Wenn der Schriftsteller leer ausgeht: Mira Morton im Interview

Die Wiener Autorin Mira Morton entdeckte eines ihrer E-Books im Web für 3.99 Euro. Allerdings bekommt sie vom Betreiber Sellbox keinen Cent davon ab.

Die österreichische Autorin Mira Morton entdeckte Schwarzkopien ihrer eigenen E-Books im Internet. Bei Sellboxhq.com werden ihre Liebesromane zum vierfachen Preis verkauft. Die Autorin oder der THG-Verlag erhalten davon keinen einzigen Cent. Auf unsere Anfrage vom 24.1. haben die polnischen Betreiber der Firma Sellbox bis heute nicht reagiert. Doch es gibt noch mehr „Liebhaber“ der E-Books, die unter dem Pseudonym Mira Morton veröffentlicht wurden. Auch das illegale Verkaufsportal LUL.to hat Mortons romantische Komödie „Ich will keinen Bodyguard“ für ganze 10 Cent im Angebot. Wir haben uns kürzlich mit der Autorin über Verkaufspraktiken verschiedener Portalbetreiber unterhalten, bei denen die Schriftsteller komplett leer ausgehen.

sellboxhq.com 91 Percent E-Book, mira morton

Schon im Juni 2012 kündigte das Tech-Portal engadget.de die Gründung eines neuen Startups in Poznan an. E-Books, Video-Anleitungen, Indie-Games und vieles mehr werden in die Cloud hochgeladen, und können via SellBox zum Verkauf angeboten werden. Die Datei bei Dropbox und Google Drive hochladen und 91% der Einnahmen kassieren, mag auf den ersten Blick sehr gut klingen. Das Problem ist nur, dass die Betreiber offenbar nicht sonderlich gründlich prüfen, ob die Uploader auch die Rechte an den Werken besitzen. Bei SellBox wird seit kurzem sogar die anonyme Bezahlung der Werke per Bitcoin (digitale Währung) angeboten. Wer auch immer das System missbrauchen will, kann sich nun anonym bezahlen lassen. Das macht einen Missbrauch natürlich noch leichter, weil man nur schwerlich als Rechtsverletzer identifiiziert werden kann.

sellboxhq.com offline

Es ist nirgendwo ein Hinweis zu finden, was in den letzten Tagen mit der Firma sellbox s.c. passiert. ist. Die Webseite ist derzeit nicht erreichbar. Gestern erschien lediglich ein Hinweis bei Cloudflare, das die Live-Version der Webseite nicht online sei. Wir haben heute eine Anfrage an die Firma und ihren Gründer per Twitter verschickt und warten auf eine Antwort. Wie aber fühlt sich die betroffene Autorin, die versucht, mit ihren Büchern Geld zu verdienen oder sogar davon zu leben? Das möchten wir von Mira Morton selbst wissen.


Lars Sobiraj: Das Download-Portal Sellbox.hq sieht von außen total seriös aus. Dein Buch wird dort ohne jede Kompensation für 3.99 Euro zum Verkauf angeboten. Wie konnte das passieren?

Mira Morton: Ehrlich? Ich verstehe es selbst nicht, was hier im Moment passiert. Fakt ist aber, was ich mittlerweile herausgefunden habe und hoffentlich noch herausfinden werde, deutet darauf hin, dass es sich hier schlicht und ergreifend um Machenschaften handelt, die als kriminell einzustufen sind.- Also in Summe, wenn dem am Ende so ist, recht traurig.

Lars Sobiraj: Bei LUL.to kostet ein E-Book von Dir ganze 12 Cent. Ist der offizielle Verkaufspreis von 99 Cent schon zu viel?

Mira Morton: Wenn ich tatsächlich annehmen müsste, dass meine Arbeit von einem halben Jahr plus die Kosten, die ich in Cover, Lektorat, Gewinnspiele, Werbung, Vertrieb usw. investiere, am Ende dazu führen, dass einige Stunden Vergnügen mit meinen Büchern nicht so viel wert sind wie ein Kaffee irgendwo, dann kann ich doch nur heute mit dem Veröffentlichen aufhören. Also noch wehre ich mich innerlich gegen diese Vorstellung.

Aber ja, als Realist gefragt, sind offensichtlich auch 99 Cent schon zu viel und bei einem, meiner Ansicht nach fairen E-Book-Preis von € 4,99 aufwärts könnte ich mir die Veröffentlichungen tatsächlich sparen und etwas anderes tun. Das Problem ist ja nur, ich liebe es zu schreiben und auch, mit meinen Leserinnen darüber zu plaudern!

