Gemütliche Indie-Spielküche mit Entwicklerfigur und subtilen Piraten-Symbolen als Hinweis auf den Anti-Piraterie-Gag von Burgie’s Cozy Kitchen.
Ein kreativer Anti-Piraterie-Gag machte Burgie’s Cozy Kitchen bekannt – brachte dem Entwickler aber auch neue Herausforderungen.
Bildquelle: ChatGPT

99 % Raubkopierer: Anti-Piraterie-Gag sorgt für Verkaufsexplosion

99 % Raubkopierer: Ein Indie-Entwickler wird mit einem Anti-Piraterie-Gag viral – bis die Realität ihn einholt.

Trotz einem Raubkopierer-Anteil von 99 % verzeichnet ein Indie-Entwickler Rekordverkäufe. Für HeyNau wurde aus einem humorvollen Anti-Piraterie-Mechanismus in seinem Steam-Spiel Burgie’s Cozy Kitchen ein unerwarteter Marketing-Coup. Allerdings hat der Erfolg im Nachhinein einen bitteren Beigeschmack bekommen.

Das Early-Access-Spiel Burgie’s Cozy Kitchen dreht sich um ein gemütliches Fast-Food-Restaurant, in dem Spieler hungrige Tierkunden bedienen. Statt auf aggressives DRM oder ständige Online-Prüfungen setzt der spanische Solo-Entwickler HeyNau auf Humor. Wer eine illegale Kopie startet, darf zunächst ganz normal spielen. Erst nach rund einer Stunde Spielzeit dreht der Entwickler den Spieß um. Er macht die Raubkopierer selbst zu unfreiwilligen Akteuren seines originellen Anti-Piraterie-Modus.

Dieses ungewöhnliche Anti-Piraterie-Konzept sorgte weltweit für Aufsehen. Videos gingen viral, Spieler diskutierten über die unerwarteten Eigenarten des Spiels und allmählich schossen die Verkaufszahlen in die Höhe. Allerdings zeigt sich mittlerweile auch die Kehrseite der Medaille. Der Programmierer meldet für sein Steam-Spiel einen Anteil von 99 % Raubkopien, eine Zahl, die jeden Entwickler in Alarmbereitschaft versetzen dürfte. Trotz aller Rekorde zweifelt HeyNau nun doch daran, dass Piraterie dauerhaft neben einem gesunden Geschäft existieren kann.

Humor statt DRM: So werden aus Raubkopierern plötzlich Piraten

Viele Publisher setzen auf Digital Rights Management (DRM) wie Denuvo, um illegale Kopien ihrer Spiele einzudämmen. Allerdings stehen solche Systeme wiederholt in der Kritik, weil sie nicht nur Raubkopierer treffen, sondern auch den Spielspaß zahlender Kunden beeinträchtigen können. Die Praxis zeigt zudem, dass nahezu jedes Kopierschutzsystem früher oder später umgangen wird. Der Entwickler von Burgie’s Cozy Kitchen entschied sich deshalb für einen völlig anderen Ansatz.

In einem viel beachteten Beitrag auf Reddit beschreibt HeyNau seine Philosophie: Wenn selbst milliardenschwere Publisher Piraterie nicht vollständig verhindern können, werde ein einzelner Indie-Entwickler diesen Kampf erst recht nicht gewinnen können. Infolge dessen wollte er den unvermeidlichen Umstand kreativ in das Spielerlebnis integrieren.

Dafür entwickelte er ein eigenes Erkennungssystem mit rund zehn unterschiedlichen Prüfmechanismen. Dabei reicht allerdings keine einzelne Auffälligkeit dafür aus, um eine Raubkopie konkret zu identifizieren. Erst wenn mehrere Indikatoren gleichzeitig auftreten, aktiviert das Spiel den versteckten Modus. Nach Angaben des Entwicklers soll diese Kombination Fehlalarme weitgehend vermeiden, ohne die genaue Funktionsweise preiszugeben.

Die ersten rund 60 Minuten verläuft alles völlig normal. Der Entwickler versteckt den Mechanismus bewusst, damit Schwarzkopierer ihn nicht sofort identifizieren und in veränderten Versionen des Spiels deaktivieren können. Ist die Stelle dann erreicht, tauchen unerwartet Kunden mit Dreispitzhüten im Burgerladen auf. Sie bezahlen grundsätzlich nur eine einzige Münze, hinterlassen schlechte Bewertungen und erschweren damit den Spielfortschritt.

Begleitet wird die Szene von einer fröhlichen Seemannsmelodie in Akkordeon-Version. Die lässt sich zwar leiser stellen, aber nicht vollständig abschalten. So erhalten jene, die das Spiel ohne Bezahlung nutzen, eine humorvolle Lektion statt klassischen Kopierschutz. Für HeyNau war dieser Ansatz nie als Bestrafung gedacht. Vielmehr wollte er „Piraterie zu einem Teil des Spiels machen“.

