Smart Glasses filmen, hören mit und analysieren per KI. Datenschützer warnen vor Überwachung und Risiken für die Privatsphäre.
Künftig sollen Smart Glasses Smartphones ersetzen und Künstliche Intelligenz direkt vor unsere Augen bringen. Datenschützer schlagen jedoch Alarm: Heimliche Aufnahmen, Gesichtserkennung und massenhafte Datensammlung könnten die unauffälligen KI-Brillen zum größten Überwachungswerkzeug des Alltags machen.
Das Gadget sieht aus wie eine gewöhnliche Brille, könnte aber schon bald zum leistungsfähigsten Sensor werden, den Tech-Konzerne je in den Alltag gebracht haben. Smart Glasses fotografieren, filmen, hören mit und analysieren ihre Umgebung in Echtzeit. Meta verkauft bereits Millionen Geräte. Google steht mit Android XR in den Startlöchern und Apple arbeitet ebenso an eigenen intelligenten Brillen. Datenschützer warnen jedoch davor, dass mit jeder verkauften Kamerabrille ein weiteres Stück Privatsphäre verloren gehen könnte. Während Hersteller den Komfort in den Vordergrund stellen, sehen Kritiker den Beginn einer neuen Form alltäglicher Überwachung.
Smart Glasses sollen Smartphones ablösen
Nach Smartphones, Smartwatches und Sprachassistenten setzen Technologiekonzerne nun auf Smart Glasses. Statt ständig zum Smartphone zu greifen, sollen Nutzer Informationen dabei direkt über ihre Brille erhalten. Moderne KI-Brillen können Fotos aufnehmen, Videos aufzeichnen, Telefongespräche führen oder Fragen an einen integrierten KI-Assistenten stellen. Die Software erkennt Gebäude und übersetzt fremdsprachige Texte in Echtzeit. Zudem beantwortet sie Fragen zu Objekten, auf die der Träger gerade blickt.
Meta verfolgt dieses Konzept offensiv. Gemeinsam mit Ray-Ban und Oakley verkauft der Konzern seine Kamerabrillen bereits millionenfach. Meta-Chef Mark Zuckerberg sieht Smart Glasses als nächste große Computerplattform. Schließlich sehen sie, was der Nutzer sieht, hören, was er hört, und begleiten ihn den ganzen Tag. Er prognostiziert:
„Ich glaube, was mit Brillen passieren wird, ist Folgendes: Wir werden wahrscheinlich irgendwann in den 2030er Jahren an einen Punkt gelangen, an dem man sein Handy zwar dabei hat, es aber zunehmend in der Tasche bleibt, weil man immer mehr Dinge mit der Brille erledigen wird, die man heute vielleicht noch mit dem Handy macht.“
Auch Google arbeitet mit Android XR an einer eigenen Plattform für smarte Brillen. Ebenso verfolgt Apple die Entwicklung KI-gestützter Datenbrillen. Deren Markteinführung wird in den kommenden Jahren erwartet. Damit dürfte auch der Wettbewerb um das Gadget starten.
Smarte Brillen stellen die Privatsphäre infrage
Anders als Smartphones verschwinden Smart Glasses nahezu unsichtbar im Alltag. Für Außenstehende ist es schwer zu erkennen, ob sie gerade gefilmt werden. Diese Entwicklung stößt bei Datenschutzexperten auf massive Kritik.
Martin Steiger, Anwalt für Recht im digitalen Raum und Sprecher der Digitalen Gesellschaft Schweiz, bezeichnet Smart Glasses als einen „Frontalangriff auf das Recht auf Privatsphäre“. Im Gespräch mit Watson erklärte er, die heute erhältlichen Systeme seien nicht darauf ausgelegt, möglichst wenige Daten zu sammeln. Stattdessen würden sie möglichst viele Informationen erfassen, analysieren und weiterverarbeiten. KI-Brillen begleiten ihre Träger ständig. Damit verschwimmt die Grenze zwischen gelegentlicher Aufnahme und permanenter Datenerfassung.
Private Momente als KI-Futter
Recherchen der schwedischen Zeitung Svenska Dagbladet brachten zutage, dass Bilder, die Nutzer über die KI-Funktion ihrer Meta-Brillen aufnehmen ließen, anschließend bei externen Dienstleistern landeten. Mitarbeiter sichteten die Aufnahmen und kategorisierten deren Inhalte, um Metas Künstliche Intelligenz weiter zu trainieren. Nach Aussagen ehemaliger Beschäftigter bekamen sie dabei auch sehr private Szenen zu Gesicht, von vertraulichen Bankunterlagen bis zu intimen Momenten in Schlafzimmern.