 

Anfrage per E-Mail an Sellbox wegen mira morton.

Anfrage per E-Mail an Sellbox

 

Lars Sobiraj: Was war das für ein Gefühl, die eigenen E-Books im Internet zu entdecken, die entweder kostenlos angeboten werden oder wo Du nicht an den Umsätzen beteiligt wirst?

Mira Morton: Also besonders schön war das nicht, das kann ich dir sagen. Und es trifft mich als Autorin sehr. Viele von den Indies leben ja vom Schreiben, da ist es möglicherweise existenzbedrohend. Ich habe das Glück, nicht vom Schreiben leben zu müssen, aber langsam frage ich mich, warum ich mir das Veröffentlichen eigentlich leiste, wenn meine Bücher dann am Ende irgendwo kostenlos zum Download angeboten werden, oder noch schlimmer, um viel Geld, das irgendjemand an meinem geistigen Eigentum verdient?

„Besonders schön war das nicht, das kann ich dir sagen.“

Lars Sobiraj: Du verfasst eher seichte Literatur zum Abschalten. Viele Buchpiraten sind Frauen, gehören Deine Leser auch dazu? Glaubst Du, es gibt diesbezüglich einen signifikanten Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Lesern?

Mira Morton: *LACH* Also was einmal auf jeden Fall stimmt ist, dass ich mich als Mira Morton entschieden habe, moderne Märchen zum Abtauchen zu schreiben. Klar ist das keine tiefsinnige Literatur, aber ich denke, jedes Genre hat seine Berechtigung, zumal ich selbst als Leserin beinahe alle Genres liebe und vom Fachbuch über Klassiker bis hin zu Fantasy- oder eben Chick-Lit-Romane alles lese.

Mira Morton

Ob nun die Buchpiraterie hauptsächlich von Frauen betrieben wird, kann ich nicht sagen. Möglich, dass im Genre Liebesromane die Downloader hauptsächlich Frauen sind, aber es werden ja auch andere Genres wie Krimis und Thriller angeboten. Ich schätze, es wird sich die Waage halten.

Das grundsätzliche Problem sehe ich darin, dass bei Vielleserinnen und Viellesern Bücher leider, vor allem in der E-Book-Form, zum „Weg-lese“-Produkt oder einfach „Haben-wollen“-Produkt mutiert sind. Dass aber auch hier viel Arbeit drinnen steckt, wird kaum mehr gesehen, und ich denke, wir Selbstpublisher tragen mit unseren Preisaktionen um € 0,00 und € 0,99 eine Mitschuld, zumindest ich persönlich. Nachdem wir in den Buchhandlungen ja kaum bis gar nicht präsent sind, benötigen wir sie jedoch als „Auslage“, um gute Rankings bei den Online-Plattformen zu erzielen, damit überhaupt jemand unser Bücher findet und eventuell kauft.

Den Joghurt muss man im Laden doch auch bezahlen.

Aber dennoch sprechen wir von erwachsenen Menschen, die sich im Rahmen der jeweiligen Gesetze zu verhalten haben, und hier ganz klar bestehendes Recht verletzen.
Ich gehe ja auch nicht in ein Geschäft, nehme mir ein Joghurt und eine Packung Nüsse aus dem Regal, und marschiere lächelnd an der Kassiererin vorbei und sage, „Sorry, das Joghurt ist ein „Weg-esse“-Produkt und die Nüsse wollte ich einfach haben, und deshalb bezahle ich das nicht. Schönen Tag noch!“ Buchpiraterie ist ganz klar ein Straftatbestand.

Sind es nun meine Leserinnen, die illegal downloaden?  Ich nehme ja schon an, dass meine Bücher auch auf diese nicht legale Art Leserinnen finden, demnach wird es also Leserinnen geben, die über diese Kanäle zu meinen Büchern finden. Bei Leserinnen, die mit mir in Kontakt stehen, kann ich mir das allerdings überhaupt nicht vorstellen.