99 % Raubkopierer: Ein Anti-Piraterie-Gag ging viral

Dass der ungewöhnliche Anti-Piraterie-Modus auch internationale Aufmerksamkeit erlangte, war letztlich eine Verkettung mehrerer Zufälle. Am Anfang stand dabei eine Demo-Version, die HeyNau erst rund ein Jahr nach dem Early-Access-Start auf Steam veröffentlichte. Kurz darauf entdeckte ein chinesischer Content Creator das Spiel und präsentierte es auf Douyin, dem chinesischen TikTok-Pendant, seinem Publikum. Was folgte, beschreibt der Entwickler selbst als Schneeballeffekt.

Daraufhin griffen weitere Streamer Burgie’s Cozy Kitchen auf und veröffentlichten Videos auf chinesischen Plattformen. Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt das Spiel durch eine integrierte Funktion, mit der Zuschauer während eines Livestreams ungewöhnliche Bestellungen an den virtuellen Burgerladen schicken können. Das sorgte für unterhaltsame Clips. Infolge wurde das Spiel innerhalb kürzester Zeit weit über die eigentliche Zielgruppe hinaus bekannt.

Allerdings verbreiteten sich mit der steigenden Popularität auch Anleitungen zum Download illegaler Kopien. Nach Angaben von HeyNau tauchte sogar eine inoffizielle mobile Version auf, obwohl er selbst das Spiel nie für Smartphones veröffentlicht hatte. Aus der viralen Welle entwickelte sich damit jedoch auch eine Welle der Softwarepiraterie.

Anti-Piraterie-Modus wurde zum Internetphänomen

In China bemerkten viele Spieler durchaus, dass nur noch Piraten mit Dreispitzhüten ihre Burger bestellten und kaum noch Geld einbrachten. Den eigentlichen Witz dahinter verstanden sie zunächst jedoch nicht. Der Grund dafür liegt offenbar in der Sprache. Mehrere chinesische Nutzer erklärten auf Reddit, dass es im Chinesischen keinen vergleichbaren Zusammenhang zwischen einem Seeräuber und einem Raubkopierer gibt. Bei einer illegal kopierten Software wird meist von einer „gestohlenen Version“ gesprochen. Die Anspielung mit den Piraten ging deshalb an vielen Spielern zunächst vorbei.

Entsprechend häuften sich Beschwerden in den Steam-Diskussionen. Einige Nutzer vermuteten einen schwerwiegenden Programmfehler, andere suchten verzweifelt nach Lösungen oder fragten Künstliche Intelligenzen nach einer Erklärung. Erst nachdem HeyNau auf solche Anfragen mitteilte, dass sie den Anti-Piraterie-Modus ausgelöst hatten, verbreitete sich diese Erklärung in chinesischen sozialen Netzwerken.

Innerhalb nur kurzer Zeit wandelte sich Verwirrung in Neugier. Spieler berichteten öffentlich von ihren Erfahrungen mit der manipulierten Spielversion. In Beiträgen erklärten sie, warum alle Kunden als Piraten auftauchten und weshalb sich der Spielfortschritt kaum noch lohnte. Damit avancierten die Schwarzkopierer unfreiwillig zu PR-Helfern des Entwicklers.

Rekordverkäufe dank des ungewöhnlichen Kopierschutzes

Die Aufmerksamkeit blieb hier nicht ohne Folgen. Wie HeyNau auf Reddit berichtet, erreichte Burgie’s Cozy Kitchen Dank solcher Werbung Verkaufszahlen, die das Spiel seit seinem Early-Access-Start nie zuvor erzielt hatte. Gleich mehrere Tage hintereinander wurden neue Rekorde aufgestellt. Auch die Zahl aktiver Spieler stieg damit an.

Der Entwickler sieht darin jedoch keinen Beweis dafür, dass Piraterie grundsätzlich hilfreich sei oder klassische Kopierschutzmaßnahmen überflüssig geworden wären. Der unerwartete Erfolg entwickelte sich aus einer ungewöhnlichen Dynamik. Nachdem das Spiel in China durch Social Media Aufmerksamkeit erhielt, sorgte auch der Anti-Piraterie-Mechanismus selbst für weitere Diskussionen.

Gerade für unabhängige Entwickler können solche viralen Momente einen enormen Unterschied ausmachen. Große Publisher sind dazu angehalten, Millionen Exemplare verkaufen zu müssen, um ihre Investitionen zu refinanzieren. Hingegen reichen kleineren Studios bereits eine geringere Menge verkaufter Exemplare, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Hier ließ sich der unerwartete Popularitätsschub unmittelbar in steigenden Verkäufen messen.

