Hörbuch-Piraterie: Hacker sagt Verlagen den Kampf an
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Hörbuch-Piraterie: Hacker sagt Verlagen den Kampf an

Die Polizei bemühte sich bisher vergebens, den russischen Hacker zu stoppen, der Tausende norwegische Hörbuch-Kopien illegal veröffentlicht.

Mindestens seit seiner Abschiebung für fünf Jahre aus Norwegen, im Jahr 2020, wirkt der russische Staatsbürger, Nikita Volgin, mutmaßlich daran mit, Hörbücher von norwegischen Verlagen kostenlos im Internet zu verbreiten. Zu finden sind auch große Teile des Fabel-Bestandes. Fabel, eine lokale Plattform für den Vertrieb von Hörbüchern, konnte hinter einer illegalen Hörbuch-Website Nikita Volgin identifizieren. Dieser bestätigte, Verbindungen zu dieser Plattform zu haben. Darüber berichtete TorrentFreak.

audiobookbay.nl, Hörbuch

Seinen Lebensunterhalt verdiente Nikita Volgin, damals 37-jährig, mit der Herstellung von Honig in einer Gemeinde in Telemark, Norwegen. Allerdings ging er dieser Beschäftigung ohne notwendige Arbeitserlaubnis nach. Es kam folglich im Jahr 2020 zu seiner Abschiebung. Seine Familie blieb allerdings in Norwegen zurück. Volgins damaliges Honig-Unternehmen besaß zudem Dutzende von Domains, die mit Hörbuchpiraterie in Verbindung standen. Volgin gibt an, dass er derzeit in Kiew, in der Ukraine, lebt.

Schließlich meldeten Fabel und Forlagshuset Vigmostad & Bjørke, der viertgrößte Verlag Norwegens, die mit Volgin in Verbindung stehende Piraten-Hörbuch-Site der Polizei, nachdem ihr Firmenlogo auf der Plattform angezeigt worden war.

Urteil fordert Löschung der illegalen Inhalte

In einem Urteil des Bezirksgerichts Telemark im Juli letzten Jahres hat man Nikita Volgin angewiesen, alle Werke von der illegalen Hörbuch-Website zu entfernen. Zudem sollte er Computer und andere elektronische Geräte herausgeben. Auch eine Geldstrafe von 15.000 Kronen verhängte man dabei. Anschließend erfolgten Beschlagnahmungen durch die Polizei und die Meldebehörden bei einer Adresse in der Telemark.

Verlage zeigen sich besorgt

Seither ist es der Polizei nicht gelungen, die Plattform zu schließen. Verlagsleiterin Ann-Kristin Vasselen bei Lydbokforlaget, die den Hörbuch-Streamingdienst Fabel betreiben, findet es bedauerlich, dass der Fall nicht gelöst wurde. Sie äußerte sich aktuell bei VG.no besorgt zum Thema und führt aus:

„Der Fall ist unbequem. Wir haben im letzten Jahr große Ressourcen eingesetzt, um dies zu stoppen. Die betreffende Person scheint Hörbücher aus verschiedenen Quellen illegal erworben zu haben. Das ist nicht nur ein Problem für uns, sondern für die gesamte Verlagsbranche und die Autoren, die Einnahmen verlieren.“

VG führt aus, dass von der Piraterie eine ganze Reihe norwegischer Verlage und Autoren betroffen sind. Bereits zweimal gelang es, solche illegalen Höbuch-Websites zu schließen. Auf ihnen fanden sich Kopien Tausender Verlags-Hörbücher, wie Aschehoug, Cappelen Damm, Gyldendal und Vigmostad & Bjørke. Vom Diebstahl betroffen waren solche namhafte Autoren, wie Jo Nesbø, Maja Lunde, Jørn Lier Horst und einer Reihe norwegischer und internationaler Autoren. Sowohl der Verlag Lydbokforlaget, als auch Vigmostad & Bjørke haben den Fall vor fast einem Jahr überprüft. Aktuell sind zwei neue Seiten aufgetaucht.

Hörbuch

Stößt Polizei im Fall an Grenzen?