Lars Sobiraj: Laut Bonik/Dr. Schaale kommt auf ein bezahltes E-Book mindestens 10 schwarz kopierte. Was glaubst Du, wie schaffen es die Leserinnen und Leser ihr schlechtes Gewissen auszuschalten? Wo siehst Du die Ursachen für die vielen schwarzkopierten E-Books? (Quelle)

Mira Morton: Also gesetzt den Fall dieses Verhältnis von legal gekauften zu illegal kopierten Büchern träfe auch auf mich und meine Bücher zu, dann wäre das sehr traurig. Ich würde als Autorin, rein von den Verkaufszahlen, dann ja einen ganz anderen Marktwert haben. Theoretisch zumindest.

sellbox bitcoinVor allem wenn man bedenkt, dass ein Buch zu veröffentlichen ja zunächst einmal den unabhängigen Autor oder die Autorin eine Menge Geld kostet (bei mir derzeit für mein neues Buch so um die €1.200,00 netto), dann ist es noch viel bedenklicher. Es könnte passieren, dass eine Autorin oder ein Autor sich irgendwann schlicht und ergreifend keine Veröffentlichung mehr leisten kann oder will. Und dann sind die Verlierer abgesehen von einem selbst vor allem jene Leserinnen und Leser, die ihren Lieblingsautor oder ihre Lieblingsautorin immer durch ehrliche Käufe unterstützt haben. Und das empfinde ich als eher wenig ansprechendes Szenario.

Lars Sobiraj: Was glaubst Du, wie es die Schwarzkopierer schaffen, ihr Gewissen auszuschalten?

Mira Morton: Ich glaube, dass viele hier einen Denkfehler begehen. Er könnte darin bestehen, dass man sich selbst sagt, ‚Naja, hätte sich meine Freundin das Buch gekauft, könnte ich es mir ja auch gratis ausborgen, also was solls!‘ – ‚Ist ja nur ein Buch, vielleicht eines, das mir am Ende gar nicht gefällt oder ohnehin eines, das gerade um € 0,99 angeboten wird.

Viele begehen einen Denkfehler…

Das Problem dabei ist aber die Menge. Wie vielen Menschen kann ich mein gekauftes Printbuch denn leihen? Aber bei Download-Plattformen sprechen wir von Unmengen an Büchern. Das ist die eine Seite. Die andere Frage, die sich jeder und jede, die das tun, stellen sollte, ist die, ob Sie auch samstags einmal in die Buchhandlung gleich ums Eck gehen und absichtlich dort ein Buch stehlen? Vielleicht zufällig dabei beobachtet und anschließend angezeigt werden wollen? Wegen Diebstahl? Ist das eine schöne Vorstellung? Also für mich nicht.

Für mich sind illegale Downloads nicht anders, als würde jemand in meine Wohnung spazieren und meinen, er nehme jetzt einmal eine Vase  mit, einfach weil sie so nett aussieht. Oder wenn die Bücher an diese Plattformen übermittelt werden, dann räumt jemand hinter meinem Rücken gleich meine gesamte Wohnung aus. Für mich ist beides ganz simpler Diebstahl. Nicht mehr und nicht weniger. Und Unwissenheit als Argument ins Rennen zu führen, warum ich Gesetze nicht einhalte, schützt bekanntlich auch vor Strafe nicht.

Als Ursache für die vielen illegalen Downloads kann ich mir nur vorstellen, dass es so einfach und unkompliziert ist und vielleicht das Unrechtsbewusstsein verlorengegangen ist. Mehr fällt mir dazu auch nicht ein.

mira morton lul.to

Screenshot: E-Books von Mira Morton für 10 bzw. 12 Cent bei LUL.to.

Radikal gedacht könnten wir Indie-Autorinnen und Autoren uns natürlich auch zusammenschließen und nur mehr gedruckte Bücher herausgeben, oder aber jedes Buch und jedes E-Book der gesamten Buchbranche erhält eine rückverfolgbare „Seriennummer“, die nachweislich einmal bezahlt werden muss. Oh, da hätte ich auch noch ein paar andere kreative Ideen.

Lars Sobiraj: Viele Autoren schweigen sich zu diesem Thema aus. Vielleicht auch weil E-Books noch eine Nische darstellen. Oder hast Du andere Ideen, warum sich die meisten Betroffenen dazu ausschweigen?

Mira Morton: Naja, in letzter Zeit haben doch einige, also zum Beispiel auf FacE-Book, dazu Stellung bezogen. Es gab auch eine Solidaritätsaktion für die Autorinnen und Autoren, was wirklich süß war. Aber im Grunde hilft nur eines: Fakten sammeln, öffentlich dazu stehen, aber vorher ab zur Polizei. Ich nehme an, dass jene, die sich tatsächlich ausschweigen, vielleicht auch gar nicht wissen, was sie dagegen unternehmen können. Die Sache mutet ja irgendwie an wie David gegen Goliath.

sellbox start with dropbox„Fakten sammeln, öffentlich dazu stehen, aber vorher ab zur Polizei.“

Lars Sobiraj: Wie ist es überhaupt dazu gekommen, dass Du angefangen hast Bücher zu schreiben?

