Die Berliner Wedium GmbH versucht eine europäische Alternative zu Instagram und TikTok zu positionieren. Kann das mit Ausweiszwang gelingen?
Wedium tritt als europäische Instagram- und TikTok-Alternative an und verlangt von allen, die dort wirklich mitmachen wollen, zunächst eine Identitätsprüfung. Der Ausweis soll offenbar das leisten, woran die Moderation seit Jahren scheitert.
Keine Interaktion ohne Überprüfung der Nutzer
Wedium will als europäische Alternative zu TikTok und weiteren Kurzvideoportalen antreten. Man kann sich die Inhalte tatsächlich ohne Verifizierung anschauen. Wer jedoch etwas posten, liken, kommentieren oder Videos weiterleiten möchte, muss zuvor seine Identität nachweisen. Das Projekt will Bots und Fake-Accounts eindämmen und steuern, wer überhaupt mitmachen darf. Wedium setzt damit zuerst beim Zugang zu den Informationen und deren Nutzung an.
Die Beta-Phase von Wedium läuft, das Modell bleibt gleich
Die Beta-Phase sollte am 25. März 2026 starten, den regulären Start plant Wedium weiterhin für Juli. Auf der Webseite ist nur eine Warteliste verfügbar, in die man sich eintragen kann. Wer bei Wedium künftig mehr tun will als nur zuzusehen, wird zweifellos nicht an der grenzwertigen Identitätsprüfung vorbeikommen.
Kein Klarname im Profil, die Plattform kennt aber deine Identität
Wedium betont, dass Nutzer nach außen keinen Klarnamen angeben müssen. Für alles, was über den reinen Konsum hinausgeht, wird die Plattform jedoch eine geprüfte Identität verlangen. Die Anonymität verschwindet damit jedoch nicht. Sie verschiebt sich lediglich vom sichtbaren Profil zum Plattformbetreiber und dem beauftragten Dienstleister. Diese halten bei der Lösung alle Daten in der Hand.
Die eigene Datenschutzerklärung zeigt deutlich, wie das Modell funktioniert. Dort nennt Wedium WebID und verweist auf Verfahren wie AutoID und TrueID. Je nach Fall prüft der Dienst Ausweisfotos, Bildaufnahmen und Dokumente, gleicht Daten ab, führt Liveness-Checks durch oder greift auf bereits verifizierte Profile mit TAN-Bestätigung zurück. Die Liveness-Checks sollen ebenfalls sicherstellen, dass sich Menschen und keine Bots anmelden wollen.
Wedium erklärt dazu, dass keine Ausweisdaten und keine biometrischen Rohdaten gespeichert werden, sondern lediglich der Verifizierungsstatus und technische Referenzdaten. Das ändert jedoch wenig. Der heikle Teil der Aufbewahrung der Verifikationsdaten bleibt bestehen. Wedium lagert diesen nur an Drittanbieter aus.
Die Freischaltung löst die eigentlichen Probleme nicht
Mit dieser Hürde löst Wedium weder das Moderationsproblem, mit dem alle großen Plattformen zu kämpfen haben, noch das Problem des Missbrauchs. Das Unternehmen braucht weiterhin Meldesysteme, Sperren, die Beschwerde-Bearbeitung und eine technische Erkennung für auffälliges Verhalten. Ein Ausweis vor dem Mitmachen kann an der eigentlich Problematik wenig rütteln. Er setzt nur eine weitere Hürde davor.
Gegen billige Wegwerfkonten kann das vielleicht wirklich etwas bringen. Gegen koordinierte Kampagnen, gekaperte Identitäten oder toxisch handelnde Menschen, die echt sind, hilft es trotzdem nicht. Das Problem bleibt dasselbe wie auf allen anderen Social-Media-Seiten. Eine Zugangskontrolle ersetzt keine kompetente Moderation.
Die alte Kritik an den bestehenden Fernident-Verfahren ist jetzt auch bei einem sozialen Netzwerk angekommen. Behörden debattieren darüber schon seit längerer Zeit, Datenschützer kritisieren sie regelmäßig. Jetzt kommt dieselbe Architektur und Logik halt einfach in einem sozialen Netzwerk zum Einsatz.
Am Ende läuft es auf die Frage hinaus: Wie belastbar ist ein Verfahren, das auf Bildmaterial, eine Dokumentenprüfung, Liveness und die externe Freigabe beruht? Das BSI hält solche Verfahren bei höherem Schutzbedarf, wozu eine verifizierte Identität zählt, für prinzipiell angreifbar. Der CCC und andere weisen ebenfalls seit Jahren auf Schwachstellen hin. Wedium nutzt nach eigener Darstellung nicht einfach eins zu eins dasselbe Verfahren wie die dort kritisierten kommunalen Lösungen. Das macht die Sache aber nicht automatisch belastbarer.

Die Kontrolle endet nicht bei der Verifizierung
Die Debatte dreht sich längst nicht mehr nur um Hausregeln, die Moderation und verhängte Sperren. Die Bundesnetzagentur hat im Juni 2025 auch HateAid als Trusted Flagger nach EU-Recht (DSA) zertifiziert. Online-Plattformen müssen deren Meldungen vorrangig prüfen. Selbst Inhalte löschen oder entfernen dürfen Trusted Flagger allerdings nicht, diese Entscheidung treffen weiterhin die Plattformen und im Streitfall die Gerichte.
Wenn Plattformen mehr Ordnung versprechen, vor der Nutzung eine Ausweisprüfung verlangen und problematische Inhalte in einem Umfeld landen, in dem bestimmte Meldungen bevorzugt bearbeitet werden, geht es aber nicht mehr nur um Bot-Abwehr. Dann dreht sich alles auch um Kontrolle und die Eingriffstiefe. Für Wedium macht es die ganze Sache nicht wirklich besser. Manche Kritiker beurteilen den Sachverhalt in der Form, dass diese Plattform aufgrund der geplanten Struktur legalisierte Zensur durch Andersdenkende ermöglichen wird.
Wedium will alles besser machen, wird das der Fall sein?
Der Betreiber von Wedium wirbt damit, europäisch aufgestellt zu sein und nicht dem U.S. CLOUD Act zu unterliegen. Das verkauft sich politisch gut. Technisch ändert es an der gesamten Struktur jedoch recht wenig. Auch eine europäische Plattform arbeitet mit externen Dienstleistern, Schnittstellen und ausgelagerten Prüfschritten. Die Risiken sind nicht plötzlich verschwunden, nur weil man statt mit US-Recht auf Basis der DSGVO tätig ist. Die Risiken und Probleme sind nur wie üblich ausgelagert, um im Falle eines Falles die Schuld einfach anderen aufbürden zu können.
Wedium will vieles besser machen als TikTok und andere große Plattformen. Beim Zugang setzt das Projekt jedoch wieder auf eine alte Idee. Zunächst prüft ein externer Dienst die Identität und erst dann darf jemand richtig mitmachen. Das hält vielleicht einen Teil der Wegwerfkonten draußen. Dadurch entstehen jedoch auch zusätzliche Datenspuren, neue Abhängigkeiten und weitere Fehlerquellen. Und nein, alleine dadurch wird die Plattform leider nicht besser.



















