[Meinung] Hat das Netz ein Herz?

Article by · 8. Juni 2014 ·

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Tarnkappe ‚enttarnt‘ einen Cyberkriminellen. Lars leuchtet dorthin, wo kein Licht ist. Es gibt keine moralische Grenze für ein Gespräch. Wenn wir Fragen haben, wollen wir Antworten. Es gilt nur den Richtigen zu finden, um unsere Außensicht zur Innensicht werden zu lassen. Wir rufen den digitalen Nebel an und hören seine Stimmen antworten. Sehr schön.

Wir lassen Buchpiraten sprechen, die sich für Robin Hood halten. Wir lassen Kreditkartenbetrüger sprechen, die sich für Al Capone halten. Wir laden Hacker zum Pod-Plausch und Anarchisten zum Tischgebet. Name, Gerücht, Mythos – alle Geister kommen uns recht, wenn sie das Netz bevölkern – die Schatten- und Scheinwelten, die zahllosen Zauberquellen.

Ja, gerechterweise muss das ‚Real Life‘ sich selbst genügen. Und kann es wohl auch, denken wir. Mit Zeitung, Fernsehen und Stammtischen. Mit den Medien, Sammelplätzen und Events im Land der Alten, das wir verlassen, sobald es uns gestattet ist. Uns hier bedeutet die Republik draußen nichts, weil wir ihr nichts bedeuten.

So schön, so sauber getrennt, wenn es nicht eine Welt gäbe, die zweimal im Schatten liegt. Einmal von uns, den Digitalen, vernachlässigt. Einmal von ihnen, den Anderen, als einer gerecht geteilten Versorgung nicht wert erachtet.

Ich spreche von den vielen Millionen in unserem Land, die nur den sozialen Abstieg und seine Ränder kennen. Nicht jede ältere Frau ist Beamtenwitwe. Nicht jeder älterer Mann wird von einer Behörde oder einem DAX-Unternehmen in den Ruhestand – gern auch vorzeitig – getragen. Schaut euch die Stellenausschreibungen der Verlage an! (Macht es, das meine ich!) Geht durch unsere Städte – reich oder arm – ihr müsst bitterste Armut nicht lange suchen. Schaut in die Augen der Kinder, denen der Stolz fehlt.

Da beantworte also ich – ein Buchpirat – die Fragen der Tarnkappe und erzähle, dass wir Buchpiraten uns das Recht nehmen, Bücher von ihrem hohen Preis zu befreien, um sie neu und gerecht zu verteilen. Und ehrlich gefragt, Leute: In was für einer Gesellschaft leben wir, wenn dies nicht eine hohle Phrase ist? Wer bekommt diese Bücher, die er nicht bekommen soll?

Ja, ich meine es genau, wie ich es sage: WER bewohnt die draußen existierende Unterwelt? WIE lebt es sich auf der Kehrseite von Vollversorgung und Unkündbarkeit? WAS bleibt denen, die von Resten leben? Die vom Amt Versorgten, aber auch die akademischen Praktikanten, deren Eltern selbst nichts habe. Sie haben keine Stimme – aber sind sie stumm? Wer verkauft uns die Obdachlosenzeitungen? Oder besser noch: Wer schreibt darin? Ich lese Kommentare von Nutzern, die keine Bücher kaufen könnten. Lasst uns Fragen stellen!

Wenn wir das Netz sind, wenn es nur Schatten im Digitalen gibt – dann gibt es bei uns keine Schattenwelt, dann ist alles real und irreal in einem. Dann ist das Netz eine Gesellschaft, die niemanden vergisst. Dann gibt es eine Politik, wie sie sein könnte. Dann gibt es eine Partei über allen Parteien. Dann gibt es einen Wahlkampf über allen Wahlkämpfen. Wie wirklich ist am Ende dieses ‚Real‘ Life der Vollversorgten? frage ich euch.

neuland herzWollen wir bei Lars nur Kriminelle und Anarchisten zu Wort kommen lassen, die sich einer Tarnkappe bedienen? Oder wollen wir auch jene zu Wort kommen lassen, die in einem Nebel unsichtbar gemacht werden sollen.

Wir sind das ‚Neuland‘. Wir sind seine Bürger. Alle und niemand vergessen.

Bildquellen: shutterstock & Frank Vincentz (GNUFDL), thx!

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