Clearview AI: Gesichtserkennung bietet hohes Missbrauchspotenzial

Clearview soll eigentlich der Bekämpfung von Verbrechen dienen, doch nun wurden auch zahlreiche Missbrauchsfälle bekannt.

Clearview

Ob als Polizeiwerkzeug oder als geschätztes Spielzeug reicher Menschen, die Gesichtserkennungssoftware Clearview AI erfreut sich allseits großer Beliebtheit. Zwar versichert das Start-up Clearview in einem Blogspot, dass die Suchmaschine von Clearview AI nur für Strafverfolgungsbehörden und ausgewählte Sicherheitsexperten als Ermittlungsinstrument zur Verfügung stünde, die Praxis zeigt jedoch, dass missbräuchliche Verwendungen den Weg an die Öffentlichkeit gefunden haben, wie New York Times aufdeckte.

Clearview AI: mittels Gesichtserkennungssoftware zu realen Identitäten

Clearview AI ist ein US-amerikanisches Start-up mit Sitz in New York City. Das Unternehmen hat sich mittels sehr großer Bilddatenmengen und maschinellem Lernen auf die Gesichtserkennung mit Computersystemen spezialisiert. Unter Einsatz der vom Star-up entwickelten Software kann man Menschen durch deren Gesichtsmerkmale innerhalb weniger Sekunden erkennen. Dabei greift die Datenbank auf ca. drei Milliarden Fotos zu, die das Unternehmen von Personen aus öffentlich zugänglichen Quellen im Internet, wie Facebook oder YouTube, durch Screen Scraping gesammelt hat. US-Investor Peter Thiel, der unter anderem das Datenanalyseunternehmen Palantir finanziell unterstützte, hat auch dieses Projekt bezuschusst.


App-Verbreitung steht im Widerspruch zu Clearview-Verhaltenscodex

Entgegen der Behauptungen im Verhaltenscodex von Clearview hat das Unternehmen seine Datenbanken auch großen amerikanischen Handelsketten gegen Bezahlung zugänglich gemacht. Diese suchen damit nach Ladendieben und Betrügern. Zudem hat New York Times noch weitere Personen mit aktivem Clearview-Zugang festgestellt, die keine Ermittlungsbeamten sind. Sowohl Kunden, als auch Investoren und Freunde des Unternehmens nutzen die App zwecks Gesichtserkennung auf Partys, bei Terminen und Geschäftstreffen. Zu den über 2.200 Kunden gehören zudem Behörden und Organisationen in autokratischen Regimen, wie Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

„Wir haben Testkonten für potenzielle und aktuelle Investoren und andere strategische Partner zu Verfügung gestellt, damit sie die Technik ausprobieren können“,

begründet Clearview-Gründer Hoan Ton-That die Fremdnutzung.

Mittels App identifiziert Vater das Date seiner Tochter

John Catsimatidis, Inhaber der Lebensmittelkette Gristedes, nutzte die App beispielsweise, um einen Freund seiner Tochter zu identifizieren. In einem italienischen Restaurant in Manhattan brachte die Tochter einen jungen Mann mit, den Catsimatidis noch nicht kannte. Die beiden nahmen an einem Nachbartisch Platz. Infolge hat er einen Kellner gebeten, den ihm Unbekannten zu fotografieren. Die Aufnahme hat Catsimatidis dann in die Clearview-App hochgeladen. Als Ergebnis bekam er umgehend eine Sammlung von Fotos des Mannes, in Verbindung mit den zugehörigen Webadressen. Es stellte sich heraus, das Date seiner Tochter war ein Risikokapitalgeber aus San Francisco. „Ich wollte sichergehen, dass er kein Scharlatan ist“, rechtfertigt sich Catsimatidis und schickte seiner Tochter einen Lebenslauf des Mannes. Für die Tochter war das Resultat erstaunlich: „Ich erwarte, dass mein Vater verrückte Dinge tun kann. Er ist technologisch sehr versiert. Mein Date war auch überrascht.“

Kapitalgeber haben App-Zugriff

Doch als App-Nutzer war Catsimatidis kein Einzelfall. Zu weiteren Unterstützern zählen neben Peter Thiel, der Risikokapitalgeber David Scalzo, Hal Lambert sowie der Schauspieler Ashton Kutcher. So bekannte Hal Lambert in einem Interview: „Ich habe die App. Ich zeige es Freunden von mir, potenziellen Investoren. Sie fanden es erstaunlich. Sie fragten: ‚Wie bekomme ich das?‘ Und ich antwortete: „Das kannst du nicht.“ Auch David Scalzo, der Gründer der Investmentfirma Kirenaga Partners, gab in einem Interview an, dass seine Töchter im schulpflichtigen Alter gerne mit der App spielten: „Sie nutzen es für sich und ihre Freunde. Es macht den Leuten Spaß.“ Ashton Kutcher stellt fest: „Ich habe gerade eine App auf meinem Handy. Es ist eine Gesichtserkennungs-App. Ich kann das Handy hier jedem vor das Gesicht halten und dann genau herausfinden, wer sie sind und welche Internetkonten sie nutzen. Es ist erschreckend.“

Clearview AI steht unter Kritik

Clearview war der Öffentlichkeit bis zum Januar 2020 noch unbekannt. Erst als die New York Times darüber berichtete, dass das Start-up ein bahnbrechendes Gesichtserkennungssystem entwickelt hatte, das von Hunderten von Strafverfolgungsbehörden verwendet wird, sah sich das Unternehmen Gegenreaktionen an mehreren Fronten gegenüber. Facebook, Google und andere Tech-Giganten schickten Unterlassungserklärungen. In Illinois und Virginia wurden Klagen eingereicht, und der Generalstaatsanwalt von New Jersey erließ ein Moratorium gegen die App in diesem Bundesstaat.

Clearview-Gründer Hoan Ton-That hingegen behauptet, dass Clearview nichts falsch macht. Seine App repliziert einfach das, was auch andere Suchmaschinen tun. Anstatt Internetnutzern zu erlauben, nach öffentlichen Bildern von Personen nach Namen zu suchen, wie dies bei Google möglich ist, ermöglicht Clearview Nutzern, die Suche durch Hochladen eines Gesichts durchzuführen.

Sind Tech-Brillen die Zukunft?

Für die Zukunft war eine Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Vuzix angedacht. Das Unternehmen wollte Tech-Brillen entwickeln, mit denen sich überall im öffentlichen Raum Menschen in Echtzeit identifizieren lassen. Über jede Person sollte der volle Name angezeigt werden.

Clearview plante erst kürzlich den Erwerb von US-Fahndungsfotos (Mugshots)  der letzten 15 Jahre und stand  deshalb mit Justizvollzugsbehörden in Verbindung, wie OneZero berichtete. Die veröffentlichten E-Mails stammten bereits vom August 2019. Ob jedoch Mugshots schon in die Datenbank eingepflegt wurden, ist fraglich.

Tarnkappe.info

Bildquelle: geralt, thx! (Pixabay Lizenz)

Ich bin bereits seit Januar 2016 Tarnkappen-Autor. Eingestiegen bin ich zunächst mit Buch-Rezensionen. Inzwischen schreibe ich bevorzugt über juristische Themen, wie P2P-Fälle, greife aber auch andere Netzthemen, wie Cybercrime, auf. Meine Interessen beziehen sich hauptsächlich auf Literatur.