Allerdings bekam die Erfolgsgeschichte bereits wenig später einen Dämpfer. Bei der Auswertung seiner Backend-Daten kam HeyNau zu dem Ergebnis, dass 99 Prozent der zuletzt registrierten Verbindungen von Nutzern einer Raubkopie stammten. Hand in Hand damit gingen die Verkäufe nach seinen Angaben um rund 40 Prozent zurück. Ein Umstand, der seine bisher vergleichsweise gelassene Haltung gegenüber der Spielepiraterie grundlegend veränderte.

Indie-Spieleentwickler in gemütlichem Büro vor einem Monitor mit einem niedlichen Fast-Food-Spiel und einer kleinen Piratenflagge als Symbol für Videospiel-Piraterie.
99 % Raubkopierer wurden für den Entwickler zum Problem – und gleichzeitig zum Auslöser eines unerwarteten Erfolgs.

99 % Raubkopierer: Erfolgsgeschichte mit bitterem Nachgeschmack

Die ungewöhnliche Erfolgsmeldung entwickelte sich für HeyNau im Laufe der vergangenen Wochen zu einer ernüchternderen Bestandsaufnahme. Bei Arbeiten am Backend seines Spiels fiel dem Entwickler auf, dass ein Großteil der aktiven Nutzer keine legale Steam-Version verwendete.

In seinem aktuellen Reddit-Beitrag beschreibt er, es seien in den zuletzt verbundenen Accounts Benutzernamen aufgetaucht, die auf eine bekannte chinesische Website hindeuteten, über die unter anderem Raubkopien verbreitet werden. Zunächst überprüfte er die letzten 25 Verbindungen, später weitete er die Auswertung auf 100 Datensätze aus. Das Ergebnis überraschte selbst ihn:

„Heute musste ich den Filter auf die letzten 100 Einträge erweitern, um zu bestätigen, dass 99 % Piraten waren.“

HeyNau bezieht sich dabei auf die von ihm ausgewerteten Backend-Daten und die zuletzt registrierten Verbindungen seines Spiels. Nachdem die Piraterie ein kritisches Ausmaß erreicht hatte, holte sich HeyNau Unterstützung durch einen chinesischen Publisher. Dieser startete eine Vorregistrierung, ging gegen mehrere illegale mobile Versionen vor und meldete bereits am ersten Tag Tausende Anmeldungen für die offizielle Fassung. HeyNau zeigte sich mit der Zusammenarbeit und den gelieferten Zahlen zufrieden. Zugleich vermeldete er: „Doch während die mobile Piraterie nun etwas besser unter Kontrolle zu sein scheint, nimmt die PC-Piraterie rasant zu.

Zwischen Verständnis und Frust

HeyNau betrachtete Piraterie vor dieser Erkenntnis vergleichsweise gelassen. In seinem vorausgehenden Reddit-Beitrag schreibt er, dass er Raubkopierer nie verurteilt oder auf sie herabgesehen habe. Er habe versucht, mit ihrer Existenz zu leben und das Beste aus der Situation zu machen.

Die aktuellen Zahlen lassen ihn allerdings an seiner bisherigen Einstellung zweifeln. Nach seinen Angaben sind die Verkäufe mittlerweile um rund 40 Prozent zurückgegangen. Damit einhergehend steigt der Anteil nicht lizenzierter Spieler weiter an. Konkret beziffert er die Anzahl auf „9.000 Spieler, die unter dem Namen dieser Piraterie-Website angemeldet sind„. Deshalb stellt der Entwickler erstmals offen infrage, ob Piraterie tatsächlich dauerhaft parallel zu einer gesunden wirtschaftlichen Entwicklung existieren kann, eine Auffassung, die er zuvor selbst vertreten hatte. Sein ernüchterndes Fazit auf Reddit lautet:

„Heute möchte ich jedoch eine Debatte anstoßen, zu der ich nie eine feste Meinung hatte: Hilft oder schadet Piraterie Spielen? Denn ich glaube, Piraterie frisst mein Spiel und meinen Server auf.“

Dennoch gibt es Hoffnung, denn das Spiel liefe immer noch gut:

Ich schreibe das nicht, um Aufmerksamkeit zu erregen, denn zum Glück läuft das Spiel immer noch gut. Niemand hier muss es kaufen, deshalb nenne ich auch nicht den Namen.

Über

Antonia ist bereits seit Januar 2016 Autorin bei der Tarnkappe. Eingestiegen ist sie zunächst mit Buch-Rezensionen. Inzwischen schreibt sie bevorzugt über juristische Themen, wie P2P-Fälle, sie greift aber auch andere Netzthemen, wie Cybercrime, auf. Ihre Interessen beziehen sich hauptsächlich auf Literatur.