Boerse.bz: Antipiraterie-Firmen reiten totes Pferd zugrunde

Article by · 15. Juli 2015 ·
don quixote charging the windmills dave winer boerse.bz

Don Quixote im Kampf gegen die Schwarzkopierer. Grafik: Dave Winer, thx! (CC BY-SA 2.0)

Mehrere deutsche Antipiraterie-Unternehmen lassen im Auftrag von Filmstudios, Verlagen und anderen Rechteinhabern Ergebnisse aus der Google-Suche entfernen. Soweit, so normal. Doch manche Löschanfragen betreffen das Warez-Forum Boerse.bz, welches vor acht Monaten offline ging. Wir haben erfolglos versucht zu verstehen, warum das so ist.

Worum geht es überhaupt?

Die Problematik betrifft alle Unternehmen, die vom Verkauf digitaler Werke leben wollen. So etwa Plattenlabels, Verlage, Pornostudios, Hersteller von PC- und Konsolenspielen, Softwareproduzenten u.v.m. Im Kampf gegen Schwarzkopien setzen die Rechteinhaber auf technische Dienstleister, die in ihrem Auftrag gegen die Online-Piraten und ihre Erzeugnisse vorgehen. Bei manchen Anbietern (YouTube, Scrid etc.) kann man den unerlaubten Vertrieb von digitalen Inhalten unterbinden, indem man diese auffordert, die urheberrechtlich geschützten Werke zu löschen. Foren aus dem Graubereich (boerse.to) oder BitTorrent-Indexseiten wie The Pirate Bay oder KickassTorrents reagieren naturgemäß nicht auf solche Anfragen.

In diesem Fall führen die Antipiraterie-Dienstleister zwei Schritte durch. Sie lassen einerseits die betreffenden Archive physikalisch bei den Sharehostern (Share-Online.biz, Uploaded etc.) löschen. Sie vermeiden andererseits die Sichtbarkeit im Internet, indem Google aufgefordert wird, die Einträge aus ihrer Google-Suche zu entfernen. Was von den Surfern nicht gefunden wird, verhält sich online so, als wäre es nicht existent. Kurze Zeit später geht das Haase- und Igel-Spiel von Neuem los: Ein anderer Uploader lädt die E-Books (Filme, PC-Spiele etc.) unter einem anderen Archiv-Namen bei einem Sharehoster hoch und trägt seinen Upload ebenfalls bei einem Warez-Forum ein. Neue Einträge dieser Art (mit gleichem Inhalt) werden als sogenannte Re-Ups bezeichnet. Sie werden von der alten Google-Löschanfrage nicht erfasst, die Filme/E-Books sind also wieder sichtbar und auch beim Sharehoster für einen illegalen Download verfügbar.

Was der Rechteinhaber nicht kann, ist die Sichtbarkeit eines illegalen Anbieters im Internet komplett zu unterbinden. Verlage können also nicht hingehen und von Google verlangen, dass in ihrer Suchmaschine generell alle Einträge von Boerse.to oder KickassTorrents verboten werden. Die beauftragten IT-Dienstleister können lediglich hingehen und versuchen schneller zu sein, als die illegale Konkurrenz. Umso mehr illegale Quellen es im Web gibt, umso aussichtsloser ist diese Vorgehensweise. Gerade beim Bereich Belletristik kann man hier wohl eher von Augenwischerei, statt von aussichtsreichen Antipiraterie-Maßnahmen sprechen. Gerade in Deutschland unterlassen diverse Verlage den Kampf gegen die Windmühlen, weil sich keiner der selbst ernannten Don Quijotes kostenlos auf ihr Pferd setzen lässt. Manche Filmstudios setzen auf den Versand von Abmahnungen, das ist aber die Minderheit.

Boerse.bz toter als tot

Von daher sind die angewendeten Verfahren gegen Online-Piraten von kurzfristigem Erfolg gekrönt. Umso mehr wir uns dabei im Mainstream bewegen, umso unmöglicher wird es, die Sichtbarkeit der Verweise auf illegale Quellen zu unterbinden. Besonders ärgerlich wird es aber, wenn Firmen bei Google Links zu Quellen löschen lassen, die es schon lange nicht mehr gibt. Laut dem Transparentbericht von Google gingen dort alleine letzten Monat über 39 Millionen Löschanfragen von Urheberrechtsinhabern aller Welt ein. Übrigens: Bei Chilling Effects kann man beispielsweise ganz bequem nach der Domain boerse.bz suchen und weiß sofort, wer was wann löschen ließ.

