch, der mich immer wieder dazu angetrieben hat, nochmals und nochmals bei Avaaz nachzuhaken, auch oder gerade weil es so mühsam war. Guter Journalismus sollte sich nicht schnell mit ausweichenden Antworten zufrieden geben. Auch wenn Herr Schott oft unkonkret bleibt, so wird dies durch meine Antworten und stetigen Rückfragen gut sichtbar. Wir haben damals mehrere Monate Arbeit in diese Artikel-Serie gesteckt. Zum damaligen Zeitpunkt gab es so gut wie gar keine Beiträge oder Interviews, die sich mit diesem Thema auseinandergesetzt haben. Das ist mittlerweile glücklicherweise anders.

Pressesprecher gewechselt, Impressum fehlt weiterhin

P.S.: Schott ist nicht mehr Pressesprecher, den Posten hat derzeit ein Daniel Boese inne. Doch an einem hat sich noch nichts geändert. Ein Impressum sucht man weiterhin vergebens. Auch die Selbstbeschreibung ist so schwammig formuliert wie eh und je. Es fehlt z.B., wer anfangs das Startkapital investiert hat, um später Einfluss auf die Arbeitsweise dieses Kampagnen-Netzwerkes nehmen zu können. Und natürlich, welche Rechte man sich im Umgang mit über 50 Millionen Datensätzen heraussnimmt. Der fale Beigeschmack blieb nach unserem Interview. Wie viel mehr als Click & Collect steckt wirklich dahinter?

Tarnkappe.info

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem bringt Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.

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