Mira Morton: Tja, also ich schreibe, seit ich ein Kind bin. Anfangs eben nur Aufsätze und Tagebücher  Und dann, naja dann habe ich jahrelang nur für mich selbst geschrieben, und das Geschriebene eben nur ab und zu einmal meinen Freundinnen zum Lesen gegeben. Aber an und für sich habe ich ein Faible für Sprache und Schreibstile. Daher habe ich mich in verschiedenen geübt und genieße es auch beim Lesen sehr, wenn jemand da etwas draufhat (wie wir Österreicherinnen so sagen).

Mein Liebling ist diesbezüglich Wolf Haas – ein Virtuose! (Natürlich neben vielen anderen Autorinnen und Autoren, die ich sehr verehre.) Und ich bin ein Fan der Fantasie!

Lars Sobiraj: Wie schwer war die Suche nach einem Verlag?

Mira Morton: Also ich wurde ja sozusagen ermutigt, Mira Morton (mein Pseudonym) ins Leben zu rufen, und habe damit beim THG-Verlag begonnen. Mittlerweile bringe ich meine Bücher wieder als Selfpublisherin heraus. Und um ehrlich zu sein, ich habe mich gar nicht erst auf die Suche nach großen Publikumsverlagen begeben, da ich schnell erkannt habe, dass das zwecklos ist. Das war mir schnell klar und daher habe ich es nicht in Betracht gezogen.

Mittlerweile sehe ich das anders. Ich habe drei Romane veröffentlicht, und könnte im Fall der Fälle doch etwas vorweisen. Aber vielleicht finden ja nun auch zu mir? (Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.)

Lars Sobiraj: Warum verlegst Du nicht bei Amazon selbst? Was spricht dafür beziehungsweise dagegen?

Mira Morton: Ich bin gerade in der Umstellungsphase und verlege somit auch selbst, auch bei Amazon. Ob Selfpublisher oder Kleinverlage, das Problem bleibt ohnehin ein- und dasselbe: nämlich, wie finden interessierte Leserinnen und Leser zu meinen Büchern, und außerdem, wie kommen meine Bücher auch in den Buchhandel?

Mein neuer Roman „Ich schreib dich einfach weg“ ist daher als Selfpublisherin im BOD-Verlag erschienen. Für das Selbstverlegen spricht meiner Ansicht nach vor allem die Geschwindigkeit, mit der ich/wir veröffentlichen können. Dagegen spricht die gesamte Marketing- und Werbungsarbeit und natürlich die quasi Nicht-Erreichbarkeit des Buchhandels. Gerade deshalb hat der E-Book-Markt so einen großen Stellenwert, denn das  ist aus meiner Sicht das Dilemma der Kleinen.


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Lars Sobiraj: Gibt es noch etwas, was du zum Abschluss sagen möchtest?

Mira Morton: Ja, gerne. Erstens, dass ich dir für die Unterstützung und das Interview sehr dankbar bin, Lars.

Zweitens möchte ich hier auch einmal die Bloggerinnen und Blogger hervorheben. So viele machen so einen tollen Job und nur die wenigsten erhalten Geld dafür! Im Gegenteil, viele investieren ebenso richtig Geld in ihre Blogs. Muss auch einmal gesagt werden.

Und drittens habe ich eine Bitte an alle, die dieses Interview lesen: Achtet auch auf euer Umfeld! Fragt doch Freundinnen und Freunde einmal, wo sie ihre E-Books gekauft haben, und klärt sie auf, wenn sie von Piratenseiten kommen! Vielleicht schaffen wir alle gemeinsam ja doch noch ein Wunder.

 

P.S.: Hier noch ein Tipp für alle, die sich für dieses Thema interessieren: Die Tarnkappe hat sich im November 2014 mit dem Berliner Piratenjäger Manuel Bonik (Lisheennageeha Consulting Ltd.) unterhalten.

Tarnkappe.info

Lars Sobiraj fing im Jahr 2000 an, als Quereinsteiger für verschiedene Computerzeitschriften tätig zu sein. 2006 kamen neben gulli.com noch zahlreiche andere Online-Magazine dazu. Er ist der Gründer von Tarnkappe.info. Außerdem bringt Ghandy, wie er sich in der Szene nennt, seit 2014 an verschiedenen Hochschulen und Fortbildungseinrichtungen den Teilnehmern bei, wie das Internet funktioniert.