Svenska Dagbladet verwies dabei auch auf einen besonders drastischen Fall. Dieser betraf einen Nutzer, der seine Brille auf dem Nachttisch abgelegt hatte. Die Kamera filmte weiter, während sich seine Partnerin im Raum umzog. Nach Bekanntwerden der Recherche beendete Meta die Zusammenarbeit mit dem beauftragten Subunternehmen.
Heimliche Aufnahmen werden zum Alltag
Allerdings beunruhigen Datenschützer nicht allein der Umgang mit den gespeicherten Daten. In sozialen Netzwerken tauchen vermehrt Videos auf, die mit Smart Glasses aufgenommen wurden. Sogenannte Pick-up-Artists sprechen Frauen auf der Straße an, filmen die Begegnungen heimlich und veröffentlichen die Aufnahmen im Anschluss auf TikTok, Instagram oder YouTube. Teilweise werden die Videos millionenfach angesehen und die Frauen in den Kommentaren öffentlich bewertet oder sexualisiert. Wenn überhaupt, erfahren Betroffene erst später, dass man sie ohne ihre Zustimmung gefilmt hat.
Auch in Deutschland sorgte ein Fall aus Hamburg für Aufsehen, nachdem eine Frau sich selbst in einem Social-Media-Video im Bikini wiederfand, das während eines Gesprächs an der Alster aufgenommen worden war. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Mehrere Freibäder und kommunale Einrichtungen untersagten daraufhin das Tragen entsprechender Kamerabrillen als Reaktion auf ein Problem, das sich technisch kaum eindämmen lässt.
Droht Smart Glasses Gesichtserkennung?
Zusätzliche Kritik brachten Berichte über eine mögliche Gesichtserkennungsfunktion für Metas Smart Glasses. Nach Recherchen der New York Times arbeitete das Unternehmen intern an einer Gesichtserkennungsfunktion unter der Bezeichnung „Name Tag“. Diese sollte Trägern der Smart Glasses ermöglichen, Personen im Sichtfeld in Echtzeit zu identifizieren und Informationen über den integrierten KI-Assistenten abzurufen. Damit böte ein kurzer Blick auf eine fremde Person deren Namen sowie Social-Media-Profile. Je nach Ausgestaltung der Technologie hätten dabei beispielsweise Name, Profilbild oder öffentlich zugängliche Informationen aus Facebook- oder Instagram-Profilen angezeigt werden können.
Mehr als 70 zivilgesellschaftliche Organisationen warnten Meta deshalb in einem offenen Brief vor einer Einführung der Funktion. Eine solche Technik könne zum einen Stalking sowie Belästigung erleichtern, zum anderen aber auch Identitätsmissbrauch begünstigen. Meta erklärte daraufhin gegenüber dem US-Magazin Wired, eine derartige Funktion werde derzeit nicht angeboten und würde nur nach sorgfältiger Prüfung eingeführt.
Völlig ausgeräumt waren die Zweifel damit allerdings nicht, denn Datenanalysten entdeckten im Nachhinein im Quellcode der Meta-App bereits Bestandteile der Funktion. Die Software schien vorbereitet, bedurfte jedoch noch einer Freischaltung. Nach Offenlegung verschwand der entsprechende Code mit einem späteren Update wieder aus der Anwendung. Ob Meta die Funktion endgültig verworfen oder lediglich verschoben hat, bleibt bisher offen.
Ein blinkendes LED-Licht schützt die Privatsphäre kaum
Meta verweist regelmäßig auf eine kleine LED an seinen Smart Glasses. Sie soll Außenstehenden anzeigen, wenn gerade Fotos oder Videos aufgenommen werden. Nach Angaben des Unternehmens erkennt die Software sogar, wenn das Lämpchen verdeckt wird, und fordert den Nutzer auf, die Abdeckung wieder zu entfernen. Für Martin Steiger ist das jedoch keine ernsthafte Sicherheitsmaßnahme:
„Das geht vielleicht unter zwei Menschen, bei einem Date oder Ähnlichem, da kannst du sagen: ‹Hey, was blinkt da?›, und dann ist das Date wohl auch schnell beendet. Aber wenn ich jetzt durch Zürich laufe, dann halte ich nicht die ganze Zeit Ausschau, wo solche Brillen blinken könnten.“
Zudem kursieren im Internet bereits Anleitungen, mit denen sich die Status-LED manipulieren oder unauffälliger machen lässt. Wer heimlich filmen möchte, findet entsprechende Tipps auf YouTube oder in einschlägigen Foren. Die vermeintliche Sicherheitsfunktion büßt dadurch einen großen Teil ihrer abschreckenden Wirkung ein.