El Ingenioso Hidalgo Don Quijote del Mancha boerse.bz

Zugrunde geritten: Boerse.bz.

Gegenfragen statt klarer Antworten

Ich habe bei einem Antipiraterie-Anbieter angefragt, über den ich bei Chilling Effects gestolpert bin. Mir wurden statt der Antworten eine ganze Menge Gegenfragen gestellt:

„Glauben Sie, dass die gemeldeten Links erst zum Zeitpunkt der Meldung bekannt wurden?

Glauben Sie, dass es nur kurzfristige Schutzmaßnahmen gibt oder diese sich über einen längeren Zeitraum erstrecken können?

Wissen Sie, dass Google gecachte Versionen von bereits offline befindlichen Webinhalten anbietet und so den Zugriff auf nicht mehr verfügbare Live-Inhalte ermöglicht?

Welche Schlüsse ziehen Sie daraus, dass Links von Webseiten nachträglich eingereicht werden, obwohl diese Ihren Betrieb schon länger eingestellt haben?

Wundern Sie sich nicht mehr darüber, dass andere Anbieter auch Links auf File- und Streamhoster an Google melden, obwohl diese gar nicht indiziert werden?“

 

Antworten auf Presseanfrage nicht für die Öffentlichkeit gedacht

In einer der nächsten E-Mails wurde mir vom Geschäftsführer des in Deutschland ansässigen Antipiraterie-Unternehmens mitgeteilt, dass seine Antworten auf meine Presseanfrage nicht für die Öffentlichkeit gedacht seien. Ich müsse die Informationen vertraulich behandeln. Der Hinweis auf den Google Cache ist übrigens ähnlich irreführend, wie die restlichen Nebelkerzen Gegenfragen. Sofern eine Webseite eine gewisse Zeit nicht mehr existiert, verschwinden auch die dazu passenden Daten im digitalen Nirwana.

Man habe die Links auf Boerse.bz und andere tote Seiten bereits vor Schließung des Forums automatisch erfasst. Bei derartigen Verzögerungen würde man die Löschanfragen nicht extra aussortieren, hieß es. Eine Bereinigung der Löschanfragen soll angeblich auch deswegen nicht stattfinden, weil jemand auf die Idee kommen könnte, die Webseite unter der alten Domain erneut in Betrieb zu nehmen. Derzeit sieht es nicht danach aus, als wenn jemand über die komplette Datenbank von Boerse.bz verfügt, um das Forum wieder aufleben zu lassen.

plauzi gehörte boerse.bz?Interessant wäre es zu wissen, nach welchen Kriterien solche Firmen bezahlt werden. Bekommen sie z.B. 10 oder 100 Löschaufforderungen als Paket bezahlt? Umso mehr Löschanfragen verschickt werden, umso höher fällt die Bezahlung aus? Oder zahlen ihnen die Verlage/Filmstudios ihre (sinnlose) Arbeit gar pro Stunde? Inwieweit können die Verlagsleiter oder Manager eines Filmstudios nachvollziehen, ob die durchgeführten Maßnahmen von Erfolg gekrönt sind? Ich habe ehrlich gesagt gar nicht erst versucht, danach zu fragen, weil mich die Antworten nichts angehen. Die Verträge zwischen den einzelnen Parteien unterliegen im Allgemeinen der Geheimhaltung.

Wenn man mir und damit den Lesern schon nicht erklären kann (oder will), warum sie ein totes Pferd zugrunde reiten, so werden sie uns wohl kaum verraten, was man ihnen dafür überweist.

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13 Comments

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    Killer

    Die Anfrage ging doch bestimmt an unseren Spaßvogel Nr. 1 Andreas Kaspar, die “Antworten” bzw. Gegenfragen klingen zumindest so. Einer der wenigen Abuse Agents, der selbst von den Mitbewerben belächelt wird, ein absoluter Nichtskönner.

    Die eingehende Frage in der Einleitung hättest du dir selbst beantworten können. Die Abuse Agents nehmen ihre Abuses als Arbeitsnachweis und stellen es der Content Industrie in Rechnung. Heutzutage ist es teilweise so, dass 3 verschiedene Firmen ein und das selbe File crawlen und abusen, der Auftraggeber zahlt dann im “besten” Fall 3 mal. Kurz und bündig: Die Content Industrie lässt sich gewaltig von den Abuse Agents abziehen und solange das so bleibt, sind wir alle glücklich und zufrieden.

