Speedcheck 2019: Die Peinlichkeit des deutschen Mobilfunks

Deutschland ist ein reiches Land. Beim Gesamtvermögen, Bruttoinlandsprodukt und Wert aller exportierten Waren und Dienstleistungen liegt Deutschland unter den ersten Ländern. Das Manager Magazin beurteilt Deutschland u.a. als geeigneten Technologiestandort. Trotzdem gibt es ein großes Problem: Deutschland kriegt den Internet- und Mobilfunkausbau einfach nicht hin. Die Debatte darum ist langsam ermüdend. 

Guter Ausgangspunkt

Erst kürzlich erschien der Mobilfunk Report 2019 von speedcheck.org und präsentiert damit eine Analyse von 7.383.868 Haushalten. Obwohl Deutschland wirtschaftlich sehr gut dasteht und einige große IT-Firmen beheimatet, ist der aktuelle Stand des mobilen Internets beschämend. Doch wollen wir noch nicht zu viel vorwegnehmen. Der Speedcheck Report will vor allem versuchen anhand der erhobenen Daten die unterschiedlichen Entwicklungen der Länder zu erklären.

Gerade im Hinblick auf den lang ersehnten und viel diskutierten 5G-Ausbau ist der Report spannend. Dass Deutschland sich als eines der reichsten Länder Europas nur auf Platz 70 befindet, ermittelte bereits OpenSignal im Februar 2018. Dabei wurden die Daten durch 58 Billiarden Messungen auf 4,8 Millionen Geräten erhoben. Dies ist peinlich im Angesicht der immer wiederkehrenden Reden von Politikerinnen und Politikern in den letzten Jahren.


Mobilfunkausbau: schlechte Ergebnisse

Trotz Omnipräsenz in der Werbung, gibt es LTE-Empfang nur in 65,5% Deutschlands.  Aber auch die Internetgeschwindigkeit lässt zu wünschen übrig. Immer mehr Nutzerinnen und Nutzer bei gleichzeitiger Stagnation des Mobilfunkausbaus sorgen für die Abnahme der Internetgeschwindigkeiten am Smartphone für alle. Im ersten Halbjahr 2019 verzeichnet Deutschland eine durchschnittliche Downloadgeschwindigkeit von nur 14Mbit/s. Andere EU-Länder, die sich in der Internetgeschwindigkeit genau so schlecht hervorheben, sind Portugal, Irland, Italien und einige osteuropäische Staaten. Verglichen mit den meisten EU-Ländern nahezu ein Witz.

Dabei kommt die Frage auf: Warum ist das so und warum verzeichnen die Niederlande eine Downloadgeschwindigkeit von 35Mbit/s oder Belgien von fast 27Mbit/s? Gerade kleinere Länder schließen gut ab, weil die Gesamtfläche nicht so groß ist und die Bevölkerungsdichte umso höher. Der Ausbau unter diesen Voraussetzungen ist schlicht viel simpler als in einem großen Land wie Deutschland, wo über etliche Kilometer hinweg zwischen Dörfern und Städten nichts kommt. Zwar ist das eine Erklärung, aber keine Rechtfertigung. Denn im Gegensatz zu anderen EU-Staaten verfügen Deutschland und dessen Telekommunikationsanbieter über das nötige Kleingeld einen Ausbau voranzutreiben. Trotzdem laufen wir auf der Stelle.

Preislich befindet sich Deutschland ebenfalls auf den hinteren Plätzen. Gerade LTE-Flatrates waren bis vor ein paar Monaten noch Luxus in Deutschland. Etwaige Flatrates gab es im Rest von Europa schon deutlich länger und vor allem billiger. Aber auch das mobile Datenvolumen war und ist im Preis-Leistungs-Verhältnis zu anderen Ländern kaum so unverhältnismäßig wie hier. Im EU-Vergleich befand sich Deutschland bei solchen Vergleichen oft auf den letzten Plätzen. Ein Artikel des FOCUS vor ein paar Jahren scherzte sogar „50-mal günstiger: Finnen surfen den Deutschen davon“ (2015). Dass hinter dem Spaß Kunden mit völlig überteuerten Verträgen zurückblieben, will man am liebsten vergessen. Zumindest soll es nun besser werden. Allerdings hieß es dass auch schon vor Jahren.

Aussichten des deutschen Mobilfunks

Die Regierung hatte Ende Juni 2019 beschlossen nach der Versteigerung von 5G-Frequenzen, Mobilfunkanbieter zu mehr Transparenz zu verpflichten. Demnach sollen die Betreiber der Bundesnetzagentur die tatsächlichen Daten der Abdeckung übermitteln. Bei nicht abgedeckten Regionen müssen sie für den Kunden kostenlos das Netz der Konkurrenz zur Verfügung stellen. Damit soll ein weiterer Ausbau erzwungen werden. Ob diese neuen Regularien wirken, werden wir dann beim nächstjährigen Speedcheck Report sehen. Zumindest soll die Bundesnetzagentur in Zukunft mehr auf die Finger der Netzversorger schauen und ihnen Versorgungsauflagen erteilen, die bei Missachtung mit Zwangs- und Bußgeldvorschriften beantwortet werden.

Tarnkappe.info

 

Beitragsbild Nijwam Swargiary, thx! (unsplash licence)

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