Datenschützer warnen vor „Chilling-Effekt“
Nicht nur Datenschützer, sondern auch staatliche Aufsichtsbehörden beobachten die Entwicklung mit wachsender Sorge. Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte (EDÖB) weist darauf hin, dass Smart Glasses auch Risiken für die Persönlichkeitsrechte unbeteiligter Menschen bergen. Katja Zürcher, Sprecherin des Amtes des Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten, verdeutlicht gegenüber Watson, wer jederzeit damit rechnen müsse, ungefragt gefilmt oder fotografiert zu werden, ändere zwangsläufig sein Verhalten.
Sie spricht dabei vom „Chilling-Effekt„. Damit ist die schleichende Selbstzensur aus Angst, beobachtet oder aufgezeichnet zu werden gemeint. Mit wachsenden Verkaufszahlen würden infolge öffentliche Plätze dann nicht nur von stationären Überwachungskameras erfasst, sondern zusätzlich von Millionen privat getragener Kamerabrillen.
Regulierung muss bei den Herstellern beginnen
Ein generelles Verbot von Smart Glasses hält Martin Steiger nicht für sinnvoll. Schließlich bieten die Geräte beispielsweise für Menschen mit Sehbehinderungen, bei Übersetzungen oder der Navigation durchaus praktische Funktionen. Seiner Ansicht nach muss Regulierung deshalb vor allem bei den Herstellern ansetzen.
Als Vorbild nennt Steiger gegenüber Watson Drohnen. Deren Software enthält bereits heute sogenannte Geofencing-Zonen, in denen Starts technisch verhindert werden. Ein ähnlicher Ansatz wäre auch bei Smart Glasses denkbar. Schulen, Kindergärten, Gerichte, Krankenhäuser oder Schwimmbäder könnten so automatisch zu Aufnahmeverbotszonen werden. Gegenüber Watson äußert er:
„Drohnen von seriösen Anbietern können nicht beliebig überall geflogen werden. In ihren Systemen sind Sperrzonen hinterlegt, die den Einsatz an bestimmten Orten technisch unterbinden.“
Zudem hält Steiger strengere Anforderungen an die Hardware selbst für möglich. Denkbar wären Zulassungsregeln oder Einfuhrbeschränkungen für Modelle, die beispielsweise Gesichtserkennung oder auch weitreichende Datensammlungen unterstützen. Der Jurist bezweifelt zudem, dass sich Betroffene allein auf den Rechtsweg verlassen können. Bis unzulässig veröffentlichte Aufnahmen gelöscht seien, hätten sie sich möglicherweise bereits millionenfach ihren Weg durch soziale Netzwerken gebahnt. Der Schaden sei dann kaum noch rückgängig zu machen.
Nearby Glasses will versteckte Kamerabrillen aufspüren
Auf ein ungewöhnliches Open-Source-Projekt weist TechBook hin. Der Entwickler Yves Jeanrenaud veröffentlichte im März dieses Jahres die kostenlose Android-App Nearby Glasses. Statt auf Kameras oder Bildanalyse setzt diese auf Bluetooth Low Energy (BLE). Die Anwendung sucht nach Funksignalen kompatibler Smart Glasses und informiert den Nutzer, wenn sich solche Geräte in unmittelbarer Nähe befinden.
Aktuell erkennt die App unter anderem Modelle von Meta, Ray-Ban, Oakley und Snap. Laut Entwickler werden dabei weder personenbezogene Daten gesammelt noch Tracker oder Werbung eingesetzt. Der Quellcode ist dabei vollständig offen einsehbar.
Allerdings arbeitet das System bisher noch nicht völlig fehlerfrei. Da die Erkennung auf Bluetooth-Kennungen basiert, können auch andere Geräte wie VR-Headsets einen Alarm auslösen. Nearby Glasses versteht sich deshalb nicht als Beweis für eine laufende Aufnahme, sondern vielmehr als zusätzliches Warnsystem für mehr Transparenz.
Die Zukunft trägt Brille
Smart Glasses stehen erst am Anfang ihrer Entwicklung. Dennoch zeichnen sich die Konflikte bereits ab. Meta verkauft seine KI-Brillen millionenfach, Google bereitet den Marktstart von Android XR vor und Apple will ebenso in diese Richtung nachziehen. Technisch versprechen die Geräte zweifellos faszinierende Möglichkeiten. Der Preis dafür könnte jedoch hoch sein.


















