Artikel 17: Geoblocking in zwei Jahren an der Tagesordnung?

Welche Folgen hat die am Dienstag beschlossene Urheberrechtsreform der EU? Was geschieht bei Umsetzung von Artikel 17 (ehemals Artikel 13) in nationales Recht? Die Aussichten sind wahrlich trübe, egal wie man es dreht und wendet.

Wie werden die Share- und Streaminghoster auf die Umsetzung der kürzlich abgesegneten Urheberrechtsreform der EU reagieren? Insider Tunny aka Vlado, sieht mehrere Alternativen, vor die man die Betreiber von Szenehostern stellen wird. Er ist besser bekannt als der Gründer von vup.to und ddl.to. Nach seiner Ansicht haben die Administratoren drei Optionen, um mit der veränderten Rechtslage künftig umzugehen. Nämlich:

a) alle Server raus aus der EU?

Die erste Möglichkeit wäre es, die Server der Share- und Streaminghoster aus allen Ländern der Europäischen Union zu entfernen. Allerdings sind einige EU-Länder beim Thema Webhosting sehr preiswert und verfügen über eine vergleichsweise schnelle Anbindung ans Netz. Die Schweiz wäre eine gute Alternative, glaubt Tunny. Allerdings wird auch dort momentan zu Ungunsten der Betreiber am Urheberrecht gedreht. Außerdem sollte man besser erstmal das Urteil gegen RapidShare abwarten. Der frühere Geschäftsführer Christian Schmid wartet schon seit mehreren Monaten auf eine Entscheidung vom Strafgericht Zug.

b) Geoblocking: einfach alle EU-Besucher aussperren?

An zweiter Stelle erwähnt er die simpelste Option. Am einfachsten wäre es, systematisch alle EU-Surfer auszusperren. Dann hätte man mit der EU-Gesetzgebung auch nichts mehr am Hut, glaubt Tunny.

c) Uploadfilter installieren?

Die dritte Option wäre es, dass Upload-Filter entwickelt und installiert würden. Einerseits ist der damit verbundene Aufwand selbst für größere Sharehoster schlichtweg zu gigantisch. Andererseits würde man sich mit effektiven Filtern das eigene Geschäftsmodell kaputt machen. Wie sollen dann noch Umsätze generiert werden, wenn immer sofort der eigene Filter anschlägt?

Wie geht es weiter?

Im Europäischen Rat müssen die Mitgliedstaaten noch einmal zustimmen. Dies wird wahrscheinlich am 9. April geschehen und gilt als reine Formsache. Von Artikel 17 werden sowieso nur mittelgroße bis große Anbieter betroffen sein. Für sie stellt das Geoblocking die einfachste und mit Abstand preiswerteste Methode dar. Von daher ist es wahrscheinlich, dass sie das Geoblocking als Mittel der Wahl betrachten werden. Lieber mit einem Handgriff alle IP-Adressen aus den EU-Staaten aussperren, als zu probieren, aufwändige technische Maßnahmen zu entwickeln. Die entsprechenden Aussagen im Gesetz wurden zudem sehr schwammig formuliert. Wer kann sich schon darauf verlassen, keine negativen Konsequenzen zu spüren zu bekommen, obwohl man alle geforderten Maßnahmen ergriffen hat? Dann doch lieber auf Nummer sicher gehen, weiterhin die preiswerten Server innerhalb der EU nutzen und alle Europäer außen vor lassen.

#copyrightdirective Uploadf-Filter Europäisches Parlament

Zugegeben. Die ganze Überlegung ist rein spekulativ. Wer weiß schon, was bis dahin noch alles passiert!? Und ob sich die Betreiber illegaler Webseiten wirklich von der geänderten Rechtslage beeindrucken lassen. Selbst wenn die meisten Server in der EU, Kanada oder den USA stehen, so ändert dies nichts an ihrem Hauptsitz. Und der ist zumindest auf dem Papier irgendwo weit abseits.

Wenn es tatsächlich zu den vielen Ländersperren kommt, würde die EU das Geschäft der VPN-Anbieter künstlich aufblasen. Verdienen die Künstler oder Rechte-Verwerter deswegen auch nur einen Cent mehr? Nein. Hat irgendwer mit Ausnahme der VPN-Anbieter damit etwas gewonnen? Nun, diese Frage kann wohl jeder für sich selbst beantworten.

Mögliche Folgen der Urheberrechtsreform

Die Entwicklung wird sich als regelrechte Bremse auf Innovationen auswirken, die etwas mit dem Internet gemeinsam haben. Artikel 17 ist zudem brandgefährlich für Startups, sollten sie irgendwann groß genug sein, um unter die Regelungen dieses Gesetzes zu fallen.

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Es wäre auch möglich, dass man sich die Filter-Technik von Facebook bzw. Google mieten kann. Doch zu welchem Preis? Über den Preis der schon jetzt bestehenden Content ID wollte Google mit uns nicht sprechen. Man habe mit den Vertragsnehmern Stillschweigen vereinbart, hieß es schon vor vier Jahren!  Das gleiche gilt übrigens auch für die Ausschüttungen an die GEMA bei Musikvideos. Die Firma Alphabet Inc. (Google) ist waschechter Geheimniskrämer. Zumindest dann, wenn sie sich davon einen Vorteil verspricht.

Wie dem auch sei. Wir werden die Entwicklung weiterhin kritisch begleiten und über alles Wissenswerte berichten.

Tarnkappe.info

 

Beitragsbild Yeo Khee, thx! (Unsplash Lizenz)

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Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem bringt Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.

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