Nachdem sich zwei neue Piraten-Seiten fanden, bestätigt die Polizei, dass daraufhin auch die Ermittlungen Fahrt aufnahmen. Untersuchungsleiter Bård Teigen vom Bezirk der Polizeiwache Mid-West äußert:

„Sobald eine Seite schließt, taucht eine neue auf, mit einer nur geringfügigen Änderung des Domainnamens. Wir sehen, dass hier eine Intensität vorhanden ist, da die Websites ständig mit kleinen Änderungen in den Domainnamen erscheinen. Wir nehmen den Fall ernst, solche Fälle sind eine Herausforderung für unsere Sozialsysteme. Es ist eine Person, die angeklagt ist, aber wir können nicht ausschließen, dass andere beteiligt sind, die eine größere Rolle dabei spielen.

Die Websites, die wir zu schließen versuchen, werden von mehreren Orten auf der Welt aus betrieben. Wir haben die Eigentümer der Domainnamen kontaktiert, um die beiden neuen Seiten schließen zu lassen, aber das ist zeitaufwändig und kompliziert. Es gibt auch viel Neues für uns kennenzulernen.

Es geht sowohl um Identitätsdiebstahl, die Verwendung von Unternehmensinformationen auf den illegalen Seiten, als auch um einen groben Verstoß gegen das Urheberrechtsgesetz mit einer Strafe von bis zu drei Jahren. Nach eigenen Angaben des Angeklagten handelt es sich hierbei um ein „wohltätiges Projekt“ ohne Werbung, das kein Ziel hat, Geld zu verdienen. Allerdings hat die Polizei folgende Hypothesen zum Motiv für das Hochladen von Tausenden von kostenlosen Hörbüchern ins Internet.

Polizei äußert Spekulationen zu Tatmotiven

Es kann um finanzielle Gewinne gehen, die durch Klicks und Werbung generiert werden, möglicherweise um Geldspenden. Es kann auch darum gehen, Wissen zu erlangen – und in bestimmten Umgebungen Ehre und Glaubwürdigkeit zu ernten. Letztlich könne es auch ein Rachemotiv sein.

Internetbasierte Kriminalität auf dieser Ebene ist forschungsintensiv und wird folglich Zeit in Anspruch nehmen, und die Tatsache, dass sich die Akteure wahrscheinlich im Ausland befinden, macht es kompliziert. Auf der Website haben Ermittler Unterlagen über die Aktivitäten eingeholt und Verhöre durchgeführt.“

e-book

Die internationale Herangehensweise an den Fall macht es kompliziert. Eine Site wurde von einem Server in Hongkong heruntergefahren, eine andere von den Vereinigten Staaten. Der Mann selbst befindet sich außerhalb von Schengen, informiert die Polizei des News-Portal VG.

Kampfansage an Hörbuch-Industrie

Im Juli letzten Jahres nahm Nikita Volgin bei Dagens Næringsliv, dem norwegischen Nachrichtendienst DN.no (Paywall), zu den Vorwürfen Stellung. Kämpferisch behauptete er:

„Jetzt bekommt Norwegen also, was Norwegen verdient. Zusammen mit meinen Kollegen werde ich die gesamte Hörbuch-Industrie zerstören, die sich mit der Aufnahme und dem Verkauf von Hörbüchern beschäftigt.“

Mangelnder Verlags-Service Grund für Hörbuch-Piraterie

Volgin hob hervor, dass er nicht direkt hinter der Website für Hörbuch-Piraterie stehe. Stattdessen behauptete er, ein Experte für Suchmaschinenoptimierung zu sein. Diese Fähigkeit nutze er, um die Plattform sichtbarer zu machen.

2011 wurde Volgin von der Staatsanwaltschaft in St. Petersburg wegen Hacking verurteilt. Er führte aus: „Meine reiche Erfahrung in der Erstellung und Entwicklung von Websites war für dieses Projekt hilfreich, aber der Fall von 2011 hat damit nichts zu tun“. Den Beweggrund für sein Handeln führte Volgin auf einen mangelhaften Service der Verleger zurück:

„Als Nutzer bin ich der Meinung, dass Fabel ein ziemlich teures Abonnement anbietet. Gleichzeitig liefern sie einen minderwertigen Service voller Fehler. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber es gibt vielleicht keine kostenlose Möglichkeit, norwegische Hörbücher online zu hören. Deshalb denke ich, dass die [Piraten-]Website ein erfolgreiches und nützliches Projekt ist.“

Volgin rudert zurück

Hörbuch

Aktuell äußerte sich Nikita Volgin bei VG.no. Hier meinte er, seine Kampfansage an die Hörbuch-Verlage von damals sei nicht so ganz ernst zu nehmen.