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      Man sollte als Verlag etc. schon darauf achten, dass man nicht nur Listen von Filehoster-Links (die könnten ja auch erfunden sein) kriegt, sondern auch die exakten Quellen (z.B. boerse.*/sdfjksdfj**), und dann zumindest stichprobenweise auch mal testen. Und natürlich seine Antipiraterie-Dienstleister pauschal entlohnen und nicht nach Linkmengen. Dann sollte man auf der sicheren Seite sein. – Ist eigentlich trivial, aber da tun sich die Verlage etc. in der Regel schwer damit. Nun ja, sie werden es lernen müssen.

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        Killer

        Absolut richtig und die von Lars zitierten “Antworten” sind ja wohl ein klarer Fall von “ertappt, eingeschnappt und jetzt die Flucht nach Vorne ergreifen”…

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    Hartmut

    “Welche Schlüsse ziehen Sie daraus, dass Links von Webseiten nachträglich eingereicht werden, obwohl diese Ihren Betrieb schon länger eingestellt haben?”

    Mhhh,…vielleicht weil auch die Mitarbeiter, welche den Mindestlohn bekommen, eine Beschäftigung brauchen und damit ihre Daseinberechtigung, im Unternehmen, unterstreichen!?!?!
    (Selbstständiges, motiviertes Arbeiten, ist löblich! ;-) )

    Oder war das gar eine Frage, einer Abschlussprüfung, für IT-Fachleute?
    Eventuell handelt es sich aber auch um einen Geschäftsführer, der unter Ordnungs-/ und Kontrollzwang leidet! ;-) (Automatisch leidet das Umfeld mit)

    Jedenfalls ist es absolut unhöflich, Fragen, mit Gegenfragen zu beantworten!

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      Analyst

      Mitarbeiter in solchen Firmen? Dass ich nicht lache. Hinter vielen solcher Antipiraterie-Pseudo-Großunternehmen stecken 1-2 halbwegs fähige Programmierer, die nichts anderes machen, als Crawler zu basteln, die solche Links sammeln. Da diese Firmen in der Regel für die Anzahl der Abuse-Meldungen – egal ob Video- oder Filehoster oder Google – bezahlt werden, ist das natürlich dann recht angenehm, wenn man eine bekannte Seite wie BBZ an die Contentfirmen verkaufen kann, obwohl diese mittlerweile fast bedeutungslos ist. Es ist auch recht uninteressant, ob die Links vorher online waren – insbesondere bei Video- & Filehostern, denn später bei der Abrechnung, kann das sowieso niemand mehr prüfen. Somit kann ich auch bereits tote Links abkassieren, obwohl eine andere Antipiraterie-Firma das bereits abused hatte. Und da das – wenn einmal korrekt programmiert – alles automatisch läuft, ist das doch eine herrliche Einnahmequelle.

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        Ich bezweifel, dass das alles so herrlich sein soll. Vielen Unternehmen ist mittlerweile bewusst, wie sinnlos die Gegenmaßnahmen sind. Von daher haben die auch das Geld nicht immer sonderlich locker sitzen. Die Rechteinhaber davon zu überzeugen, sie sollen dafür auch noch Geld bezahlen, ist sicher nicht so einfach wie Du Dir das gerade vorstellst.

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          Analyst

          Ach Lars, selbstverständlich zahlen die noch bereitwillig Unsummen für diesen Blödsinn. Frag doch zum Beispiel mal bei der geliebten Constantin nach. Vor ein paar Jahren wurden die Links fast ausschließlich bei den Video- & Filehostern samt RZ-Betreibern gemeldet. Dank immer mehr Captchas & Decryptern ist man dann dazu übergegangen, direkt die Suchmaschinen zu bombardieren. Das ganze funktioniert doch auch halbwegs, daher wird man davon so schnell nicht Abstand nehmen. Die Google-Statistik beweist es doch mehr als ausreichend.

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            Tja, bringen tut das Ganze natürlich auf Dauer mal so gar nichts.

