Google löscht
Google löscht
Bildquelle: Mitchell Luo, Lizenz

Google löscht auf Rekordniveau – stößt das DMCA-System an seine Grenzen?

Google löscht Milliarden Einträge aus ihrem Verzeichnis. Doch bei exakt 70 Mio. URLs pro Woche scheint Google ein Limit gesetzt zu haben.

Google löscht Woche für Woche Millionen angeblich urheberrechtsverletzende Links aus seinen Suchergebnissen. Doch ausgerechnet der weltweit größte DMCA-Melder scheint inzwischen an eine unsichtbare Grenze gestoßen zu sein. Die Zahlen werfen Fragen auf: Gibt es bei Google ein geheimes Limit für Löschanträge?

Laut dem aktualisierten Transparency Report von Google hat die niederländische Anti-Piraterie-Firma Link-Busters mittlerweile mehr als 6,5 Milliarden URL-Löschungen beantragt. Damit verantwortet das Unternehmen allein über ein Drittel aller knapp 18 Milliarden DMCA-Anträge, die Google bislang erhalten hat. Früher war das noch deutlich weniger.

Ein Marktführer mit Abstand

Die Firma Link-Busters arbeitet für zahlreiche internationale Verlage, darunter Penguin Random House und HarperCollins. Der Fokus liegt vor allem auf sogenannten Schattenbibliotheken und Plattformen, die urheberrechtlich geschützte Bücher ohne Erlaubnis anbieten. Ihre Einträge sollen öffentlich nirgendwo mehr in Suchmaschinen erscheinen.

Die Dimensionen sind gewaltig: Der zweitgrößte Melder Rivendell (Forward Global) kommt auf knapp 1,5 Milliarden Anträge, gefolgt von MG Premium, der Rechteverwertungsabteilung des Pornhub-Mutterkonzerns Aylo, mit rund 1,26 Milliarden Meldungen. In deren Namen haben früher Unbekannte Fake-Abmahnungen verschickt. Eine Berliner Kanzlei verschickt aber auch echte Abmahnungen in ihrem Namen. An das Niveau von den Niederländern kommt niemand heran. Kein anderer Akteur erreicht auch nur annähernd die Größenordnung von Link-Busters.

Google als Freund aller Musik-Piraten

Google löscht nur so viel, wie es will?

Besonders auffällig ist jedoch eine Entwicklung, die bislang kaum Beachtung fand. Nachdem die Zahl der gemeldeten URLs zwischen 2023 und 2024 nahezu explosionsartig angestiegen war, stagniert sie seit etwa einem Jahr bei rund 60 bis 70 Millionen URLs pro Woche.

Die Kurve verläuft mittlerweile nahezu waagerecht. Für Beobachter sieht das weniger nach einem natürlichen Rückgang der Piraterie aus als vielmehr nach einer technischen oder organisatorischen Obergrenze. Ob diese Grenze bei Google oder bei Link-Busters selbst liegt, bleibt unklar. Über dieses Phänomen berichtete der P2P-Blog TorrentFreak.

Google weicht der Frage aus

Die Kollegen fragten direkt bei Google nach, ob für sogenannte „Trusted Partners“ ein tägliches oder wöchentliches Limit existiert. Die Antwort fiel bemerkenswert ausweichend aus.

Forward Global
Die Statistiken von Forward Global.

Ein Sprecher verwies lediglich auf das „Trusted Content Removal Program“ (TCRP), das verifizierten Rechteinhabern bzw. ihren IT-Dienstleistern die automatisierte Einreichung großer Mengen von Löschanträgen ermögliche. Man stelle sicher, dass diese Partner „die Menge einreichen können, die sie benötigen“. Das heißt alles und nichts. Eine klare Aussage, ob tatsächlich eine Obergrenze an Löschungen pro Woche oder Monat existiert, blieb Google jedoch schuldig.

Das überrascht. Bereits 2013 hatte der Konzern noch ausdrücklich erklärt, es gebe „keine Begrenzung für die Anzahl von DMCA-Meldungen“. Damals stritten Rechteinhaber über ein mutmaßliches Limit von lediglich 10.000 URLs pro Tag. Heute bewegt sich Link-Busters bei rechnerisch rund zehn Millionen URLs täglich – dem Tausendfachen dieser damaligen Größenordnung. Wahrscheinlich ahnte man nicht, wie viele URLs Google löschen muss.

Milliarden Meldungen pro Jahr

Bleibt das aktuelle Niveau bestehen, wird Link-Busters jährlich etwa 3,5 Milliarden URLs an Google melden. Die Fehlerquote liegt laut den Transparenzdaten bei unter einem Prozent und damit deutlich unter dem Branchendurchschnitt.

pirate ship Google

Interessant ist auch ein weiterer Wert: Rund acht Prozent der gemeldeten URLs waren zum Zeitpunkt der Meldung noch gar nicht im Google-Index vorhanden. Trotzdem hat die Suchmaschine sie vorsorglich für eine spätere Indexierung gesperrt.

Kritiker sehen darin ein weiteres Beispiel für die zunehmende Automatisierung von Löschprozessen, bei denen Inhalte teilweise entfernt oder blockiert werden, bevor sie überhaupt sichtbar werden. Prüfen kann diese Masse sowieso niemand mehr eigenhändig.

Effizienter Urheberrechtsschutz …

Die eigentliche Frage bleibt unbeantwortet: Warum stagniert die Zahl der Löschanträge exakt auf diesem Niveau? Und warum bleibt es exakt dabei?

Denkbar sind technische Beschränkungen bei Google, Kapazitätsgrenzen bei Link-Busters oder bewusst eingezogene Sicherheitsmechanismen, um jeglichen Missbrauch zu verhindern. Solange weder Google noch Link-Busters Transparenz schaffen, bleibt viel Raum für Spekulationen.

Link-Busters

Fest steht nur: Noch nie zuvor hat ein Unternehmen derart viele DMCA-Meldungen bei Google eingereicht. Gleichzeitig zeigt die Entwicklung, wie stark die Durchsetzung von Urheberrechten inzwischen von automatisierten Massensystemen abhängt.

Die Zahl von 70 Millionen URLs pro Woche wirkt auf den ersten Blick wie ein Erfolg der Rechteinhaber. Sie wirft jedoch auch die grundsätzliche Frage auf, ob Suchmaschinen längst zu privaten Vollstreckern eines globalen Löschapparats geworden sind. Und dies mit Milliarden Entscheidungen, die niemand nachvollziehen kann.

… oder digitale Selbstjustiz der Rechteinhaber am Fließband?

Ob die Löschorgie längerfristig etwas bringt, ist ebenfalls fraglich. Manche Portale ändern die URLs, damit man sie wieder finden kann. Kurze Zeit später erfolgt die nächste Löschaufforderung für die neue Adresse. Google löscht erneut automatisiert. Und dann beginnt das Spiel wieder von vorne. Doch wenn man die Betreiber nicht ausfindig machen kann, bleibt den Rechteinhabern nichts anderes übrig, als DNS-Sperren zu fordern und die Suchmaschinen zu beeinflussen.

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Lars Sobiraj

Über

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Früher brachte Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert. In seiner Freizeit geht er am liebsten mit seinem Hund spazieren.