Die meisten Hörbücher kaufen die Piraten über Streaming-Dienste und Online-Shops. Dann veröffentlichen sie auf ihrer Hörbuch-Website. In einer E-Mail an VG führt er aus:

„Eigentlich finde ich es unfair, dass die Industrie in einem wohlhabenden Land wie Norwegen der Öffentlichkeit nicht mal eine kleine Auswahl an kostenlosen Hörbüchern anbieten kann. Folglich könne man das Projekt als Charity-Projekt bezeichnen“.

In Bezug auf das Urteil des Bezirksgerichts, das ihn aufforderte, die Hörbücher von der Website zu entfernen, sagt Volgin, dass das Gericht einen Fehler gemacht habe, als es ihn als Eigentümer bezeichnete.

„Es gehört mir nicht persönlich, also kann ich auch nicht die volle Verantwortung dafür übernehmen. Wir haben ein Team, das an dem Projekt arbeitet.“

Niktia Volgin behauptet gegenüber VG, dass die Autoren selbst nichts dagegen hätten, kostenlos heruntergeladen zu werden, und dass einige Autoren selbst darum bitten, auf der Seite veröffentlicht zu werden. Eystein Hanssen, Vorsitzender des Schriftstellerverbandes, hält das hingegen für Unsinn. Er sieht auf den Webseiten mit Gratisexemplaren einen groben Missbrauch der Autorenrechte. Er führt gegenüber VG.no aus:

„Das können wir entschieden ablehnen. Kein norwegischer Autor möchte auf einer Piratenseite missbraucht werden. Wir sind besorgt über die Rechte unserer Mitglieder und den Schutz des Urheberrechts. Hier werden diese Rechte grob missbraucht.Es ist sehr problematisch, dass zwei neue Seiten aktiv sind. Das füge Verlegern und Autoren erhebliche finanzielle Einbußen zu – und hätte längst gestoppt werden müssen.“

4.000 illegale Dateien auf den Hörbuch-Websites verfügbar

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Der Anwalt von Lydbokforlaget, Mathias Lilleengen von der Anwaltskanzlei Bing Hodneland, hat kürzlich die Polizei aufgefordert, die Ermittlungen zu beschleunigen. Nach Angaben des Anwalts gibt es dort rund 4.000 illegale Dateien. Lilleengen äußert sich wie folgt dazu:

„Wir verstehen, dass es für die Polizei einfacher gewesen wäre, wenn die Person dahinter nicht aus Norwegen abgeschoben worden wäre. Aber sein Geschäft richtet sich nach Norwegen, also erwarten wir, dass die Polizei und die Registrierungsbehörden alles tun, um ihm die Illegal erlangten Hörbuchdateien abzuringen, auf denen er sitzt.

Die geschädigten Lizenznehmer seien jetzt frustriert über die Langsamkeit der Polizei in dem Fall. […] Die Person hinter den illegalen Seiten hat falsche Kontaktdaten und verschiedene Herausgeber als Verantwortliche für die Seiten angegeben. Darunter auch Verlage, die damit natürlich nichts zu tun haben. Hoffentlich verstehen die meisten Leute, die die Hörbuch-Website finden, dass es sich um illegale Aktivitäten handelt und laden keine illegalen Dateien herunter.“

Tarnkappe.info


Über

Antonia ist bereits seit Januar 2016 Autorin bei der Tarnkappe. Eingestiegen ist sie zunächst mit Buch-Rezensionen. Inzwischen schreibt sie bevorzugt über juristische Themen, wie P2P-Fälle, sie greift aber auch andere Netzthemen, wie Cybercrime, auf. Ihre Interessen beziehen sich hauptsächlich auf Literatur.