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            Analyst

            Bin ich ebenfalls anderer Ansicht. Selbstverständlich bringt das etwas, wenn die illegalen Bezugsquellen aus Google entfernt werden und der Suchende immer mehr und immer wieder legale Alternativen findet, die er mittlerweile für wenig Geld nutzen kann. Sobald er einmal eines dieser legalen Angebote angenommen hat, wird er eher selten zurück zur illegalen Bezugsquelle gehen. Der Erfolg von Netflix und Amazon beweist es eindrucksvoll. Ich würde wetten, dass eine Vielzahl der Kunden vorher illegale Bezugsquellen genutzt haben und mittlerweile die viel bequemere Art des Konsums bei den paar Euro bevorzugen, die sie sonst bei einem Hoster bezahlt haben.

            Es bringt den Contentfirmen also durchaus eine Menge, wenn legale Angebote vor illegale in der Suche landen. Die Tendenz der Wechsler ist enorm und wird auch weiterhin anhalten. Ein paar Hardcore-Verweigerer wird es immer geben, aber die Scene wird sich in absehbarer Zeit sehr verändern.

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            Silvio

            > immer mehr und immer wieder legale Alternativen findet,

            Wer sucht den Content dieser Art? Ich denke die meisten der User hat feste Adressen wo er seinen Stoff findet, zumal Globalisierung nicht nur der Wirtschaft dient.

            > mittlerweile für wenig Geld nutzen

            Wenig Geld? Das ist nicht lache, was ist wenig Geld.

            1.) Ich zahle GEZ, kann also legal Musik, Show und Film 24 Stunden mitschneiden. Ergo hat Musik oder Film den Wert von 0,000405093 EUR.

            2.) Vor allem was leisten heute diese sogenannten Künstler? Nichts, die nennen Texte über Geld, Frauen, Mann, Sex oder Liebe echt Kunst. Dabei ist das meiste an Text, genauso wie Film, Serie, Show längst so oft kopiert und durchgenommen wurden das dafür nicht einmal ein Wert angegeben werden kann.

            > Der Erfolg von Netflix und Amazon beweist es eindrucksvoll.

            Der “Erfolg” beweisst nichts anderes als das Leute sich nicht vom Fernsehen vorschreiben lassen wollen wann die was und wo sehen sollen. Das ist nichts neues, Streams haben in den letzten Jahren stark zugenommen und ganz sicher nicht weil es etwas mit legallen zu erklären gibt. Außerdem gibt es bei Amazon und Netflix Serien gleich nach US Ausstrahlung, was für viele Menschen wohl das Argument schlecht hin ist. Ich habe keine Ahnung kenne die beiden nicht und will die auch nicht kennenlernen.

            > Es bringt den Contentfirmen also durchaus eine Menge,
            > wenn legale Angebote vor illegale in der Suche landen.

            Das halte ich für ein Gerücht. Arbeitsbeschaffungsmassnahmen für unfähiges und arrogantes Abschaum. Am Ende weiß jeder das man bei Google nicht suchen braucht, es gibt genügend Alternativen und die lassen sich nicht ins Werk pfuschen.

            Mfg

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            Analyst

            Du beweist mit deinem Post nur, dass du genau einer dieser Hardcore-Verweigerer bist, die es zum Schur machen – aber nicht aus rationalen Gründen.

            > Der „Erfolg“ beweisst nichts anderes als das Leute sich nicht
            > vom Fernsehen vorschreiben lassen wollen wann die was und
            > wo sehen sollen.

            Dem stimme ich durchaus zu, denn genau das war auch der Grund, warum illegale Streamingseiten solch einen Erfolg hatten. Niemand hat mehr Lust, sich zu einem bestimmten Wochentag zu einer bestimmten Uhrzeit vor den Fernseher zu setzen und sich die nächste Folge einer Serie oder einen Film anzuschauen. Und genau deshalb haben Netflix und Amazon diesen Erfolg und die Scene das Nachsehen.

            > Wenig Geld? Das ist nicht lache, was ist wenig Geld.

            4,09 Euro im Monat zum Beispiel für Amazon. Oder 7,90 Euro im Monat für Netflix oder Spotify. Wenn das für dich viel Geld ist, tust du mir schon etwas leid. Andererseits sind die meisten solcher Leute – wie du einer bist – sofort bereit für 100 Mbit 10-20 Euro im Monat mehr zu bezahlen – zusätzlich zu ihren Premium-Accounts bei diversen Diensten. Merkst du was? Irrational.

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    Badboyoli

    Selbstverständlich hat jemand die komplette Datenbank von boerse.bz. Die Betreiber von boerse.to ;)
    Ob diese jedoch jemals wieder von .to auf .bz umschwenken, darf batürlich bezweifelt werden.


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